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Die Verwahrlosung.

„Harumph.“ Ich lese. „HARUMPH.“ In der Mitte des Zimmers steht das Faultier. Es sieht irgendwie verklebt aus. Als hätte es sehr lange nicht mehr geduscht und sehr viele geschmolzene Bonbons in seinem Fell. „Faultier“, sage ich, „was ist mit dir?“ „Ich bin verwahrlost“, sagt es und guckt sehr vorwurfsvoll. „Warum guckst du so?“ „WARUM ICH SO GUCKE? DAS FRAGST DU MICH NOCH? WARUM ICH SO GUCKE? Weil da Dinge in meinem Fell kleben und meine Nase sich irgendwie verkrustet anfühlt und du willst, du willst überhaupt ganz und gar nicht wissen, was es mit einem macht, wenn man unter meinen Armen schnüffelt. Nichts Gutes, gar nichts Gutes.“ Es schüttelt sich, sehr viel Staub fällt dabei ab, für einen kurzen Moment ist es nicht mehr zu sehen. „Das kommt davon“, sagt es. „Wovon?“ „Vernachlässigt zu werden.“ „Ach“, sage ich, „ach, das ist meine Schuld?“ „Klar“, sagt das Faultier und sieht mich mit diesem amerikanischer-Highschool-Film-Oberzicke-Blick an. „Wann hast du dich denn das letzte Mal wirklich mit mir beschäftigt?“ „Das war…“ Ich kratzte mir am Kopf. „Das war, …

No, No, No.

„Ich vermisse meine Freunde“, sagt das Faultier. „Ich auch“, sage ich. „So gefällt mir das alles nicht“, sagt das Faultier, „alles schön und hell hier, aber in meinem Inneren schaut es dunkel aus.“ „Oh“, sage ich, „solche Töne von dir?“ „Ich mag ja flapsig sein manchmal, aber ich habe auch ein Inneres.“ Das Faultier verschränkt die Arme. „Was tun?“, frage ich. „Eingestehen, dass alles eine Scheißidee war und die Sache wieder rückgängig machen. „Ach“, sage ich, „gib dem Ganzen doch noch eine Chance.“ „Keine Chance für Scheiße“, sagt das Faultier. Ich nicke, weil es Recht hat. „Also alles wieder rückgängig?“ „Auch sich wieder umzudrehen ist von der Gegenwart her gesehen eine Vorwärtsbewegung.“ „Na dann.“ „Geile Scheiße!“, jubiliert das Faultier und zieht einen Rucksack unter dem Bett hervor. „Meine Sachen sind gepackt“, sagt es, „komm, gehen wir nach Hause!“

Wir sind dann mal weg.

„Sooo“, sagt das Faultier, „ich wäre dann soweit.“ Es sitzt auf meinem Reiserucksack. Der Rucksack ist gepackt. „Bereit wofür?“, frage ich. „Wir hauen ab“, sagt es und in seiner Stimme ist kein Zweifel, dafür viel Befehl. „Achso“, sage ich. „Ja“, sagt es und rückt seine Kapitänsmütze zurecht, „wir setzen uns ab, verlassen die Ratten auf das sie mit dem sinkenden Schiff untergehen werden. Wir nehmen den Landweg gen Norden. Und kommen lange Zeit nicht wieder.“ „Was heißt lange Zeit?“, frage ich. „So lange bis erneut die Stunde null geschlagen hat. Bis dieses Land es wieder einmal geschafft hat, alle Menschlichkeit aus jeder Faser zu tilgen und mitten in die Katastrophe zu rennen, die alles in Schutt und Asche legen wird.“ Ich schaue mich um. Das Faultier auch. Dann schaut es wieder mich an. „Vielleicht kommen wir auch niemals wieder. Höchstens für den ein oder anderen kurzen Besuch, dann wenn nach dem Wiederaufbau die Häuser wieder stehen, aber die Schande immer noch überall zu spüren ist.“ „Und wenn es nicht so kommen wird?“, frage ich. „Ach“, …

Vorbereitung des Faulseins

„Ich mag es hier nicht, nein, nein, ich mag es gar nicht“, sagt das Faultier. Wir sitzen in der Uni. „Ich schon“, sage ich. Das Faultier guckt mich mit zusammen gekniffenen Augen an. „Du bist total scheiße“, sagt es. „Oh, danke“, sage ich. „Ja, echt jetzt“, sagt es, „total beschissen. Früher, da mochte ich dich irgendwie. Da warst du locker und lustig. Jetzt bist du so ein Pisser, der total ernst über Roland Barthes Die Vorbereitung des Romans hockt sich dialektische Gedanken macht.“ „Weißt du überhaupt was dialektisch bedeutet?“, frage ich. „Genau das meine ich“, sagt es. „Ist doch so richtig scheißegal. Komm wir schwänzen.“ „Nee“, sage ich, „heute nicht. Jetzt sind wir doch schon da.“ „Na und? Es gibt hier nicht mal eine Anwesenheitspflicht. Komm, wir verpissen uns jetzt und machen was Besseres, zum Beispiel nichts.“ „Nee“, sage ich, „nicht heute, ich mag lieber hier bleiben und was lernen.“ „WAS LERNEN? WAS LERNEN? Wir lernen jetzt was und zwar fürs Leben und zwar wie man sich verpisst, um Luftschlösser zu bauen und Tagträumereien zu …

Diese Zeit gehört dir

Das Faultier und ich fahren zur Arbeit. Genauer: Wir pendeln. Mit dem Zug. „Der Mensch ist ja in den meisten Fällen doch mehr ein Unmensch“, sagt das Faultier. „Ja“, sage ich, „pendeln ist Krieg.“ „KRIEG“, schreit das Faultier und lässt sich von einem Gepäckhalter über einen der bräsigen Anzugmenschen im Fahrradabteil baumeln. Hinter ihm ein Schild mit „Für Fahrräder reserviert. Bei Bedarf Sitze bitte freigeben“-Aufschrift. Ich stehe mit meinem Fahrrad im Gang und versuche das Ruckeln des Zuges auszubalancieren. Das Faultier lässt einen fahren. Dann lacht es. „Nächstes Mal scheiße ich dir auf den Kopf mein Freund“, sagt das Faultier und hebt drohend einen Finger. Dann setzt es sich auf meine Schultern und wischt mir mit dem Pfotenrücken über meine Stirn. „Du schwitzt“, bemerkt es. „Ja“, sage ich, „die Crux des herbstlichen Fahrradfahrens. Man kann einfach nicht das Richtige anziehen. Entweder es ist zu kalt oder aber zu warm und dann schwitzt man wie verrückt und ölt und ölt und ist schon vor der Arbeit einmal komplett sanierungsbedürftig.“ Ich zupfe mir ein Faultierhaar aus dem …

Das Schönste, das bin ich.

Das Faultier ist weg. Es hat mir eine Karte geschrieben. Vorne ist das Meer drauf, Sonnenuntergang, alles sehr harmonisch. Hinten ein wütender Text, alles sehr disharmonisch. „Na toll. Danke. Vielen, vielen, vielen Dank. Da weiß ich ja jetzt, wo ich stehe. Bei dir. Also wortwörtlich und im Herzen. Nicht nur, dass du dich schon ewig und hundert Tage nicht mehr mit beschäftigt hast, nein, du ersetzt meine Geschichten durch die irgendwelcher ausgedachter Halunken, die den Untergang der Welt befeuern. Wen interessiert das, wenn er auch etwas über das dopste Faultier überhaupt lesen kann? Stattdessen kriegen meine glorreichen Geschichten nun einen dieser Larifariplätze am Ende der Seite. Soweit reicht die Aufmerksamkeitsspanne des gemeinen Users doch gar nicht, um sich bis nach unten zu scrollen. Bis dahin hat der doch längst keine Geduld mehr und es ist ihm eingefallen, dass er lieber Porno will. Und selbst wenn beides nicht zutrifft, dann gibt er auf, weil er so deprimiert ist, von all dem trostlosen Kram, den er vorher auf dieser Seite hier lesen musste. Ohne zu wissen, dass …

Was wird, kann noch werden.

„Du bist wieder da“, schreit das Faultier und springt auf dem Bett auf und ab. Dann streckt es seine Arme nach mir aus. „Jetzt beginnt das süße Leben.“ Es grinst und nimmt einen Schluck aus seinem Flachmann und einen Zug von seiner Pizza. „Wo faulenzen wir zuerst?“, fragt es. „In der Sonne“, sage ich. „Ist gut“, sagt es, „wenn du mich Huckepack nimmst.“ „Ist gut“, sage ich. Es springt auf und raucht mir ins Ohr. „Versprich mir“, sagt es, „dass wir niemals wieder so etwas durchstehen müssen. Niemals.“ Ich spüre den Windzug seines Augenaufschlages an meiner Wange. „Kann ich nicht“, sage ich, „irgendwann wird wieder so etwas passieren. So ist das Leben.“ „Argh.“ Es zieht noch mal. „Das Leben ist nicht so. Das Leben wird so gemacht. Überhaupt ist Leben nicht, es wird. Und was wird, kann noch werden und zwar grundsätzlich erstmal alles und das heißt nicht so, sondern auch so oder so oder so oder so. Jetzt hast du doch deine Abschlussarbeit überstanden. Du hast getan, was den Behauptungen nach getan werden musste. …

Keine Arme, kein Fang

Das Faultier und ich fahren Snowboard. Das heißt: Ich fahre Snowboard und das Faultier sitzt auf meinen Schultern, grölt „Skifoan“ und immer nur das eine Wort, weil es den restlichen Text nicht kann, trinkt Obstler aus seinem Flachmann, bewirft Skifahrer mit Schneebällen und prostet sich für jeden Treffer selbst zu. Die Schneebälle hat es in meiner Kapuze gelagert. Bei jedem Stop sorgt es für Nachschub. Auf die Frage danach, ob es nur einzelne oder alle Skifahrer im generellen zum Ziel erklärt hätte antwortet es mit: „Nur die mit den Spaßmützen. Oder die, die so aussehen, als würden sie hässliche Spaßmützen aufsetzen, wenn der Helm runter ist. Unter diese Kategorie fallen meiner Meinung nach so gut wie alle.“ Es wirft einen weiteren Ball und trinkt noch einen Schuck. Dann klopft es gegen meinen Helm. „Du“, sagt es, „fahr mal schneller. Eine Horde Skifahrer ist hinter uns her.“ Ich gebe mir alle Mühe zu beschleunigen, während das Faultier sich den Skifahrern zu wendet und ihnen die Faust entgegenreckt. „Ihr werdet uns niemals in die Hände bekommen“, schreit …

Schatzsucher sein.

„Heute war ich fleißig“, sagt das Faultier. „Was hast du denn gemacht“, frage ich es. „Ich habe Dinge gesucht.“ „Wusste gar nicht, dass du was verloren hast.“ „Ne“, sagt es. „Wie ne?“ „Ne, ich habe ja auch nichts verloren.“ „Wieso hast du denn dann etwas gesucht?“ „Ich habe Dinge gesucht, die ich nicht verloren habe und nicht vermisst habe und von denen ich vorher auch nichts gewusst habe.“ „Wofür?“, frage ich. „Ich bin Schatzsucher“, sagt es, „es ist mein Job Schätze zu suchen“, es grinst, zieht an seiner Pfeife und rückt sich mit der nicht die Pfeife haltenden Hand die Kapitänsmütze zurecht. „Ich dachte, Kapitän sein ist dein Beruf.“ „Es ist immer nie gut wenn du denkst“, sagt es, „schau, es ist doch so: Wenn zwei Jobs so sehr Hand in Hand gehen wie Avocado und Tomate dann jawohl Kapitän und Schatzsucher sein.“ „Avocado und Tomate?“ Ich runzle die Stirn. „Also, weißt du, was manchmal wirklich doof an dir ist? Dass ich dir immer so viel erklären muss und zwar die unwichtigen Dinge, da stellst …

Dönerbox

„Wahnsinn“, sage ich, „Wahnsinn, Wahnsinn, Wahnsinn.“ Immer wieder. Ich bin ausgelassen und aufgeregt oder aufregend ausgelassen, elektrisiert euphorisch. Mein Herz scheppert mit einer 200ter Taktfrequenz in meinem Brustkorb und ich habe das Gefühl selbst zwei Tage Chillout würden mich nicht von diesem Trip runterholen. Zwischen den vielen Wahnsinns tanze ich mit zappligen Gliedern und klatsche so enthusiastisch in die Hände wie die schmachtenden Renterinnen auf Florian Silbereisens Schlagershows. Das Faultier popelt in der Nase und betrachtet mich dabei mit schief gelegtem Kopf. „Ist doch geil, oder? Oder? Oder?“ Ich steppe zum Faultier und komme ihm nasenspitzennah. „ODER?“, frage ich noch mal. „Chill mal deine Basis“, sagt das Faultier und schnipst einen Popel aus dem offenen Fenster. „Fifty fifty“, sagt es. „Fifty fifty was?“, frage ich. „Fifty fifty, dass es jemanden trifft, der es verdient.“ „Schön“, sage ich, „aber geil, oder? Supergeil sogar.“ „Mhm“, sagt das Faultier, „ist toll.“ „Ist es echt“, sage ich, „so lange, sooo lange habe ich gewartet und gewünscht und gewartet und geschrieben und wieder gewartet und wieder geschrieben und plötzlich stehst …