Alle Artikel in: Pöbelpost

Grab them by the melons: Früchte des Zorns.

Und dann findest du dich da wieder: In der Firmenzentrale einer großen Supermarktkette am Rande der Stadt, in einem Büro mit großen Fenstern, in einem gepolsterten Drehstuhl mit Armlehnen. Alle haben hier heute so einen Stuhl, alle sitzen fürchterlich bequem. Alle, das sind heute vier. Zwei auf der einen, zwei auf der anderen Seite. Zwei, die in der Firmenzentrale arbeiten, an hoher Position, mit viel Verantwortung. Zwei, die woanders arbeiten, wo Positionen ein bisschen egal sind, weil alle gleich viel Verantwortung tragen. Zwei dort, ein bisschen irritiert, zwei hier, ein bisschen wütend. Anlass dieser Zusammenkunft ist eine von mir verfasste E-Mail. Anlass dieser E-Mail war eine vom Unternehmen geschaltete Werbung. Auf einer Din A5 Karte ist eine Frau zu sehen. Sie blickt lüstern in die Kamera, der Reißverschluss ihrer Hotpants ist geöffnet, vor der nackten Brust trägt sie einen Melonenschnitz. Daneben der originelle Spruch: „Wer hat die schönsten Melonen Braunschweigs?“ Auf der Rückseite wird deutlich: Es handelt sich hierbei um eine Anwerbung von neuen Auszubildenden. Alle vier Personen haben unterschiedliche Lebenswege zurück gelegt, um jetzt …

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Über die Angst

Ich habe in einem Photographiearchiv eine Photographie gefunden. Man sieht darauf fünf herausgeputzte Menschen an einen eingedeckten Tisch. Das Zimmer – möglicherweise Teil einer Gaststätte? – ist mit Tannengrün dekoriert. Und Hakenkreuzen. Zwei auf Fahnen und einer als Aufsteller auf dem Tisch. Ein Hakenkreuztischaufsteller. Und drum herum sitzen die Damen und Herren und trinken ihren Wein und essen ihr Essen. Diese Photographie ist die Manifestation meiner grausigsten Alpträume. Sie ist Abbild all dessen von dem ich mir wünsche, dass es nie mehr sein wird und von dem ich befürchte, dass es doch noch einmal möglich ist. Was für ein Schaudern, was für ein Grauen es in einem auslöst, wenn man dieses Photo anblickt und dann die Lage der Welt und des eigenen Landes betrachtet. Wenn man sich nicht beruhigend sagen kann: Ja, aber das wird nie wieder passieren. Sondern sich bloß Mut zusprechen kann, indem sich selbst zum Dagegen kämpfen aufruft, indem man sich sagt: Ich will alles mir Menschenmögliche tun, um zu verhindern, dass es wieder passiert. Das was passiert? Dass das Böse, das …

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Ist es Vatertag? Ist es Karneval? Nein, es ist Erstsemesterauftakt.

Es folgt: der Gastbeitrag einer fabelhaften Autorin. Kyra Mevert ist nicht nur eines meiner Lieblingsmädchen, schwer talentiert auf der Theaterbühne und auch dahinter, bei der Arbeit mit alten und vor allem jungen Menschen, voller Hoffnung, Mut und Trotz, sondern auch großartig im Jonglieren mit Worten. Und, jetzt, endlich, hier! Ein Text von ihr! (Falls ihr mehr wollt, Texte oder Theater, dann wendet euch an mich. Ich leite euch weiter <3) Als Studienanfängerin hatte ich einen Traum. Die Studierenden in meiner Vorstellung sitzen auf grünen Wiesen unter blühenden Linden, sie lesen Proust, Tolstoi oder Brecht, sie leben in alternativen Wohnprojekten, teilen Zahnpasta und Liebe, sie rauchen mehr als Nikotin, trinken viel Wein, lassen sich die Haare lang wachsen oder raspelkurz schneiden, sie organisieren Demonstrationen und rebellieren gegen die Umstände. Sie wollen anders sein als alle, vor allem als ihre Eltern. Und sie sehen gut dabei aus, ja sie tun das mit Stil. 11.10.2016 in Braunschweig. Ein Dienstagvormittag in den Herbstferien, Dauerregen. Tief hängende Wolken, der Himmel ist grau, die Laune mies. Plötzlich fallen mir an unterschiedlichen …

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Pflaster, die keine sind und Wunden, die Luft brauchen

“Warum”, frage ich mich, “hatet man eigentlich meist eher die Neue vom Ex als den Ex selber?” “Ich weiß nicht”, antworte ich, “aber ist nicht die Frage, warum hatet man überhaupt?” “Ja”, sage ich, “weil manche Menschen das halt provozieren, weil sie so sind wie sie sind.” Ich lege mir den Finger auf den Mund und den Kopf schief. Ich kenne diese Pose, ich mache sie immer, wenn ich ins Grübeln komme. Nach einer Weile sage ich zu mir: “Es ist wegen vorhin, oder? Wegen ihres Instagramaccounts.” Ich schüttle sehr energisch den Kopf. “Klar”, ertappe ich mich selbst, “ist es deswegen.” “Na gut, ja. All dieses Glück und #liebe und wir liegen uns im Arm und machen einen auf voll heile Welt und zeigen halt nicht den Rest, wer zeigt auch bitte den Rest, den ganzen schmutzigen Rest, die Streits und die #manistderscheiße-Momente, niemand zeigt den, willkommen in Social-Media, eigentlich kann ich das reflektieren, aber genau jetzt kann ich nicht, genau jetzt nimmt zumindest mein Herz alles für bare Münze und die haben das, was …

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Im Wartezimmer mit dem Frohsinn

Alles ist trübsinnig.Die Nachrichten, das Wetter, mein Antlitz im Spiegel, die Facebooktimeline und das Gesicht der Omi im Wartzezimmer,die ganz streng guckt,weil ein kleiner Junge zwei Stühle weiter zwei Mal lacht. Der Frohsinn hat es schwer. Er sitzt neben mir und atmet schnaufend . “Ich gebe alles, es ist nicht genug ” sagt er und starrt auf seine im Schoß gefalteten Hände, “ein Kampf gegen Windmühle, auf der Stelle treten und immer gegen die Wand. Wie schwarze Löcher mit Moltofill stopfen wollen.” Ich nicke und sorge mich. Die Anstrengung, der Frust und dazu – der Jüngste ist er auch nicht mehr. “Man steht auch so alleine da. Die Menschen tun grausame Dinge,die sagen grausame Dinge, sie schreiben über grausame Dinge, sie lesen grausame Dinge und gucken grausame Dinge und echauffieren sich ständig, sind knarzig und verbittert.” Ihm steht der Schweiß auf der Stirn. “Traurigkeit müsste man sein. Hass müsste man sein. Verzweiflung müsste man sein. Wenn ich mich noch mal entscheiden könnte, ich wäre Schwermut geworden oder sowas neumordenes, Ragemodus oder so. Was mit Zukunft. …

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Fuck off, world.

Es ist ein Punkt erreicht, an dem mir die Kraft fehlt, einen zusammenhängenden Text zu schreiben. Gedankenfetzen. Kreise. Kringel. Zusammenhangsloses, schnell Gedachtes, kurz Notiertes, nicht weiter Reflektiertes. Ich bin müde, ich bin resigniert, ich bin nahezu hoffnungslos. Die Vielzahl der Fronten, an denen man kämpfen muss, an denen man kämpfen will – es ist zu viel. Es zerreißt das Innere, es zermürbt den Tatendrang, es entmutigt den Mut. Die immer gleiche Frage, die unaufhörlich im Kopf zirkuliert: Was ist das für eine kranke, beschissene Welt? Es ist so unerträglich. Auch aus egoistischen Erwägungen. Ich stehe überhaupt nicht auf Massenveranstaltungen, ich hasse Massenveranstaltungen und Bewegungen, ich mag Massen nicht und wenn massenweise Menschen etwas superduper finden, wie Silvester oder Karneval oder Fußball – dann ist es mir meistens sehr suspekt. Die Vorstellung, nicht mehr an solchen Events teilnehmen zu können – aus Angst – trotzdem unerträglich. Ich will aber genauso einen Safetyspot. So einen Fluchtgedanken. Ich will, dass ich mir sagen kann: Na und. Was geht es mich an. Ich bin ein reicher, weißer, heterosexueller Mann. …

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Cornflakes im Paradies

Die Toilette der Lufthansa Lounge ist sehr schön. Viele Menschen würden sich freuen, wenn sie diese Toilette ihr zuhause nennen dürften. Sie ist sehr hell und sauber und alles ist rund, sogar die Tür, und die Toilettenfrau lächelt nett und will kein Geld. Überhaupt die ganze Lounge, eine Parallelwelt, nur für Mitglieder. Es gibt essen und trinken kostenlos und en masse, die Sitze sind weich, das Licht gedämpft, die Musik dezent, die Menschen sind gut gekleidet, wenn man damit hochpreisige Materialien meint, sie sprechen leise in ihre Headsets. Ein kleines, sehr dünnes Mädchen mit Uggboots tut sich mit einem sehr kleinen Löffel sehr wenige Cornflakes auf einen sehr kleinen Teller. In einem Regal liegen nationale und internationale Zeitungen auf deren Titelseiten Menschen weinen oder vermummt Waffen auf andere Menschen richten. Die Mehrheit der Deutschen ist für den Einsatz in Syrien steht da und ich frage mich, ob wenn ich beginnen würde, diese Schlagzeile anhand einer repräsentativen Umfrage hier zu verifizieren zwei Sicherheitsmänner aus dem Nichts treten würden und mich dezent wie die Musik aus dem …

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Das Gesicht von Mehmet Scholl oder wieso Nachrichten ein Abo für Hoffnungslosigkeit sind.

Die Bilder. Das Chaos. Das Blaulicht. Das Weinen. Das Gesicht von Mehmet Scholl. Das mit den Nachrichten, das war nur ein Versehen. Ich gucke sonst keine und lese auch selten welche.* Es tut zu weh. Ich halte es nicht aus, ich ertrage es nicht. Zu sehen und zu lesen, was auf dieser Welt passiert. Dieser Welt, die eben auch meine Welt ist, so wie die eines jeden anderen Menschen und am Ende von niemanden, denn wo man nur zu Gast ist, da besitzt man nicht. Mehmet Scholl sagte an diesem Abend, an dessen Anfang der Fußball und dessen Ende der Krieg stand, nachdem er etwas gefragt wurde, er könne nichts sagen. Er sehe diese Bilder. Alles kalt und leer. Sagte er das? Oder bildete ich mir das nur ein? So oder so, so ist es: Alles ist kalt und leer. So ähnlich geht es mir. Ich sehe die Bilder, ich lese die Texte und dann wird alles kalt und leer. Ich werde verrückt, ganz wortwörtlich, ver-rückt. Die Realität da draußen entfremdet mich von meiner Wirklichkeit. …

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Was kommt nach dem Katzenkrimi?

Akif Pirinçci tut mir Leid. Ich würde ihm, wenn es denn möglich wäre, nicht nur eine sondern sehr viele Dosen Mitleid kaufen. Er hat sich das redlich verdient, ja wirklich. Eine ganze Wagenladung würde ich ihm kaufen, vielleicht sogar zwei oder drei. Ich wäre nicht knauserig, ganz und gar nicht, ich würde ihn darunter begraben, so spendabel wäre ich. Ich denke, der Mann hat eine Menge Probleme. Als Schriftsteller zum Beispiel. Der Katzenkrimi war ja nicht sein erster Roman, aber der einzige, der wirklich Erfolg hatte. Katzenkrimi. Irres Wort. Mit der Alliteration als Berufsbezeichnung kann man sich bei Bauer sucht Frau bewerben ohne Bauer zu sein. Katzenkrimi- eine seltsame Sache. Nichts gegen Katzen und nichts gegen Krimis. Ich mag Hunde lieber und nichts steht für mich so sehr mit dem Wort „seichte Unterhaltung“ in Verbindung wie Katzen. Katzenvideos zum Beispiel oder Katzenmemes. Die sind immer süß und oooh und lustig und sehr populär. Wenn man ein bisschen gemein und sehr prätentiös sein will, dann kann man sagen ein Katzenkrimi, das sei Genreliteratur par excellence und …

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Lieber Gott, mach mich fromm und gib mir eine Meinung aus Beton.

Jeden Morgen bete ich für eine Meinung aus Beton. Eine, die sich verkaufen lässt. Ich bete für weniger Trotz im Kopf und mehr Flexibilität. Gott, bitte mach, dass meine Meinungen erstens rentabel und zweitens stahlhart und unbiegsam sind. So wie es jetzt ist, kann es nicht weitergehen. Meine Meinungen verkaufen sich nicht gut. Ich bin weder gegen den Feminismus noch gegen Ausländer, ich war mit sechszehn nicht unentwegt drauf im Berghain und hatte nie Sex mit Avocadokernen. Mein provokatives Potential ist so low, das sogar Flo Rida mir Respekt zollt. Leider ist Provokation, entgegen aller Prognosen, die ich mir selber gegeben habe, irgendwann einmal vor Jahren, als ich noch in der Schule war, nicht out und es hat sie auch niemand als out deklariert. Sie hat auch nicht „als letzte Bastion der Schockrevoluzzer jeden Trumpfkartenstatus verloren“ und die zu Tode gelangweilten Kinder verlangen immer noch gierig nach der Beschreibung ihres Ist-Zustandes in einer amphetamingedopten Sprache. Die Meute steht drauf, alle möglichen oder vielleicht mehr unmöglichen Menschen fallen herein auf diese Fortschrittsillusion unter deren faszinierend-schillernder Oberfläche …