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Abys­sus des Firlefanzes

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Ich habe sehr lange da gesessen, abwechselnd auf das neue Dokument und das Schmierpapier neben mir starrend. Ich wollte etwas schreiben, unbedingt, etwas über den Schock und den Schmerz und die Angst vor der Zukunft. Über die Unwirtlichkeit, die Kälte, die Vernebelung. Traurig oder wütend, wütend wäre vielleicht besser, denn Wut sorgt für den Pfiff. Wut gibt Texten Pfeffer. Traurigkeit verändert eher die Farben und den Aggregatzustand von Texten. Macht, dass sie schweben oder sehr schwer werden. Wut hingegen kann Texte zu kleinen handlichen Wurfgeschossen transformieren. Ich hätte jetzt sehr gerne so eines zur Hand. Besser noch zwei oder drei. Eigentlich kann man gar nicht genug davon haben, eigentlich möchte ich doch hinausschreien, wie furchtbar, erschreckend, ekelhaft es da draußen gerade läuft. Oder die bleierne Schwere der Traurigkeit – fabelhaft, wunderbar, ich hätte sie mit Kusshand genommen und einige langsame, wiegende Tänze mit ihr getanzt. Ach, meinetwegen auch die Hysterie mit der sich kreischend lachen und auf die Schenkel klopfen ließe, bis einem irgendwann die Luft ausgeht. Die Panik, ja!, ja!, die Luft raubende, beklemmende Panik, ein pochendes Herz regt immerhin den Kreislauf an und das Gefühl zu ersticken käme vielleicht plötzlich einem süßen Versprechen gleich. Stattdessen ist da einfach nur Leere. Ein lähmendes Vakuum, dort wo Gefühle sitzen sollten. Die Luft ist raus und übrig ist nichts als Ratlosigkeit und die Frage: Was ist hier eigentlich los? Wird es wieder aufhören? Was kann ich tun? Immer wieder: Warum? Und: Sollte man sich verpissen? Manchmal ist ja nur das Ende eine Option, ist nur das Rückenkehren und mit schnellen Schritten davonlaufen eine Lösung, bringt nur ein Tschüss die nötige Erleichterung. Aber: Wohin?
Die einzige Antwort ein Schulterzucken. Nur ein mutloses Schulterzucken. Ein beschissen lethargisches Schulterzucken. Das sich beim besten Willen nicht zu einem Text mausern will, es will gar nichts, höchstens schlafen. Also verfrachte ich die erschreckende Abgeklärtheit der fehlenden Hoffnung und dieses kleine, zynische „war ja klar“ ins Bett. Ich decke sie zu, mich auch bis unter die Nasenspitze.
„Heute dürft ihr hier bleiben“, sage ich, „heute noch. Aber morgen müsst ihr gehen, morgen kommt die Wut. Dann machen wir Bambule, richtig Bambule, und dafür seid ihr noch zu klein.“
Beim Einschlafen drücke ich meine Daumen so fest wie ich kann, damit es wahr wird. Damit da wieder etwas ist.
Bambule, flüstere ich, richtig Bambule.

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