Autor: Lisa Krusche

Zürich

Menschen, die ich Pfeife rauchen sah: 1 Menschen mit Strohhüten, die ich sah: 12 Augenblicke in denen ich dachte „Verdammt, wie schön ist diese Stadt?“: zu viele für eine Strichliste – Alles ist so schön, dass es schon wieder kühl erscheint. Glatt und klar wie das Wasser der vielen Brunnen. – Ein Schwindel und eine Schwere. Drückende Müdigkeit. Die Augenlider wollen zu und der Kopf in einer ruckartigen Bewegung nach vorne fallen. – Im kühlen Luftstrom der Klimaanlage vor einem Einführungstext zu Francis Picaba auf dem kühlen Museumsboden im dezenten Kunstlicht fühle ich mich wieder frischer, weniger krank und so als könne ich selber hier sehr alt werden, konservatorisch gut aufgehoben. – Ich belausche die Menschen und bestaune sie. Bin Voyeur. Fühle mich viel weiter von zuhause entfernt als sechs Stunden Zugfahrt. – Es scheint, als brodle es unter der Oberfläche. – Zitate, die ich mochte: „Ich bin weder Maler, noch Literat, noch Spanier, noch Kubaner, noch Amerikaner (…), noch Dada. Ich bin lebendig.“ (Francis Picaba) „Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung …

24//06//2016

Was kann man eigentlich tun in dieser Welt, die einem von Tag zu Tag immer fremder erscheint? Was kann man einer Entwicklung entgegenstellen, die in eine Richtung geht, die man sich in seinen schlimmsten Träumen nicht ausgemalt hätte? Was macht man mit dieser Ungewissheit, mit der Angst, dass alles immer düsterer wird, kälter, unwirtlicher? Wie geht man um mit dem Gefühl, dass die schrecklichsten aller Geister auferstehen und durch die Länder wüten und sie zu etwas machen, womit man nichts zu tun haben möchte? Wie reißt man das Ruder rum? Es schleicht sich ein Gefühl der Ohnmacht ein. Als müsse man das jetzt einfach aushalten, als könne man gar nicht tun, als zählten die eigenen Vorstellungen nichts. Als seien sie ohnehin unrealistisch, verklärt, naiv. Dabei ist das Gegenteil der Fall, daran glaube ich fest. Ich glaube an die Liebe. Ich glaube an die Freiheit. Ich glaube an die Grenzlosigkeit. Ich glaube an die Machtlosigkeit (als etwas Gutes). Ich glaube daran, dass man Ängsten anders begegnen kann, anders begegnen muss als mit Hass. Und ich glaube, …

No, No, No.

„Ich vermisse meine Freunde“, sagt das Faultier. „Ich auch“, sage ich. „So gefällt mir das alles nicht“, sagt das Faultier, „alles schön und hell hier, aber in meinem Inneren schaut es dunkel aus.“ „Oh“, sage ich, „solche Töne von dir?“ „Ich mag ja flapsig sein manchmal, aber ich habe auch ein Inneres.“ Das Faultier verschränkt die Arme. „Was tun?“, frage ich. „Eingestehen, dass alles eine Scheißidee war und die Sache wieder rückgängig machen. „Ach“, sage ich, „gib dem Ganzen doch noch eine Chance.“ „Keine Chance für Scheiße“, sagt das Faultier. Ich nicke, weil es Recht hat. „Also alles wieder rückgängig?“ „Auch sich wieder umzudrehen ist von der Gegenwart her gesehen eine Vorwärtsbewegung.“ „Na dann.“ „Geile Scheiße!“, jubiliert das Faultier und zieht einen Rucksack unter dem Bett hervor. „Meine Sachen sind gepackt“, sagt es, „komm, gehen wir nach Hause!“

Leckerschmecker Holland

Urlaub? Abhängen? Nichts als chillen? Nix für uns! Ohne Arbeit fühlen wir uns leer und verloren, Nichtstun ist nicht auszuhalten. Deswegen haben wir den Aufenthalt in Holland für das Abarbeiten wichtiger Punkte auf unseren To-do-Listen genutzt. Endlich konnten wir brennende Fragen klären wie: Ist der günstige Sparkling Eistee so gut wie das Markenprodukt? Schmeckt eigentlich dieser Kuchen aus den netten Pappverpackungen? Wie süß muss eine Limo sein, damit sie so richtig eklig ist? Und nicht zuletzt: Welche Streusel sind die Besten? Um all das herauszufinden haben wir weder Kosten noch Mühe noch dicke Bäuche gescheut und präsentieren jetzt unseren Holland Gourmetführer. Ihr erfahrt alles Wichtige über nach dem Zufallsprinzip und spontaner persönlicher Neigung ausgesuchter Produkte. Zum Beispiel wie uns das Design gefallen hat. Oder ob es einen WOW-Faktor gab (also wie sehr uns das Produkt überrascht hat). Und, klar, auch wie es so schmeckt. In diesem Sinne: Guten Appetit. Mango Juice Der oben von Jesusverschnitt präsentierte Mangojuice macht den Anfang und bekommt für den WOW-Faktor 4,8, das Design 4 und den Geschmack 7 Punkte. Hätte …

Holland.

Wir waren in Holland. Diesem kleinen netten Land wo alle ganz entspannt bei 130 über die Autobahn tuckern, die Streusel vielfältiger sind und das Gras grüner. Mit den kleinen Häusern und den großen Parkgebühren. Aber natürlich waren wir nicht einfach so da, um die Nase in die Meeresbrise zu halten und die Seele baumeln zu lassen. Oder etwa um uns mit Pommes vollzustopfen, nachdem wir die vielen kleinen Second-Hand-Läden leergeräumt haben. Oder um den lieben langen Tag in der Sonne zu brutzeln, weil auf einmal und plötzlich Sommer war. Vermutlich die einzigen paar Tage, wenn man das Wetter draußen jetzt so betrachtet. NEIN! Wir haben richtig was geleistet vor Ort, man kann kaum noch von Urlaub sprechen, so fleißig waren wir, man muss wirklich eher Geschäftsreise sagen. Denn wir haben live und direkt und ohne Skrupel nicht nur einen Gourmetessenstest gemacht, sondern auch die heißesten Campingsplatzlooks, die Trendteile des Zeltens gespottet und sofort authentisch in Szene gesetzt. Also bitte, denkt nicht, wir hätten nur ein paar mickrige Fotos in petto oder bloß dieses zauberhafte mit …

27//05//2016

-Wie das Gefühl sich die Intuition abzutrainieren oder abtrainieren zu sollen mich total blockiert. Wie alles, was ich bewusst konstruiere sich wie eine Lüge anfühlt. Wie ich also wieder lernen muss, mich dazu anzuhalten, intuitiv zu handeln. Was für ein Wahnsinn. – „Wir haben zu spielen.“ Es ist doch total unmögich, alles ernst zu nehmen. -Es ist so eine Unverschämtheit, das es scheitert zwischen Menschen, obwohl man es doch will. Oder wollte. Und dann vermisst man plötzlich, zwischendurch, mit voller Wucht. Risse im Alltag. Allein darüf muss man schon wieder lieben. Für die Risse. -Menschen, Menschen, Menschen. Wenn man zu viel Zeit mit ihnen verbringt, weiß man wieder, warum man das nicht wollte. -Nach einem Tag allein und der Ruhe des Bei-sich-selbst-seins fühlt sich alles so wohlig an. Wie nach einem Tag in der Sonne in die Kühle der Wohnung kommen. -Jemand erzählt, was über mich erzählt wurde. Ich kann es nicht leiden und keinen Abstand halten. Versuche es mit Säten, die ich mir vorbete. Wichtig ist nur, was du von dir denkst. Es taugt …

28//04//2016

Gute Worte: Schmackofatz, Solide, Gurkenkick, Inbrunst, Zwergnase. – Dieser Welt entkommen wollen. Entfliehen aus den tausendfachen Geflechten. Furchtbar alles. Und überhaupt: Was soll das ganze Theater? Dieser Affenzirkus, dieses Getue. Wenn man nur einmal den Mut hätte, alles umzustoßen, alles auseinanderzunehmen. – Diese Perlmuttmenschen, diese Aalglatten. Wie machen die dies? So adrett, so ordentlich, immer, morgens, mittags, abends. Wenn ich schon wieder aussehe wie ein zerrupftes Huhn, kann man sich in dem Glanz ihrer Haare immer noch spiegeln. Es wird mir ein ewiges Mysterium bleiben. Da gibt es doch einen Trick, eine Zauberei, etwas, in das ich nicht eingeweiht bin, von dem ich nicht weiß. Bügeln würde vielleicht schon etwas ausmachen, die Falten aus den Kleidungsstücken. Blieben aber noch die in meinem Gesicht und die Flecken, die einfach immer von selber kommen. – Alle sprechen über das Wetter. Man ertappt sich selbst dabei. Weil es so leicht ist. Ganz einfach. Trivial. Entblößend, die Faulheit und die Lustigkeit, die fehlenden Ambitionen. – Fragen stellen hilft. – Das Grau ist infernalisch. Aber anderseits auch schön. – Die …

Unerwünschter Besuch

Der Selbstzweifel ist ein schmieriger Typ mit zurückgegelten Haaren im Superwetlook, die noch mehr glänzen als sein schlecht sitzender Anzug. Er hat einen Zahnstocher im Mund und unterstreicht sein Reden mit blasierten Gesten. Für seinen fauligen Mundgeruch schämt er sich kein bisschen. Das mag daran liegen, dass der fast noch angenehmer ist als das süßlich-beißende Parfum, das ihn umweht. „Nein, ganz und gar nicht, nein, nein“, sagt er. Er sitzt oft irgendwo in einer Ecke und meldet sich immer dann zu Wort, wenn man es am Wenigsten gebrauchen kann. „Total scheiße“, sagt er, „totaaaal.“ Dabei zieht er seine Augenbrauen zusammen und schnaubt. Aus unerfindlichen Gründen macht es ihm Spaß anderen die Laune zu vermiesen und seine Meinung so vehement und so penetrant zu verkünden, dass man am Ende selber dran glaubt. Durch stetes Wiederholen säät er Miesepeterstimmung und verleitet einem jeden Esprit. So sehr, dass man irgendwann kapituliert, sich die Jogginghose anzieht und zurück ins Bett kriecht. Dann zündet sich der Selbstzweifel lächelnd eine Zigarre an und ascht in fremde Kaffeetassen.

Abys­sus des Firlefanzes

Ich habe sehr lange da gesessen, abwechselnd auf das neue Dokument und das Schmierpapier neben mir starrend. Ich wollte etwas schreiben, unbedingt, etwas über den Schock und den Schmerz und die Angst vor der Zukunft. Über die Unwirtlichkeit, die Kälte, die Vernebelung. Traurig oder wütend, wütend wäre vielleicht besser, denn Wut sorgt für den Pfiff. Wut gibt Texten Pfeffer. Traurigkeit verändert eher die Farben und den Aggregatzustand von Texten. Macht, dass sie schweben oder sehr schwer werden. Wut hingegen kann Texte zu kleinen handlichen Wurfgeschossen transformieren. Ich hätte jetzt sehr gerne so eines zur Hand. Besser noch zwei oder drei. Eigentlich kann man gar nicht genug davon haben, eigentlich möchte ich doch hinausschreien, wie furchtbar, erschreckend, ekelhaft es da draußen gerade läuft. Oder die bleierne Schwere der Traurigkeit – fabelhaft, wunderbar, ich hätte sie mit Kusshand genommen und einige langsame, wiegende Tänze mit ihr getanzt. Ach, meinetwegen auch die Hysterie mit der sich kreischend lachen und auf die Schenkel klopfen ließe, bis einem irgendwann die Luft ausgeht. Die Panik, ja!, ja!, die Luft raubende, beklemmende …

Wir sind dann mal weg.

„Sooo“, sagt das Faultier, „ich wäre dann soweit.“ Es sitzt auf meinem Reiserucksack. Der Rucksack ist gepackt. „Bereit wofür?“, frage ich. „Wir hauen ab“, sagt es und in seiner Stimme ist kein Zweifel, dafür viel Befehl. „Achso“, sage ich. „Ja“, sagt es und rückt seine Kapitänsmütze zurecht, „wir setzen uns ab, verlassen die Ratten auf das sie mit dem sinkenden Schiff untergehen werden. Wir nehmen den Landweg gen Norden. Und kommen lange Zeit nicht wieder.“ „Was heißt lange Zeit?“, frage ich. „So lange bis erneut die Stunde null geschlagen hat. Bis dieses Land es wieder einmal geschafft hat, alle Menschlichkeit aus jeder Faser zu tilgen und mitten in die Katastrophe zu rennen, die alles in Schutt und Asche legen wird.“ Ich schaue mich um. Das Faultier auch. Dann schaut es wieder mich an. „Vielleicht kommen wir auch niemals wieder. Höchstens für den ein oder anderen kurzen Besuch, dann wenn nach dem Wiederaufbau die Häuser wieder stehen, aber die Schande immer noch überall zu spüren ist.“ „Und wenn es nicht so kommen wird?“, frage ich. „Ach“, …