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Bücherliebe

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This book is a must – Warum ich lieber für Übergewicht bezahle, als mein Leben mit dem Kindle
leichter zu machen:
Es ist der Geruch. Jedes Buch riecht anders. Je nach Papier und Verpackung. Je
nachdem, ob es neu gekauft oder aus der Bibliothek ausgeliehen wurde.  Und ganz egal, wonach es nun genau duftet, wenn man ein Buch aufschlägt, die Nase zwischen den Seiten vergräbt und tief einatmet – Schon der Geruch ist für mich eine Verheißung. Schon der Geruch bringt mein Herz zum Hüpfen, schon der Geruch gehört zu meinem Leseerlebnis.

Der Kindle riecht kaum. Ein bisschen nach Plastik. Und nach dem Ende der Welt, wie ich sie liebe. Aber das könnte auch Einbildung sein. Ich weiß, jung wie ich bin, erwartet man anderes von mir. Tituliert als ‚digital native‘ unterstellt man mir grenzenlose Technikbegeisterung, das IT- Know How von Bill Gates und den Innovationswillen von Steve Jobs.

In Wahrheit bin ich altbackener als meine eigene Oma und trotziger als meine pubertierende Schwester: „NEIN! Ich will den Kindle nicht – und auch kein anderes, ultrapraktisches Lesegerät.“

So etwas kommt mir nicht ins Haus, nicht in die Tasche, nicht unter die Augen.

„Es wäre doch optimal für dich, du hättest nie mehr Übergewicht, weil du für zwei Wochen Urlaub 14 Bücher einpacken musst“, versuchen meine Eltern und diverse Techniknerds aus meinem Freundeskreis mich mit Pragmatismus vom technischen Fortschritt zu begeistern.

Aber ich mag das. Ich mag es 14 verschiedene Bücher mitzuschleppen. Ich mag die unterschiedlichen Formate. Die verschiedenen Cover. Dass jede Papiersorte sich anders anfühlt und beim Umblättern andere Geräusche macht. Ich mag Schutzumschläge und Waschzettel und die Tatsache, dass die Buchcover darunter manchmal genauso und manchmal viel schlichter aussehen. Ich mag Lesebändchen, aber auch Lesezeichen, weil man damit während des Lesens rumfuddeln kann.

Nichts davon kann ein elektronisches Lesegerät. Der Kindle kann: Leuchten (Gut, das ist ein Pluspunkt. Den gönne ich ihm). Und jede Menge Bücher speichern.

Das kann mein Bücherregal auch. Nur, dass sie dort 1)Sichtbar sind, damit 2) etwas über ihren Besitzer aussagen, ihn bestenfalls adeln (der erste Blick in fremden Zimmer geht stets zum Bücherregal. Hier sind Bekanntschaften schon geendet bevor sie richtig Feuer gefangen haben, aber auch Leidenschaften
entfacht worden, mit denen man gar nicht gerechnet hätte), 3) jederzeit herausgenommen und aufgeblättert werden können, einfach so oder weil man gerade auf der Suche nach einem bestimmten Zitat ist, wobei 4) meine Bücher niemals jemandem verraten, wann, wie lange, wo und was ich gerade in ihnen gelesen habe
und 5) stattdessen  tatsächlich nur für mich (und die Menschen, an die ich sie ausleihe, denn auch das geht mit
Büchern) Erinnerungen verwahren (zum Beispiel den Sand vom letzten Urlaub am Meer, der aus den Seiten fällt oder Marmeladenflecken von dem Frühstück im Bett am Sonntag mit meiner besten Freundin). Wenn Marmelade auf den Kindle tropft, dann wischt man den Fleck weg. Übrig bleibt diese glatte Oberfläche in die sich mein Geist einfach nicht fügen,  an der mein Körper einfach keine Spuren hinterlassen kann und an der mich nichts zur Kontemplation einlädt.

Mein Bücherregal hingegen: Wie oft habe ich schon in Stunden der Muße davor sitzend oder liegend in Lieblingsbüchern schmökernd verbracht, zu Besuch bei alten Helden und langen Freunden. Wenn ich einmal alt und hoffentlich weise bin, werde ich mindestens ein Zimmer voller Bücher haben, bis unter die Decke. Zumindest wenn es nach mir ginge. Ein Speicher voller Dateien – das ist einfach nicht gleiche.  Und nein, ich verspüre keinerlei Angst davor an meine Existenz einen Haufen Papier anzuheften.  Ich möchte sogar so weit gehen, zu behaupten, dass dieser große Haufen Buchstaben und Leerzeichen zwischen zwei Deckel einen
großen Teil meiner Existenz ausmacht. Meine Bücher erinnern mich daran wer ich einmal war, wer ich geworden bin und auch, wer ich gerne wäre oder einmal sein möchte.

Viele von ihnen begleiten mich seit ich denken kann und manche wahrscheinlich sogar noch länger. Da sind die ersten Kinderbücher, in denen ich noch selbst mit Stiften Hand angelegt habe, die Erstlesebücher und die, die mir sooft vorgelesen wurden, dass ich sie noch heute fast auswendig kann. Da ist die Schullektüre und all die Bücher, die ich einmal selbst gekauft, geliehen (und (noch)) nicht zurückgegeben habe (es tut mir Leid!) und geschenkt bekommen habe. Wobei letztere noch einen ganz besonderen Reiz haben: Die Widmung. Schnell hin geklirrt oder in Schönschrift verfasst, verrät sie etwas über die Herkunft des Buches. Sie ist ewige Rebellion, Ikone des Analogen, Relikt einer Zeit in der Menschen sich nicht nur auf Papier,  sondern gar in Büchern Nachrichten hinterlassen haben.

„Am Ende verliebt man sich noch und dann wird’s extra süß“, das hat mir mein erster Freund in Sven Regeners Neue Vahr Süd geschrieben. Es ist eine Abwandlung eines Zitates aus dem Roman.  „This book is a must. Dein Großvater“, steht in Brave New World. Mein Opa, seines Zeichen pensionierter Englischlehrer, ist stets um meine literarische Grundbildung bemüht.

Was sein Widmung angeht, stimme ich zu. Ich würde sie aber etwas abändern: Nicht this book is a must, sondern books are a must. Zumindest was mich anbelangt.

Ich werde mir, wenn es einmal so weit ist und Bücher nicht mehr gedruckt, sondern nur noch gespeichert werden, aus meinen Exemplaren eine Burg bauen. Dort werde ich mich verbarrikadieren, bis es mich endlich
dahin rafft aus jener kalten, grauen, seltsam aus sich heraus leuchtenden Welt.

Ihr könnt mich dann dort begraben, in meiner Bücherburg. „Sie ruht in Frieden“ würde draußen dranstehen – und es wäre wahrlich nicht gelogen.
-Over and out-

 

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