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Ressourcenmanagement

Im Bewerbungsgespräch fragt mich der Personaler nach meinen Schwächen.
„Ich weiß nicht so genau“, sage ich, „da muss ich überlegen. Ihre Schwäche ist auf jeden Fall das Ausdenken kreativer Fragen, so viel ist sicher.“
Er guckt ein bisschen säuerlich, wahrscheinlich weil er nicht der Einzige mit einer Schwäche sein will. Außerdem ist er ein Mann und in seiner Welt haben Männer nur Stärken zu haben, eine Schwäche, wie sähe das denn aus, das geht nicht, da muss man doch was machen können, was dagegen kaufen zum Beispiel.
„Das wird nicht helfen“, sage ich, „da kann man nichts machen außer sich selbst lieben lernen.“
Aber Liebe, das wissen wir beide ohne darüber zu reden, dass ist nichts für ihn, das ist ihm zu esoterisch. Es ist schon immer so anstrengend seiner Freundin einmal im Jahr einen Strauß Rosen zu kaufen und Valentinstag war gerade erst, er ist immer noch ein bisschen erschöpft davon.
„Oder sie arbeiten hart und vielleicht fällt ihnen dann eine neue Frage ein. Das wäre ja auch eine Möglichkeit.“
„Ich weiß“, sagt er, „aber ich schaffe es nicht, egal wie sehr ich mich anstrenge.“ Das ist hart für ihn, denn die Überzeugung, dass Scheitern keine Option ist, weil man ja alles schaffen kann, wenn man sich nur genug anstrengt, steckt so tief in seinen Knochen, dass ihm beim Fehler machen nichts als Selbsthass bleibt. Eine Träne kullert glitzernd seine Wange hinab. Ich ziehe ein Taschentuch aus der Jackentasche. Es ist das einzige, das ich besitze und es ist weder aus Stoff noch mit den Initialen meiner Urgroßmutter versehen (leider)
„Oh“, sage ich dann, dem Personaler das Trauerspiel unter die Nase haltend, „jetzt weiß ich, was meine Schwäche ist: Ich habe es nicht drauf mit Taschentüchern. Offensichtlich bin ich nicht in der Lage vorausschauend zu planen, denn sonst hätte ich stets ein frisches Taschentuch zur Hand“
„Ja“, sagt der Personaler, „jaa, also.“ Er rümpft ein bisschen die Nase, nimmt den Fetzen dann aber doch. Was soll‘s, denkt er sich, heute Abend wird er kündigen und ein Jahr Selbstfindung auf Bali machen, tiefer kann er ohnehin nicht sinken.
„Schenke ich Ihnen“, sage ich, „es ist nämlich so: Ich brauche gar kein Taschentuch. Das ist meine Stärke. Ich mache das Beste aus den gegebenen Umständen und entwickle innovative Lösungen.“
Er hebt seinen Kopf und schaut mich mit seinen traurigen Hundeaugen an.
„Es kommt natürlich darauf an“, sage ich.
„Worauf?“
„Darauf, wie die speziellen Gegebenheiten aussehen. Die wichtigste Frage, die geklärt werden muss, lautet: Viel oder wenig Schnodder? Und wie fühlt sich die Konsistenz an? Hat man es mit flüssigen Schnodder oder schleimigen, plockigen Schnodder zu tun? Für ersten empfehle ich die Ärmelmethode. Einfach in den Ärmel rotzen und den einmal umklappen. Kann man solange wiederholen bis man mit dem Umgekrempeln an der Schulter angelangt ist. Zweiterer lässt sich am besten durch die gute alte „schieß den Scheiß durchs Nasenloch“-Methode loswerden. Ein Loch zuhalten, mit dem anderen schießen. Es ist aber wirklich wichtig, dass man die Methoden nicht vertauscht. Versucht man die Nasenschießsache mit dem flüssigen Schnodder kommt Sprühregen statt einem zielgerichteten Rotzgeschoß heraus. Schnoddert man dagegen dick in den Ärmel, muss man mehr aufpassen, dass nichts rausquillt oder durchweicht.“
Ich setze eine kunstvolle Pause und ziehe die Augenbrauen hoch.
„Sie sehen“, sage ich, „diese Herangehensweise ist praktisch, glänzt durch einfache Umsetzung und Nachhaltigkeit. Problem da, Problem gelöst. Zack, zack.“
Der Personaler nickt bedächtig.
„Effizienz ist das Stichwort“, sage ich“, E-f-f-i-z-i-e-n-z.“
Er nickt noch mal, schaut runter und notiert etwas auf seinem Block.
„Sie haben den Job“, sagt er.
Dann geht er. Und kommt nie wieder.
„Wisst ihr noch“, wird man später auf den Weihnachtsfeiern sagen, kurz bevor alle sich ins Koma saufen, „der Karl-Uwe Peters, der aus Abteilung HR-S-K61, wie der durchgeknallt und einfach verschwunden ist?“
„Ja“, wird man sagen und bedächtig nicken und sich verschworen fühlen, weil man selber zum Glück keiner dieser Freaks ist, denen irgendwann die Leitung durchknallt, „einfach abgehauen ist der und nichts gesagt hat der, nur auf seinem Tisch da war ein Zettel, fuck the system stand da drauf.“
„Der war aber mir aber immer schon nicht koscher, der hat so komisch Hallo gesagt manchmal und Kaffee hat der auch nie welchen getrunken.“
„Ja“, wird man noch mal sagen und den ganzen Becher Glühwein auf einmal austrinken und sich fragen, was das überhaupt heißen soll fuck the system und ob es genug Glühwein gibt und wann der Abend endlich, endlich rum ist.

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