Blog, Frisch und lecker, Notiert, Täglich
Schreibe einen Kommentar

Ließe sich nicht schreiben: Macht euch frei von allem?

Immer wieder oder eigentlich unentwegt, nur manches Mal unbewusster als sonst, denke ich, dass alles auf einen großen Knall zuläuft. Es mag noch etwas dauern, der Schrecken sich auf das Grausamste dehnen, und doch wird das Ende kommen. Es ist zu viel Hass dort wo Liebe sein sollte und zu wenig Liebe dort wo der Hass ist und wenn man so etwas schreibt, erntet man mehr abschätzig „du Naivchen“-Blicke, als bejahendes Nicken.


Neulich überkam mich so eine Sehnsucht nach dem Regen, also nach dem „im-Regen-stehen“ und danach bis auf die Unterhose durchzuweichen. Mir wurde klar, dass ich weitaus mehr Zeit damit verbringe, von drinnen nach draußen zu schauen und Regentropfen Fensterscheiben hinablaufen zu sehen, als umgekehrt. Diese Erkenntnis verklumpte in meinem Bauch und ich fühlte mich schlagartig sehr traurig. Ich musste sofort die Wohnung verlassen, denn ich drohte, es kam mir zumindest so vor, sonst zu ersticken. Draußen stand ich zwischen den parkenden Autos, vor der Kneipe und dem Supermarkt und nichts fühlte sich falscher an, als in Schuhen auf Pflastersteinen zu stehen und ringsherum Häuser zu haben. Gott, dachte ich, wie kann man sich nur Jahre etwas vormachen? Ich bin kein Stadtkind. Ich finde Altbauwohnungen mit Stuck und Balkon zwar schön, aber ich gebe nichts auf sie. Ich will Dreck und Schlamm und Bäume und Weite.


Nichts hat mich in letzter Zeit oder vielleicht auch jemals mehr erleichtert als die Lektüre der Abhandlungen von Arno Gruen. Jemanden zu lesen, der der Liebe, der Empathie und der Autonomie so viel, der Macht, der Leistung, der Unterdrückung und dem System so wenig Wert beimisst und der das Warum der Vorgänge dieser Welt auf einer psychoanalytischen Ebene betrachtet, ist mehr als nur erhellend. Es ist, als hätte er die Last des Selbstvorwurfes vielleicht doch verrückt, wahnsinnig, ein verlorener Querulant zu sein von meinen Schultern genommen. Und auch wenn er einerseits in seiner Analyse ein düsteres Bild zeichnet, so liegt in seinen Überlegungen auch die Hoffnung verborgen. Es kann möglich sein, die Zerstörung zu beenden, die Freiheit zu finden und in Frieden und es ist eine Sache der Empathie, des eigenständigen Selbst, der Autonomie des Einzelnen. Eine Sache jener Liebe, die frei macht. Eine Sache des Fühlens aller Facetten der Palette von Freude bis Schmerz, der nicht mehr stigmatisiert, verdrängt und unterdrückt gehört, denn er ist ein Teil des Menschseins.


Die Stille ist der Raum für die Gedanken.


Im Zug die gute Kombination aus Stille mit leisen Hintergrundgeräuschen und Bewegung ohne sich selbst zu bewegen.


Wütend auf das System sein, weil es uns die falschen Werte anerzieht und die falschen Ziele als erstrebenswert setzt.

Jedes Mal schmunzeln wenn ich „das System“ sage oder schreibe.

Versuchen auf tierische Produkte zu verzichten ist vor allem deswegen anstrengend, weil sich alle möglichen Leute davon angegriffen fühlen, ohne dass man eine Diskussion mit ihnen begonnen hat. Und wegen der Pizza. Vor allem wegen der Pizza.

Immer noch Rot werden, wenn ich mit Menschen spreche, die ich noch nicht mindestens zehn Jahre kenne. Es hört nie auf.

Ich entscheide mich die spontane Absage meines Dozenten bezüglich des Mentoratstreffens nicht als ärgerlich zu empfinden, sondern als Wink des Schicksals zu sehen. Statt praktischer Forschungsarbeit jetzt einfach „nur“ schreiben. Die zwei irgendwie „umsonst“ Zugfahrten nutze ich zum Schreiben und aus dem Fenster gucken. Die kahlen Bäume sehen zweidimensional aus. Wie aus einem Album mit gepressten Pflanzen.


Ich glaube, ich habe etwas für Reihen übrig. Alle Fotoideen, die ich habe, sind Reihen. Ich wünschte, ich hätte mehr Mut, fremde Menschen anzusprechen, um Fotos von ihnen zu machen. Wenn es Mut als Getränk gäbe, ich würde es literweise saufen.

Jedes Mal am Braunschweiger Bahnhof verfluche ich Stadtplanung, Architekt und die Volksbank für die kuriose Hässlichkeit dieser braunen Türme. Die höchsten Gebäude – bis auf die Kirchen – in Braunschweig sind Bankgebäude. Das Kapital steht über allem. Leider hat es keinen Geschmack. Ich frage mich mit welcher Metapher der Architekt diese ästhetische Gräueltat verkauft hat? Vielleicht war es aber auch das Ziel ein bedrückendes, zwischen rostrot und kackbraun changierendes Ungetüm zu errichten. Als zynische Pointe wurde diese goldene Aufschrift angebracht, die man bei Einfahrt mit dem Zug in den Braunschweiger Hauptbahnhof lesen kann: Willkommen in Braunschweig. Als hätte diese Architektur ein Interesse an Menschen. Als sei ihr daran gelegen. Als könne die Repräsentanz der Macht so etwas wie jemanden willkommen heißen.


Die „junge Frau“, das scheint seit einiger Zeit eines der Lieblingsthemen in der Zeit zu sein. Jetzt wieder ein Artikel mit Verhaltenstipps. Beim ersten Überfliegen rege ich mich sehr auf, nach getaner Lektüre legt sich die Aufregung etwas. Es bleibt ein fahler Nachgeschmack. Alles ist so sehr am Gegebenen orientiert und so wenig an der Revolte. Ließe sich nicht schreiben: Macht euch frei von allem?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.