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Was möchtest du denn gerne?

Sie hat es wieder getan. Einen Text geschrieben, ihn mir geschickt und jetzt und hier also ein neuer Text von Kyra. Den Anderen findet ihr hier! „Was möchtest DU denn gerne?“, fragt sie mich und ich gucke aus dem Fenster. Auf der Veranda pickt eine Taube, pick, pick, ins Holz hinein, vielleicht sind da ja Würmer drin, oder Körner, oder Sonnenblumenkerne. Aber wo sollen die herkommen, im Garten gibt es keine Sonnenblumen und Sonnenblumenkernschalenspuckende Jugendliche in Bomberjacken und Turnschuhen gibt es hier auch nicht. Das möchte ich gerne der Taube sagen. “Ich möchte gerne der Taube sagen, dass es auf dieser Veranda keine Sonnenblumenkernschalenspuckende Jugendlichen in Prollklamotten gibt,“, antworte ich und ich merke, dass das nicht die Antwort ist, die ich geben sollte. Mist. Die Frau in dem anderen Sessel seufzt. Sie will nicht, dass ich es höre, deswegen seufzt sie sehr leise, aber ich höre es doch. Ich bin vielleicht nicht besonders gut darin, heraus zu finden, was ich will, aber ich bin sehr gut darin, heraus zu finden, was ich soll. Und jetzt …

Über die Angst

Ich habe in einem Photographiearchiv eine Photographie gefunden. Man sieht darauf fünf herausgeputzte Menschen an einen eingedeckten Tisch. Das Zimmer – möglicherweise Teil einer Gaststätte? – ist mit Tannengrün dekoriert. Und Hakenkreuzen. Zwei auf Fahnen und einer als Aufsteller auf dem Tisch. Ein Hakenkreuztischaufsteller. Und drum herum sitzen die Damen und Herren und trinken ihren Wein und essen ihr Essen. Diese Photographie ist die Manifestation meiner grausigsten Alpträume. Sie ist Abbild all dessen von dem ich mir wünsche, dass es nie mehr sein wird und von dem ich befürchte, dass es doch noch einmal möglich ist. Was für ein Schaudern, was für ein Grauen es in einem auslöst, wenn man dieses Photo anblickt und dann die Lage der Welt und des eigenen Landes betrachtet. Wenn man sich nicht beruhigend sagen kann: Ja, aber das wird nie wieder passieren. Sondern sich bloß Mut zusprechen kann, indem sich selbst zum Dagegen kämpfen aufruft, indem man sich sagt: Ich will alles mir Menschenmögliche tun, um zu verhindern, dass es wieder passiert. Das was passiert? Dass das Böse, das …

Der Tag an dem ich mir eine Kuh klaute

Ich fand Sophia in Nartum. Ein sehr, sehr kleiner Ort in der Nähe von Bremen. Es gibt hier nicht nichts, aber nicht viel. Das Moor ist in der Nähe, es wird viel Mais angebaut und an vielen Grundstücken stehen kleine, überdachte Stände an denen man Eier kaufen kann oder Kürbisse. Ich war schon eine ganze Weile unterwegs, erst im Wald und dann im Dorf. Um mir den Kopf freipusten zu lassen, weil Bewegung gut tut und auch ein bisschen in der Hoffnung irgendwo Empfang zu haben, denn ich taumelte so langsam meiner Vereinsamungsgrenze entgegen. Die Stimmen meiner Liebsten nicht zu hören macht mich immer irgendwann kirre und dann fange ich an mit mir selber zu reden oder mit Buntstiften Hilfebotschaften auf Zettel zu kritzeln oder mich mitten auf den Sportplatz zu legen, die Arme weit von mir gestreckt und „what shall we do with the drunken sailor“ zu singen. Kurz vorher, also vor dem Sportplatz, denn Empfang gibt es hier einfach nicht, danke an O2, sah ich sie. Sie lugte da so aus der Tür. …

13//08//2016

Wie alles anders ist und manches schön und manches so grausam beschissen, dass es einem den Atem raubt. – Vieles scheint für immer verloren und verloren auch die Kraft oder der Wille oder beides um daran etwas zu ändern. – Ach, diese Stadt. – An manchen Tagen bin ich mindestens 94 und das auf die schlechte Art. – Man klammert sich ja regelrecht an den „Frieden“, daran, dass jetzt gerade hier alles gut ist. Man klammert sich an eine Illusion. Daran, dass sich die eigene Welt vom Rest der Welt abspalten ließe. – Manchmal fragt man sich, was man Leben noch zu erwarten hat und vermisst in einem melancholieverseuchten Moment die Jugend. Als wäre es jemals einmal anders gewesen, als wäre einem die Welt früher ständig wie ein verheißungsvoller Ort erschienen. – Der Irrglaube alles verdichte sich, obwohl es gerade dabei ist zu verpuffen. – Auf einer Baustelle zu arbeiten tut ertaunlich gut. Endlich mal wirklich etwas machen, etwas, das man sieht und nicht bloß vor dem Bildschirm hocken und Dinge tun, die außerhalb dessen …

Zürich

Menschen, die ich Pfeife rauchen sah: 1 Menschen mit Strohhüten, die ich sah: 12 Augenblicke in denen ich dachte „Verdammt, wie schön ist diese Stadt?“: zu viele für eine Strichliste – Alles ist so schön, dass es schon wieder kühl erscheint. Glatt und klar wie das Wasser der vielen Brunnen. – Ein Schwindel und eine Schwere. Drückende Müdigkeit. Die Augenlider wollen zu und der Kopf in einer ruckartigen Bewegung nach vorne fallen. – Im kühlen Luftstrom der Klimaanlage vor einem Einführungstext zu Francis Picaba auf dem kühlen Museumsboden im dezenten Kunstlicht fühle ich mich wieder frischer, weniger krank und so als könne ich selber hier sehr alt werden, konservatorisch gut aufgehoben. – Ich belausche die Menschen und bestaune sie. Bin Voyeur. Fühle mich viel weiter von zuhause entfernt als sechs Stunden Zugfahrt. – Es scheint, als brodle es unter der Oberfläche. – Zitate, die ich mochte: „Ich bin weder Maler, noch Literat, noch Spanier, noch Kubaner, noch Amerikaner (…), noch Dada. Ich bin lebendig.“ (Francis Picaba) „Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung …

24//06//2016

Was kann man eigentlich tun in dieser Welt, die einem von Tag zu Tag immer fremder erscheint? Was kann man einer Entwicklung entgegenstellen, die in eine Richtung geht, die man sich in seinen schlimmsten Träumen nicht ausgemalt hätte? Was macht man mit dieser Ungewissheit, mit der Angst, dass alles immer düsterer wird, kälter, unwirtlicher? Wie geht man um mit dem Gefühl, dass die schrecklichsten aller Geister auferstehen und durch die Länder wüten und sie zu etwas machen, womit man nichts zu tun haben möchte? Wie reißt man das Ruder rum? Es schleicht sich ein Gefühl der Ohnmacht ein. Als müsse man das jetzt einfach aushalten, als könne man gar nicht tun, als zählten die eigenen Vorstellungen nichts. Als seien sie ohnehin unrealistisch, verklärt, naiv. Dabei ist das Gegenteil der Fall, daran glaube ich fest. Ich glaube an die Liebe. Ich glaube an die Freiheit. Ich glaube an die Grenzlosigkeit. Ich glaube an die Machtlosigkeit (als etwas Gutes). Ich glaube daran, dass man Ängsten anders begegnen kann, anders begegnen muss als mit Hass. Und ich glaube, …

27//05//2016

-Wie das Gefühl sich die Intuition abzutrainieren oder abtrainieren zu sollen mich total blockiert. Wie alles, was ich bewusst konstruiere sich wie eine Lüge anfühlt. Wie ich also wieder lernen muss, mich dazu anzuhalten, intuitiv zu handeln. Was für ein Wahnsinn. – „Wir haben zu spielen.“ Es ist doch total unmögich, alles ernst zu nehmen. -Es ist so eine Unverschämtheit, das es scheitert zwischen Menschen, obwohl man es doch will. Oder wollte. Und dann vermisst man plötzlich, zwischendurch, mit voller Wucht. Risse im Alltag. Allein darüf muss man schon wieder lieben. Für die Risse. -Menschen, Menschen, Menschen. Wenn man zu viel Zeit mit ihnen verbringt, weiß man wieder, warum man das nicht wollte. -Nach einem Tag allein und der Ruhe des Bei-sich-selbst-seins fühlt sich alles so wohlig an. Wie nach einem Tag in der Sonne in die Kühle der Wohnung kommen. -Jemand erzählt, was über mich erzählt wurde. Ich kann es nicht leiden und keinen Abstand halten. Versuche es mit Säten, die ich mir vorbete. Wichtig ist nur, was du von dir denkst. Es taugt …

28//04//2016

Gute Worte: Schmackofatz, Solide, Gurkenkick, Inbrunst, Zwergnase. – Dieser Welt entkommen wollen. Entfliehen aus den tausendfachen Geflechten. Furchtbar alles. Und überhaupt: Was soll das ganze Theater? Dieser Affenzirkus, dieses Getue. Wenn man nur einmal den Mut hätte, alles umzustoßen, alles auseinanderzunehmen. – Diese Perlmuttmenschen, diese Aalglatten. Wie machen die dies? So adrett, so ordentlich, immer, morgens, mittags, abends. Wenn ich schon wieder aussehe wie ein zerrupftes Huhn, kann man sich in dem Glanz ihrer Haare immer noch spiegeln. Es wird mir ein ewiges Mysterium bleiben. Da gibt es doch einen Trick, eine Zauberei, etwas, in das ich nicht eingeweiht bin, von dem ich nicht weiß. Bügeln würde vielleicht schon etwas ausmachen, die Falten aus den Kleidungsstücken. Blieben aber noch die in meinem Gesicht und die Flecken, die einfach immer von selber kommen. – Alle sprechen über das Wetter. Man ertappt sich selbst dabei. Weil es so leicht ist. Ganz einfach. Trivial. Entblößend, die Faulheit und die Lustigkeit, die fehlenden Ambitionen. – Fragen stellen hilft. – Das Grau ist infernalisch. Aber anderseits auch schön. – Die …

Unerwünschter Besuch

Der Selbstzweifel ist ein schmieriger Typ mit zurückgegelten Haaren im Superwetlook, die noch mehr glänzen als sein schlecht sitzender Anzug. Er hat einen Zahnstocher im Mund und unterstreicht sein Reden mit blasierten Gesten. Für seinen fauligen Mundgeruch schämt er sich kein bisschen. Das mag daran liegen, dass der fast noch angenehmer ist als das süßlich-beißende Parfum, das ihn umweht. „Nein, ganz und gar nicht, nein, nein“, sagt er. Er sitzt oft irgendwo in einer Ecke und meldet sich immer dann zu Wort, wenn man es am Wenigsten gebrauchen kann. „Total scheiße“, sagt er, „totaaaal.“ Dabei zieht er seine Augenbrauen zusammen und schnaubt. Aus unerfindlichen Gründen macht es ihm Spaß anderen die Laune zu vermiesen und seine Meinung so vehement und so penetrant zu verkünden, dass man am Ende selber dran glaubt. Durch stetes Wiederholen säät er Miesepeterstimmung und verleitet einem jeden Esprit. So sehr, dass man irgendwann kapituliert, sich die Jogginghose anzieht und zurück ins Bett kriecht. Dann zündet sich der Selbstzweifel lächelnd eine Zigarre an und ascht in fremde Kaffeetassen.

Abys­sus des Firlefanzes

Ich habe sehr lange da gesessen, abwechselnd auf das neue Dokument und das Schmierpapier neben mir starrend. Ich wollte etwas schreiben, unbedingt, etwas über den Schock und den Schmerz und die Angst vor der Zukunft. Über die Unwirtlichkeit, die Kälte, die Vernebelung. Traurig oder wütend, wütend wäre vielleicht besser, denn Wut sorgt für den Pfiff. Wut gibt Texten Pfeffer. Traurigkeit verändert eher die Farben und den Aggregatzustand von Texten. Macht, dass sie schweben oder sehr schwer werden. Wut hingegen kann Texte zu kleinen handlichen Wurfgeschossen transformieren. Ich hätte jetzt sehr gerne so eines zur Hand. Besser noch zwei oder drei. Eigentlich kann man gar nicht genug davon haben, eigentlich möchte ich doch hinausschreien, wie furchtbar, erschreckend, ekelhaft es da draußen gerade läuft. Oder die bleierne Schwere der Traurigkeit – fabelhaft, wunderbar, ich hätte sie mit Kusshand genommen und einige langsame, wiegende Tänze mit ihr getanzt. Ach, meinetwegen auch die Hysterie mit der sich kreischend lachen und auf die Schenkel klopfen ließe, bis einem irgendwann die Luft ausgeht. Die Panik, ja!, ja!, die Luft raubende, beklemmende …