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Ist es Vatertag? Ist es Karneval? Nein, es ist Erstsemesterauftakt.

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Es folgt: der Gastbeitrag einer fabelhaften Autorin. Kyra Mevert ist nicht nur eines meiner Lieblingsmädchen, schwer talentiert auf der Theaterbühne und auch dahinter, bei der Arbeit mit alten und vor allem jungen Menschen, voller Hoffnung, Mut und Trotz, sondern auch großartig im Jonglieren mit Worten. Und, jetzt, endlich, hier! Ein Text von ihr! (Falls ihr mehr wollt, Texte oder Theater, dann wendet euch an mich. Ich leite euch weiter <3)

Als Studienanfängerin hatte ich einen Traum. Die Studierenden in meiner Vorstellung sitzen auf grünen Wiesen unter blühenden Linden, sie lesen Proust, Tolstoi oder Brecht, sie leben in alternativen Wohnprojekten, teilen Zahnpasta und Liebe, sie rauchen mehr als Nikotin, trinken viel Wein, lassen sich die Haare lang wachsen oder raspelkurz schneiden, sie organisieren Demonstrationen und rebellieren gegen die Umstände. Sie wollen anders sein als alle, vor allem als ihre Eltern. Und sie sehen gut dabei aus, ja sie tun das mit Stil.

11.10.2016 in Braunschweig. Ein Dienstagvormittag in den Herbstferien, Dauerregen. Tief hängende Wolken, der Himmel ist grau, die Laune mies. Plötzlich fallen mir an unterschiedlichen Stellen der Innenstadt kleine Gruppen junger Erwachsener in Begleitung von Bier und Bollerwagen auf. Ich frage sie: “Was macht ihr hier?“ Sie sagen: “Wir sind Erstis!“ Ich denke: „Ach so.“ Erstis, das sind Studienanfänger. Und innen. Erstsemester eben. Sie werden mal Ingenieure. Oder Lehrer. Innen. Sie werden sehr lange und viel studieren, damit sie klüger und schlauer sind als der Rest von uns, in Vorständen von internationalen (Automobil-)Konzernen sitzen und gute und richtige Entscheidungen treffen.

Erstsemester*innen haben Abitur, sie haben Deutschlands höchsten Schulabschluss erlangt. Das ist richtig geil in einer Gesellschaft, die wenig mehr richtig geil findet, als Auszeichnungen, die Menschen miteinander vergleichen und in besser und schlechter einteilen. Dementsprechend sind diese Erstis die, wie es so schön heißt, Elite. Und was macht die Elite? Was machen die Erstis, was machen die Studierenden? Lesen sie Bücher unter Linden? Werfen sie Steine? Wollen sie anders sein als alle und vor allem als ihre Eltern? Mh? Ach so. Sie lassen ihren Bollerwagen den Karstadt-Parkhaus-Fahrbankreisel herunter rollen.

Dem teambildenden Aspekt gemeinschaftlicher Aktivitäten unter Alkoholeinfluss gegenüber bin ich durchaus aufgeschlossen. Ein bisschen Spaß muss sein. Aber als Studienanfänger*in an einem Dienstagvormittag im Dauerregen mit Bier und Bollerwagen durch die Braunschweiger Innenstadt zu tropfen. Das ist nicht teambildend. Das ist kein Event. Das ist kein Erstsemesterauftakt. Das ist peinlich.

Wo sind die Wiesen? Die Linden? Proust, Tolstoi? Wo seid ihr? Wo die Parolen, wo die Graffitis? Oder, liebe Erstis: Wenn ihr nicht dagegen seid, seid doch wenigstens dafür! Wo ist die Musik? Wo ist eure Freude? Da war kein Zucken in euren Hopfengetränkten Mundwinkeln. Kein Ausdruck von Glück oder Missfallen hinsichtlich des kommenden Lebensabschnitts. Kein Gefühl, keine Botschaft. Stattdessen: Bier und Bollerwagen. Ich bin traurig. Verloren saht ihr aus, liebe Studienanfänger*innen am Studienanfang. Vielleicht würde euch ein Traum ganz gut tun.

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