Autor: Lisa Krusche

vögel

Was möchtest du denn gerne?

Sie hat es wieder getan. Einen Text geschrieben, ihn mir geschickt und jetzt und hier also ein neuer Text von Kyra. Den Anderen findet ihr hier! „Was möchtest DU denn gerne?“, fragt sie mich und ich gucke aus dem Fenster. Auf der Veranda pickt eine Taube, pick, pick, ins Holz hinein, vielleicht sind da ja Würmer drin, oder Körner, oder Sonnenblumenkerne. Aber wo sollen die herkommen, im Garten gibt es keine Sonnenblumen und Sonnenblumenkernschalenspuckende Jugendliche in Bomberjacken und Turnschuhen gibt es hier auch nicht. Das möchte ich gerne der Taube sagen. “Ich möchte gerne der Taube sagen, dass es auf dieser Veranda keine Sonnenblumenkernschalenspuckende Jugendlichen in Prollklamotten gibt,“, antworte ich und ich merke, dass das nicht die Antwort ist, die ich geben sollte. Mist. Die Frau in dem anderen Sessel seufzt. Sie will nicht, dass ich es höre, deswegen seufzt sie sehr leise, aber ich höre es doch. Ich bin vielleicht nicht besonders gut darin, heraus zu finden, was ich will, aber ich bin sehr gut darin, heraus zu finden, was ich soll. Und jetzt …

emcke

Über die Angst

Ich habe in einem Photographiearchiv eine Photographie gefunden. Man sieht darauf fünf herausgeputzte Menschen an einen eingedeckten Tisch. Das Zimmer – möglicherweise Teil einer Gaststätte? – ist mit Tannengrün dekoriert. Und Hakenkreuzen. Zwei auf Fahnen und einer als Aufsteller auf dem Tisch. Ein Hakenkreuztischaufsteller. Und drum herum sitzen die Damen und Herren und trinken ihren Wein und essen ihr Essen. Diese Photographie ist die Manifestation meiner grausigsten Alpträume. Sie ist Abbild all dessen von dem ich mir wünsche, dass es nie mehr sein wird und von dem ich befürchte, dass es doch noch einmal möglich ist. Was für ein Schaudern, was für ein Grauen es in einem auslöst, wenn man dieses Photo anblickt und dann die Lage der Welt und des eigenen Landes betrachtet. Wenn man sich nicht beruhigend sagen kann: Ja, aber das wird nie wieder passieren. Sondern sich bloß Mut zusprechen kann, indem sich selbst zum Dagegen kämpfen aufruft, indem man sich sagt: Ich will alles mir Menschenmögliche tun, um zu verhindern, dass es wieder passiert. Das was passiert? Dass das Böse, das …

fred lisa

Die Verwahrlosung.

“Harumph.” Ich lese. “HARUMPH.” In der Mitte des Zimmers steht das Faultier. Es sieht irgendwie verklebt aus. Als hätte es sehr lange nicht mehr geduscht und sehr viele geschmolzene Bonbons in seinem Fell. “Faultier”, sage ich, “was ist mit dir?” “Ich bin verwahrlost”, sagt es und guckt sehr vorwurfsvoll. “Warum guckst du so?” “WARUM ICH SO GUCKE? DAS FRAGST DU MICH NOCH? WARUM ICH SO GUCKE? Weil da Dinge in meinem Fell kleben und meine Nase sich irgendwie verkrustet anfühlt und du willst, du willst überhaupt ganz und gar nicht wissen, was es mit einem macht, wenn man unter meinen Armen schnüffelt. Nichts Gutes, gar nichts Gutes.” Es schüttelt sich, sehr viel Staub fällt dabei ab, für einen kurzen Moment ist es nicht mehr zu sehen. “Das kommt davon”, sagt es. “Wovon?” “Vernachlässigt zu werden.” “Ach”, sage ich, “ach, das ist meine Schuld?” “Klar”, sagt das Faultier und sieht mich mit diesem amerikanischer-Highschool-Film-Oberzicke-Blick an. “Wann hast du dich denn das letzte Mal wirklich mit mir beschäftigt?” “Das war…” Ich kratzte mir am Kopf. “Das war, …

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Ist es Vatertag? Ist es Karneval? Nein, es ist Erstsemesterauftakt.

Es folgt: der Gastbeitrag einer fabelhaften Autorin. Kyra Mevert ist nicht nur eines meiner Lieblingsmädchen, schwer talentiert auf der Theaterbühne und auch dahinter, bei der Arbeit mit alten und vor allem jungen Menschen, voller Hoffnung, Mut und Trotz, sondern auch großartig im Jonglieren mit Worten. Und, jetzt, endlich, hier! Ein Text von ihr! (Falls ihr mehr wollt, Texte oder Theater, dann wendet euch an mich. Ich leite euch weiter <3) Als Studienanfängerin hatte ich einen Traum. Die Studierenden in meiner Vorstellung sitzen auf grünen Wiesen unter blühenden Linden, sie lesen Proust, Tolstoi oder Brecht, sie leben in alternativen Wohnprojekten, teilen Zahnpasta und Liebe, sie rauchen mehr als Nikotin, trinken viel Wein, lassen sich die Haare lang wachsen oder raspelkurz schneiden, sie organisieren Demonstrationen und rebellieren gegen die Umstände. Sie wollen anders sein als alle, vor allem als ihre Eltern. Und sie sehen gut dabei aus, ja sie tun das mit Stil. 11.10.2016 in Braunschweig. Ein Dienstagvormittag in den Herbstferien, Dauerregen. Tief hängende Wolken, der Himmel ist grau, die Laune mies. Plötzlich fallen mir an unterschiedlichen …

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Neu an Bord!

Ich werde alt. Es ist wie es ist. Ich bin der dreißig näher als der zwanzig, die Falten werden tiefer, der Geist langsamer, die freundlichen Menschen an Clubtüren fragen einen jetzt nicht mehr nach dem Perso, die Zeit rast und man selber wird zu langsam, um noch hinterher zu kommen. Diese Einsicht sackte langsam und als sie sich setzte, kam die Erkenntnis: Ich brauche Hilfe. Jemanden, der mir die Lesebrille zurecht rückt und mich daran erinnert, abends mein Gebiss rauszunehmen. Jemanden, der mir erklärt, was da draußen passiert, während ich drinnen meine grauen Haare zähle. Jemanden, der Schwung in die Sache bringt. Zum Glück bin ich ein vorausschauender und höchstorganisierter Mensch und habe deswegen schon vor Jahren, neunzehn an der Zahl, solch eine Unterstützung geordert. Nach einigen Startschwierigkeiten, in denen die Sache eher nach Hinten losging und ich ernsthafte Zweifel an der Einsetzbarkeit der betreffenden Person hegen musste – beispielsweise als sie in der Windelentwöhnungsphase auf meine Barbiesachen kackte – wurde sie doch noch zu der besten Besetzung für diesen Job. Jetzt also, proudly presenting …

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Der Tag an dem ich mir eine Kuh klaute

Ich fand Sophia in Nartum. Ein sehr, sehr kleiner Ort in der Nähe von Bremen. Es gibt hier nicht nichts, aber nicht viel. Das Moor ist in der Nähe, es wird viel Mais angebaut und an vielen Grundstücken stehen kleine, überdachte Stände an denen man Eier kaufen kann oder Kürbisse. Ich war schon eine ganze Weile unterwegs, erst im Wald und dann im Dorf. Um mir den Kopf freipusten zu lassen, weil Bewegung gut tut und auch ein bisschen in der Hoffnung irgendwo Empfang zu haben, denn ich taumelte so langsam meiner Vereinsamungsgrenze entgegen. Die Stimmen meiner Liebsten nicht zu hören macht mich immer irgendwann kirre und dann fange ich an mit mir selber zu reden oder mit Buntstiften Hilfebotschaften auf Zettel zu kritzeln oder mich mitten auf den Sportplatz zu legen, die Arme weit von mir gestreckt und „what shall we do with the drunken sailor“ zu singen. Kurz vorher, also vor dem Sportplatz, denn Empfang gibt es hier einfach nicht, danke an O2, sah ich sie. Sie lugte da so aus der Tür. …

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Pflaster, die keine sind und Wunden, die Luft brauchen

“Warum”, frage ich mich, “hatet man eigentlich meist eher die Neue vom Ex als den Ex selber?” “Ich weiß nicht”, antworte ich, “aber ist nicht die Frage, warum hatet man überhaupt?” “Ja”, sage ich, “weil manche Menschen das halt provozieren, weil sie so sind wie sie sind.” Ich lege mir den Finger auf den Mund und den Kopf schief. Ich kenne diese Pose, ich mache sie immer, wenn ich ins Grübeln komme. Nach einer Weile sage ich zu mir: “Es ist wegen vorhin, oder? Wegen ihres Instagramaccounts.” Ich schüttle sehr energisch den Kopf. “Klar”, ertappe ich mich selbst, “ist es deswegen.” “Na gut, ja. All dieses Glück und #liebe und wir liegen uns im Arm und machen einen auf voll heile Welt und zeigen halt nicht den Rest, wer zeigt auch bitte den Rest, den ganzen schmutzigen Rest, die Streits und die #manistderscheiße-Momente, niemand zeigt den, willkommen in Social-Media, eigentlich kann ich das reflektieren, aber genau jetzt kann ich nicht, genau jetzt nimmt zumindest mein Herz alles für bare Münze und die haben das, was …

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13//08//2016

Wie alles anders ist und manches schön und manches so grausam beschissen, dass es einem den Atem raubt. – Vieles scheint für immer verloren und verloren auch die Kraft oder der Wille oder beides um daran etwas zu ändern. – Ach, diese Stadt. – An manchen Tagen bin ich mindestens 94 und das auf die schlechte Art. – Man klammert sich ja regelrecht an den “Frieden”, daran, dass jetzt gerade hier alles gut ist. Man klammert sich an eine Illusion. Daran, dass sich die eigene Welt vom Rest der Welt abspalten ließe. – Manchmal fragt man sich, was man Leben noch zu erwarten hat und vermisst in einem melancholieverseuchten Moment die Jugend. Als wäre es jemals einmal anders gewesen, als wäre einem die Welt früher ständig wie ein verheißungsvoller Ort erschienen. – Der Irrglaube alles verdichte sich, obwohl es gerade dabei ist zu verpuffen. – Auf einer Baustelle zu arbeiten tut ertaunlich gut. Endlich mal wirklich etwas machen, etwas, das man sieht und nicht bloß vor dem Bildschirm hocken und Dinge tun, die außerhalb dessen …

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Living life golden

Es gibt so ne Alben und solchne Alben und noch ganze andere. So ne Alben, da kommen so ein zwei Tracks richtig fett, ein paar sind ganz nice und der Rest eher mau. Dann sind da solchne Alben, die mag man überhaupt nicht. Und die ganz anderen? Die ganze anderen sind feinste Perlen, höchster Hörgenuss, jeder Track ein Treffer und dein Herz hüpft im Beat. Alles stimmt und das Ding läuft auf Dauerschleife. Alben dieser Art passieren nicht jeden Tag, auch nicht jeden zweiten. Sie kommen selten, aber wenn, dann schlagen sie richtig ein. Und für einige Tage beginnt man jedes Mal zu schweben, wenn der Beat einsetzt. Elliphants Album LIVING LIFE GOLDEN ist so ein Album. Für mich definitiv ihr Bestes bisher. Der Name ist Programm, denn beim Hören legt sich eine feine Schicht Gold über das eigene Leben, beginnt alles zu schimmern und in der Sonne zu funkeln. Genau so ein Album ist das. Es serviert dir von vorne bis hinten goldenen Schimmer und macht jeden Moment erhabener. Egal, ob du gerade auf …

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Monkey Man/ Erfahrungsbericht.

Sonntagmorgen. Katerkopf. Die letzte Nacht schmerzt bis in den kleinen Zeh, der Atem riecht wie eine Schnapsfabrik und selbst mit den Nasenflügeln zu wackeln tut weh. Was tun? Weiterschlafen? Konterbier trinken? Den Kopf über die Toilette hängen? Alles schön und gut. Aber das wirklich wahre, einzig hilfreiche Mittel lautet: Hochseilgarten. Was gelogen ist. Total gelogen. Es gibt ungefähr nichts Schlimmeres. Deswegen musste mein guter Freund N. nach der ersten Route aufgeben und während des Kletterns davor tapfer runterschlucken, was sich seinen Weg nach draußen zu bahnen drohte. Überhaupt ist das ja auch ganz unverantwortlich und man sollte stets ganz nüchtern klettern. Echt jetzt, ist doch klar und eh, wer ist so unmenschlich und überredet Menschen am Sonntagmorgen zum Klettern? Ich. Weil es furchtbar lustig ist, sie über die Bretter stokeln und verzweifelt an den Seilen hängen zu sehen, während man selber beim Rutschen auf den Knie merkt wie verdammt alt man doch geworden ist. Anblicke und Erkenntnisse, die es einen fast vergessen machen wie teuer der Spaß doch ist. Das ist nämlich echt ein Manko. …