Monate: Juni 2015

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Bahnhof Hildesheim oder: Ein kurzes Bedauern dafür, das sich immer alles verändert.

Hildesheimer Bahnhof, du alter Hund, ich mochte dich immer gern. Du bist eine ehrliche Haut. Eine treue Seele noch dazu. Hast deine Aufgaben stets pflichtbewusst erfüllt: Hier kommen Leute an. Hier reisen Leute ab. Hier gehen Leute unter. Dabei hast du hast nie mehr versprochen als Hildesheim am Ende hält. Du warst eine gute Vorbereitung auf das, was einen erwartet. Wenn man dich verlassen hat und der Blick als erstes auf Bodscheller fiel, dann war das kein Schock. Nur eine logische ästhetische Weiterführung. Klein. Ein wenig schäbig. Auf deine Art aber auch charmant, irgendwie. Schön sogar, manchmal. Man muss nur hinsehen können und bereit sein, Sachen auch aus anderen Perspektiven zu betrachten. Nachts auf der Brücke Richtung Kufa und dann deine Lichter und die Schienen, die in die Ferne weisen – das ist ein Anblick, der tatsächlich zum Verweilen und in Betrachtung versinken und Träumen verleitet. Vielleicht ists auch nur der Rausch der Nacht, der einen so hinreißt. Schön ist es trotzdem. Du hast einem bei der Ankunft an die Hand genommen und die Dinge …

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Zwangsvollstreckung.

Es klingelt. Ich öffne. Draußen steht der Zwangsvollstreckungsbeamte des Erwachsenseins. „Guten Tag“, sagt er. „Bis eben war er das“, sage ich und achte darauf, die Tür nicht mehr als einen Spaltbreit zu öffnen. Er schiebt seinen Fuß in die Tür. Ich mustere ihn, um abzuschätzen wie hoch meine Chancen sind, wenn es zu einem Kampf kommen sollte. Eins gegen eins bin ich diesem Typen auf jeden Fall überlegen. Er ist schmal, verknöchert, hat tiefe Schatten unter den Augen und wirkt auch sonst sehr lethargisch. Er wischt sich Schweißperlen von der Stirn. Vierter Stock – das schafft einen. Wer hat überhaupt die Tür unten schon wieder offen gelassen, frage ich mich, während der ZVBDE seine schlecht sitzende Krawatte zu recht rückt. „Na, die Montur bei dem Wetter, das ist auch kein Vergnügen, was?“, frage ich aus dem intuitiven Glauben heraus, dass ZVBDEs so Smalltalk machen. „Da sagen sie was“, sagt er. „Ja, das stimmt“, sage ich, „da sage ich was.“ „So ist das“, sagt er. „Ja, so ist das“, sage ich und fühle mich jetzt schon …

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[Wer wir sind//Ein Manifest der Möglichkeiten]

Wir sind die Schmuddelkinder. Wir sind die mit den Ausstiegsfantasien. Wir sind die Spielverderber. Wir sind die, die nicht mitmachen wollen. Wir sind die, die schon als kleine Kinder immer Grashalme im Haar hatten und bis heute nicht dazu gekommen sind, die rauszukämen. Wir sind die Anderen. Wir sind die ohne Plan. Oder eigentlich nicht. Eigentlich haben wir einen Plan. Aber keinen Passenden. Denn wir sind die, die die Welt nicht mehr verstehen. Nie verstanden haben. Nie verstehen werden. Wir sind die, die alles anders sehen. Wir sind die, die nicht mitmachen wollen. Wir sind die Schmollbacken. Wir sind die verlorenen Kinder. Wir sind die Irrlichter und Nimmermüden. Wir sind die Kindsköpfe und Querdenker. Wir sind die in Schieflage und die in Partylaune. Wir sind die Träumer. Wir sind die Tänzer. Wir sind die sanften Großstadtgangster. Wir sind die Suburbanundergroundartisten. Wir sind die Seifenblasenfänger und Schmetterlingsdompteure. Wir sind die, die man sich nicht im wildesten Traum vorstellen kann. Wir sind die Rebellen und die Antihelden. Wir sind die Idealisten und ewigen Zweifler, beides in einem. …