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Ressourcenmanagement

Im Bewerbungsgespräch fragt mich der Personaler nach meinen Schwächen. „Ich weiß nicht so genau“, sage ich, „da muss ich überlegen. Ihre Schwäche ist auf jeden Fall das Ausdenken kreativer Fragen, so viel ist sicher.“ Er guckt ein bisschen säuerlich, wahrscheinlich weil er nicht der Einzige mit einer Schwäche sein will. Außerdem ist er ein Mann und in seiner Welt haben Männer nur Stärken zu haben, eine Schwäche, wie sähe das denn aus, das geht nicht, da muss man doch was machen können, was dagegen kaufen zum Beispiel. „Das wird nicht helfen“, sage ich, „da kann man nichts machen außer sich selbst lieben lernen.“ Aber Liebe, das wissen wir beide ohne darüber zu reden, dass ist nichts für ihn, das ist ihm zu esoterisch. Es ist schon immer so anstrengend seiner Freundin einmal im Jahr einen Strauß Rosen zu kaufen und Valentinstag war gerade erst, er ist immer noch ein bisschen erschöpft davon. „Oder sie arbeiten hart und vielleicht fällt ihnen dann eine neue Frage ein. Das wäre ja auch eine Möglichkeit.“ „Ich weiß“, sagt er, …

Die Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig – mein Erfahrungsbericht

Am letzten Dienstag war meine Absolventenfeier an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig (allein das ist ja schon eine sehr nette Sache). Ich habe da Kunstwissenschaft studiert und bin im letzten Jahr dann endlich einmal fertig geworden mit dem Studium. Zeit für ein Resümee und Zeit für eine Empfehlung. Insgesamt war ich bisher an zwei Universitäten und eben an der HBK. Ich kann also ein bisschen vergleichen und aus jedem dieser Vergleiche ging bisher die HBK als Sieger hervor. Ich habe mich damals, für das Studium an der HBK, mehr mit dem Bauch als mit Kopf entschieden und nach den vielen Jahren ist und bleibt diese Hochschule meine Herzenshochschule. Natürlich ist mein Eindruck total subjektiv und anderen mag es nicht gefallen haben, aber mir eben schon – und dafür gibt es Gründe. 1. Ich war hier immer ein Mensch, mit einem Namen und einem Gesicht. Das gilt nicht für die Dozenten, sondern beispielsweise auch für die Mitarbeiter beim Prüfungsamt. Das habe ich an anderen Unis ganz anders erlebt. Dort bleibt man Teil einer Masse und …

Ließe sich nicht schreiben: Macht euch frei von allem?

Immer wieder oder eigentlich unentwegt, nur manches Mal unbewusster als sonst, denke ich, dass alles auf einen großen Knall zuläuft. Es mag noch etwas dauern, der Schrecken sich auf das Grausamste dehnen, und doch wird das Ende kommen. Es ist zu viel Hass dort wo Liebe sein sollte und zu wenig Liebe dort wo der Hass ist und wenn man so etwas schreibt, erntet man mehr abschätzig „du Naivchen“-Blicke, als bejahendes Nicken. – Neulich überkam mich so eine Sehnsucht nach dem Regen, also nach dem „im-Regen-stehen“ und danach bis auf die Unterhose durchzuweichen. Mir wurde klar, dass ich weitaus mehr Zeit damit verbringe, von drinnen nach draußen zu schauen und Regentropfen Fensterscheiben hinablaufen zu sehen, als umgekehrt. Diese Erkenntnis verklumpte in meinem Bauch und ich fühlte mich schlagartig sehr traurig. Ich musste sofort die Wohnung verlassen, denn ich drohte, es kam mir zumindest so vor, sonst zu ersticken. Draußen stand ich zwischen den parkenden Autos, vor der Kneipe und dem Supermarkt und nichts fühlte sich falscher an, als in Schuhen auf Pflastersteinen zu stehen und …

Ende der Eissaison.

Es schwante mir schon länger, beim Blick aus dem Fenster und beim mittlerweile wieder rountinierten Griff zur Regenjacke: Der Sommer ist vorbei. Richtig klar wurde es mir aber erst, als ich bei der Eisdiele meines Vertrauens folgende, schockiernde Nachricht las. „Die Eissaison endet am 11 Oktober.“ Das Ereignis, dass dieser Din4 Zettel da in Times New Roman Großschrift ankündigte, ist nun bereits fünf Tage her. In Gedenken an diese gute Zeit und in Vorfreude auf die nächste Saison, hier die Dokumentation meiner letzten Eisspeisung. (Übrigens, kein Grund in Panik zu verfallen – zum Glück kennt Eis am Stiel keine Saison und viele Eisdielen machen ja gar nicht dicht, sondern vermindern nur ihr Angebot an Eissorten zu Gunsten von mehr Waffelvariatioen. Also aufatmen und losschnabulieren.) Ps. Ja, der mehr oder minder junge Herr, der diese Kameraaufnahmen gemacht hat, war offensichtlich mehr an der Mauer als an mir interessiert. Das mag an der altersbedingten Sehschwäche liegen oder daran, dass es sich hier um eine sehr schön Mauer handelt. Da kann man den Fokus dann schon mal drauf …

Guess who’s back?

Das Schreiben ist zurück. Es hat gute Laune, es ist voller Tatendrang. Es sagt: Komm, wir scheißen auf die Anderen. Haben wir doch sonst auch immer gemacht. Es sagt: Jawohl, wir gehen es an. Es sagt: Wir müssen uns zusammenraufen, sonst gehen wir unter. Es hat Recht. Die Zeit ohne es war anstrengend, zermürbend, deprimierend. Zu viel gegrübelt, zu viel in Frage gestellt. Wenn das Schreiben wankt, wankt alles. Pathos, vielleicht. Nur: Es muss etwas geben. Der Geist braucht Verankerung. Träume sind kein unnötiger Firlefanz und Hoffnung nicht bloß ein Schmuck- sondern Kernstück unserer Existenz. Wer alle Hoffnung und Träume verloren, verlegt oder verraten hat, dessen Geist muss zwangsläufig den Halt verlieren. Es grüßt der Wahnsinn. Er lächelt dabei zuckersüß. Ist sehr nah. Keinen Meter entfernt. Schert sich nicht um Komfortzonen und dergleichen, liebt die Nähe, will intim werden. „Wir wären ein schönes Paar“, sagt er und „Willkommen am Abgrund“. Dort, wo er hindeutet – unten, oben, hier – dort wirbelt es, es tut sich ein Spalt auf, Gischt und Strudel. Springen erscheint ganz leicht, …

Sommer!

Sommer ist eine coole Sau. Sommer zeigt dir wie man lebt. Sommer kommt vorbei und knallt dir erst einmal einen Haufen Farben vor die Füße. Und Sommer sorgt für die Beleuchtung, denn Sommer strahlt wie verrückt. Sommer sagt: „Komm, wir machen Liebe“ und keiner lacht, sondern alle machen mit. Sommer haucht den Dingen Leben ein und klopft die graue Schicht Lethargie vom Leben wie Staub von einem Teppich. Sommer überredet dich dazu lange wach zu bleiben und statt Gemüse Eis zu essen. Sommer bricht mit dir im Freibad ein und bläst dir einen während du an der Motorhaube deiner Schrottkarre stehst. Blick auf die Felder. Weil Sommer es kann. Und du zahlst es doppelt zurück, weil du Sommer liebst. Denn Sommer pflanzt Sommersprossen und Lichtreflexe und Lächeln; und gärtnern findest du sexy, irgendwie. Sommer steht auf Freikörperkultur und zieht ständig blank. Sommer macht Köpper und Salti vom Dreier und Arschbombe, dass alle Randglotzer aussehen wie nasser Hund, und dich fast vergessen, was du am Leben hasst. Sommer stellt dich unter Sprenger auf weiten Feldern und …

Zwangsvollstreckung.

Es klingelt. Ich öffne. Draußen steht der Zwangsvollstreckungsbeamte des Erwachsenseins. „Guten Tag“, sagt er. „Bis eben war er das“, sage ich und achte darauf, die Tür nicht mehr als einen Spaltbreit zu öffnen. Er schiebt seinen Fuß in die Tür. Ich mustere ihn, um abzuschätzen wie hoch meine Chancen sind, wenn es zu einem Kampf kommen sollte. Eins gegen eins bin ich diesem Typen auf jeden Fall überlegen. Er ist schmal, verknöchert, hat tiefe Schatten unter den Augen und wirkt auch sonst sehr lethargisch. Er wischt sich Schweißperlen von der Stirn. Vierter Stock – das schafft einen. Wer hat überhaupt die Tür unten schon wieder offen gelassen, frage ich mich, während der ZVBDE seine schlecht sitzende Krawatte zu recht rückt. „Na, die Montur bei dem Wetter, das ist auch kein Vergnügen, was?“, frage ich aus dem intuitiven Glauben heraus, dass ZVBDEs so Smalltalk machen. „Da sagen sie was“, sagt er. „Ja, das stimmt“, sage ich, „da sage ich was.“ „So ist das“, sagt er. „Ja, so ist das“, sage ich und fühle mich jetzt schon …

[Wer wir sind//Ein Manifest der Möglichkeiten]

Wir sind die Schmuddelkinder. Wir sind die mit den Ausstiegsfantasien. Wir sind die Spielverderber. Wir sind die, die nicht mitmachen wollen. Wir sind die, die schon als kleine Kinder immer Grashalme im Haar hatten und bis heute nicht dazu gekommen sind, die rauszukämen. Wir sind die Anderen. Wir sind die ohne Plan. Oder eigentlich nicht. Eigentlich haben wir einen Plan. Aber keinen Passenden. Denn wir sind die, die die Welt nicht mehr verstehen. Nie verstanden haben. Nie verstehen werden. Wir sind die, die alles anders sehen. Wir sind die, die nicht mitmachen wollen. Wir sind die Schmollbacken. Wir sind die verlorenen Kinder. Wir sind die Irrlichter und Nimmermüden. Wir sind die Kindsköpfe und Querdenker. Wir sind die in Schieflage und die in Partylaune. Wir sind die Träumer. Wir sind die Tänzer. Wir sind die sanften Großstadtgangster. Wir sind die Suburbanundergroundartisten. Wir sind die Seifenblasenfänger und Schmetterlingsdompteure. Wir sind die, die man sich nicht im wildesten Traum vorstellen kann. Wir sind die Rebellen und die Antihelden. Wir sind die Idealisten und ewigen Zweifler, beides in einem. …

Vergleichshulahoop

Jetzt sitzt man hier. Vor dem Raum des Aufnahmeprüfungsgespräches und wartet. Wie konnte das nur wieder passieren? Wie bin ich da bloß wieder hineingeraten? Ich starre die Farbflecken auf dem Fußboden an und schelte mich innerlich dafür, dass ich dieses Gespräch nicht besser vorbereitet habe. Bei dem Letzten, dem fürs Schreiben, war ich so müde und so durch vom Festival am Wochenende, ich hatte gar nicht die Kraft nervös zu sein. Jetzt bin ich es. Nicht mal, weil ich das Ganze hier so sehr will, sondern weil ich gleich mit fremden Menschen sprechen muss. Sie werden Fragen stellen, die ich mit Müh und Not beantworte, während mein Herz Happy Hardcore mäßig absteppt. Später werden mir gute Antworten auf diese Fragen einfallen. Richtige Antworten. Nicht nur Gestammel. Dann werde ich mich ärgern, hinter mir selbst zurück geblieben zu sein. Tausend Gedankenansätze, keiner hat Bestand. Warum jetzt Kunst? Welche künstlerische Position? Ich weiß, sie werden das fragen und ich weiß, ich werde keine Antwort wissen. Ich erinnere mich gerade an nichts, was vor dem Wochenende liegt. Na …

Auf einen Schnaps mit der Freiheit

Die Freiheit ist zu Besuch. Sie sieht nicht gut aus. Irgendwie verwahrlost. Und verstört. Die Haare hängen ihr strähnig ins Gesicht, die Augen sind verquollen so als hätte sie sehr lange sehr viel geweint, außerdem ist sie dürr, klapprig geradezu. Der Eindruck wird durch ihr Zittern verstärkt. Sie bittet mich um eine Decke, einen Kakao und eine Kippe. „Freiheit“, sage ich, „was ist denn los mit dir?“ „Ich bin nur noch ein Schatten meiner Selbst“, sagt die Freiheit. „Ja“, sage ich, „das sehe ich. So kennt man dich ja gar nicht. Sonst siehst du doch viel strahlender aus.“ „Na ja“, sagt die Freiheit, „zumindest meint man mich so zu kennen. Aber wenn man mal genau nachdenkt: so sah ich nie aus. Das war ja alles immer eher mehr Schein als Sein. Es sind schwere Zeiten für mich.“ Sie blickt zu Boden, stiert und sagt lange Zeit nichts. Rauch steigt vor ihrem Gesicht auf. Die Freiheit hustet. Es schüttelt sie. Sie nippt an dem Kakao. „Hast du auch etwas Alkoholisches?“ „Sicher“, sage ich und reiche ihr …