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Wir sind dann mal weg.

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„Sooo“, sagt das Faultier, „ich wäre dann soweit.“
Es sitzt auf meinem Reiserucksack. Der Rucksack ist gepackt.
„Bereit wofür?“, frage ich.
„Wir hauen ab“, sagt es und in seiner Stimme ist kein Zweifel, dafür viel Befehl.
„Achso“, sage ich.
„Ja“, sagt es und rückt seine Kapitänsmütze zurecht, „wir setzen uns ab, verlassen die Ratten auf das sie mit dem sinkenden Schiff untergehen werden. Wir nehmen den Landweg gen Norden. Und kommen lange Zeit nicht wieder.“
„Was heißt lange Zeit?“, frage ich.
„So lange bis erneut die Stunde null geschlagen hat. Bis dieses Land es wieder einmal geschafft hat, alle Menschlichkeit aus jeder Faser zu tilgen und mitten in die Katastrophe zu rennen, die alles in Schutt und Asche legen wird.“
Ich schaue mich um. Das Faultier auch. Dann schaut es wieder mich an.
„Vielleicht kommen wir auch niemals wieder. Höchstens für den ein oder anderen kurzen Besuch, dann wenn nach dem Wiederaufbau die Häuser wieder stehen, aber die Schande immer noch überall zu spüren ist.“
„Und wenn es nicht so kommen wird?“, frage ich.
„Ach“, sagt das Faultier, „es kommt doch längst so.“
„Ja“, sage ich, „du hast Recht.“
Wir schweigen.
Nach einer Weile sage ich: „Früher in der Schule, in Geschichte, da dachte man immer: Wie kann so etwas passieren? Man hat es nicht begreifen können. Jetzt weiß ich es: Es passiert eben. Einfach so halt. An Tagen, die wie jeder andere scheinen.“
„Ja“, sagt das Faultier und schnieft.
„Müssten wir nicht hier bleiben und Widerstand leisten? Gegen den Hass und die Unmenschlichkeit gegen die Kälte und die Hetze?“
„Was willst du tun?“, fragt das Faultier, „du bist nicht Jesus, alter. Du kannst nicht Wasser in Wein verwandeln oder Hass in Liebe. Was willst du ausrichten gegen die Verbohrtheit der Menschen? Gegen ihre Hysterie?“
„Ich weiß es nicht“, sage ich und zucke mit den Schultern, „ich weiß es wirklich nicht. Ich wüsste es gerne.“
„Siehste“, sagt das Faultier, „ich auch nicht und alles, was mir einfällt, ist abzuhauen.“
„Also gut“, sage ich.
„Super“, sagt das Faultier, öffnet den Rucksack am oberen Ende und klettert hinein.
Ich gucke es an. Es guckt zurück. Das geht eine Weile so.
„Du trägst“, sagt es dann.
„Klar“, sage ich und schultere den Rucksack.
Dann gehen wir los und kommen nicht mehr wieder.

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