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Pflaster, die keine sind und Wunden, die Luft brauchen

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“Warum”, frage ich mich, “hatet man eigentlich meist eher die Neue vom Ex als den Ex selber?”
“Ich weiß nicht”, antworte ich, “aber ist nicht die Frage, warum hatet man überhaupt?”
“Ja”, sage ich, “weil manche Menschen das halt provozieren, weil sie so sind wie sie sind.”
Ich lege mir den Finger auf den Mund und den Kopf schief. Ich kenne diese Pose, ich mache sie immer, wenn ich ins Grübeln komme.

Nach einer Weile sage ich zu mir: “Es ist wegen vorhin, oder? Wegen ihres Instagramaccounts.”
Ich schüttle sehr energisch den Kopf.
“Klar”, ertappe ich mich selbst, “ist es deswegen.”
“Na gut, ja. All dieses Glück und #liebe und wir liegen uns im Arm und machen einen auf voll heile Welt und zeigen halt nicht den Rest, wer zeigt auch bitte den Rest, den ganzen schmutzigen Rest, die Streits und die #manistderscheiße-Momente, niemand zeigt den, willkommen in Social-Media, eigentlich kann ich das reflektieren, aber genau jetzt kann ich nicht, genau jetzt nimmt zumindest mein Herz alles für bare Münze und die haben das, was wir irgendwann nicht mehr hatten und das tut scheiße weh.”

“Und da soll jetzt der Hass helfen”, konstatiere ich, “alle Mittel sind recht, Fatshaming oder Skinnyshaming, der Klamottenstil total wack, die Frisur wiekannmannur, die Zähne irgendwie schief, die Freunde voll seltsam, die Auswahl der Filter krass schlecht, hat die je was von Ästhetik gehört? Das übersteigt wahrscheinlich ihren Horizont, deswegen auch diese bekloppten Schuhe und überhaupt die Wahl der Bildausschnitte, Mann, Mann, Mann. Wie kann er die nur lieben? Wie kann irgendjemand sie nur lieben? Ich mein, die ist doch echt null liebenswert.”

“Aber er liebt sie.”
“Aber er liebt sie”, wiederhole ich mich.
“Und mich nicht mehr.”
“Und dich nicht mehr”, bestätige ich mich.
“Aber ihre Oberschenkel…”
“Sind eigentlich ganz ok”, unterbreche ich mich”, genauso wie ihre Zähne und ihre Frisur und ihre Freunde und die Filter und Bildausschnitte.”

“Vielleicht ist es einfach leichter”, sage ich, “sie nicht zu mögen statt ihn. Weil man sie nicht kennt und vor allem weil man sie nie geliebt hat. Weil sie nicht diesen Platz im Herzen hat, der dort trotz der ganzen großen Scheiße immer sein wird, weil er eben dieser Mensch für einen war. Und über sie weiß man nichts, man kennt nur diese Bilder und in die lässt sich so viel Scheißigkeit interpretieren wie das eigene Sich-etwas-vormachen eben so hergibt. Eigentlich wäre es logischer ihn zu haten. Dafür, was er getan hat. Dafür, dass er nicht mehr an meiner Seite ist. Dafür, dass…”

“…Dinge sich eben ändern? Und Menschen? Dass Liebe manchmal vergeht? Und man nichts dagegen tun kann? Dass einer den anderen mal mehr und länger liebt als der andere ihn? Dafür, dass man manche Menschen nie vergisst und man sie irgendwie immer ein wenig vermissen wird, egal, was sonst alles so im Leben los ist? Dafür, dass diese Menschen auch weiterleben und weiterlieben und damit glücklich sind? Dass sie auch nur Menschen sind, mit Ecken und Kanten, dass sie einem wehgetan haben und dass es wehtut, dass sie ohne einen weitermachen und diese Tatsache nicht spurlos an einem vorbeizieht?”

“Du bist ja sowas von oberklug”, sage ich und überlege kurz mich jetzt einfach selbst zu hassen. Vielleicht bin ich einfach nicht liebenswert. Vielleicht sind meine Zähne schief und ich sollte mir dringend mal die Haare schneiden und endlich mal weniger Schlummbumm rumlaufen und meine Oberschenkel trainieren und vor allem einheitliche Filter nutzen, “Mann ey, das sag ich dir ja schon immer: achte auf die Filter, das sieht sonst total kacke aus und dann kein Wunder.”
“Scheiß auf die Filter”, bringe ich mich zumindest etwas zur Vernunft, “es geht hier nicht um die Filter. Oder die Frisur. Oder wer besser oder schlechter ist. Oder wer was wann wem getan hat. Alles Illusionspflaster mit denen am Ende nichts gewonnen ist, weil Wunden eh Luft brauchen um zu heilen”

“Oooh, Illusionspflaster, ohh Luft um zu heilen”, äffe ich mich nach, “ganz toll, echt. Blablabla. Hast du damals auch so viel Mist geredet? Vielleicht redet sie einfach nicht so viel Mist, verstehst du?”

“Es reicht! Gibt es her jetzt”, ich strecke mir die Hand entgegen.
“Was?”, frage ich.
“Den Hass”, sagst du.
“Willst du uns das wirklich antun?”, frage ich.

Ich nicke. Sehr resolut, sehr bestimmend. Also sammele ich ihn zusammen. Jedes einzelne Stückchen Hass, jeden Krümel Hate, gegen sie, gegen ihn, gegen mich. Ein ganzer Haufen ist das. Ein ganzer siffiger Haufen. Ich schaue mir dabei sehr akribisch auf die Finger. Bis alles weg ist. Alles abgekratzt.

“Aua”, sage ich.

Denn darunter liegt der Schmerz. Ein tiefer, dunkler Abgrund aus Traurigkeit und Angst und Sehnsucht und Kontrollverlust und Melancholie und dem manchmal so erschreckenden Wissen, dass so das Leben läuft. Selten, wie man es sich wünscht, oft sogar ganz anderes und das es weiter geht und anders weitergeht, egal wie sehr, wie verdammt sehr man sich das Gegenteil wünscht. Und das es Wunden gibt, die nie ganz heilen werden, solche, die Narben hinterlassen und zwar nicht diese hauchzarten, blassrosanen, die man kaum sieht. Sondern diese echten, großen, sichtbaren Narben, die einen immer daran erinnern, woher man sie hat.

Dann die Erkenntnis, dass Hass nichts helfen wird. Dass er tatsächlich nur das ist: Ein blödes Illusionspflaster, um die wahren Wunden zu verdecken, ein falsches Versprechen, wie so ein Zuckerersatzstoff, der die Dinge leichter machen soll und in Wahrheit bloß viel kränker macht als jeder echte Zucker und am Ende hat man eine Lebens(mittel)unverträglichkeit und bloß noch Magengrummeln und Scheißerei. Und man fühlt sich elend und immer elendiger und man muss noch mehr wüten und noch mehr hassen und die Tobsuchtsanfälle werden immer mehr und immer skurriler und das eigene Karma immer madiger und der Groll gegen sich selbst größer und schon steckt man sehr tief in einer Endlosschleife schlechter Vibes, die die Seele in dir drin und die Luft da draußen zu verpesten.

Denn es ist doch so: Irgendwo, im ersten Moment, dem Aufblitzen seiner Existenz in Kopf und Herz, mag der Hass einen gewissen Zweck haben. Er zeigt an, dass etwas nicht in Ordnung ist, dass mich etwas verletzt, dass ich mich wegen einer Sache mies fühle. Wobei er die wahre Ursache oft genug verschleiert und so gleichsam Selbstschutz ist. Er lenkt von den wahren Gründen des Schmerzes und damit auch vom Schmerz selber ab. Kanalisiert das, was mir manchmal so vorkommt, als könne ich es nicht ertragen. Bloß bleibt er mitten drin stecken und statt Problembewältigung gibt es einen riesen Stau.
Und irgendwann dann wird sich das alles rächen. Irgendwann dann werden alle Dämme brechen und die Scheiße wird hervorsprudeln und eine immense, möglicherweise irreparable Verwüstung anrichten.

Weil Hass eben nichts bewirkt. Weil er nur das Symptom einer Ursache ist, die anderswo liegt und anderswie behandelt werden muss.

“Was also kann ich tun”, frage ich, “was schlägst du vor, damit mir nicht alles um die Ohren fliegt?”
Ich gucke. Ich lege den Kopf schief. Ich zucke mit den Schultern. Ich bin ratlos.
“Vielleicht”, sage ich dann, “ist es ganz simpel und genauso schwer. Den Hass beiseitelegen und hinnehmen, was ist und vor allem: was nicht mehr ist.”

Also, na gut.

Dann schlinge ich die Arme um mich und wiege mich ein bisschen vor und zurück. Denn ja, es tut weh. Es tut scheiße verflucht scheiße weh. Immer noch. Immer wieder. Aber es wird weniger. Ob ich es glaube oder nicht. Und zum Glück muss ich nicht glauben. Ich muss nichts tun. Bloß dem Schmerz seinen Platz einräumen, ihn nehmen wie er ist und auf die Zeit hoffen. Sie wird es richten.

Und eines Tages wird die Traurigkeit kleiner und die Leichtigkeit größer und der Rest der bleibt, ist der Rest der bleibt, der bleiben darf, weil leben eben nicht spurlos geht.

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