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Über die Angst

emcke

Ich habe in einem Photographiearchiv eine Photographie gefunden. Man sieht darauf fünf herausgeputzte Menschen an einen eingedeckten Tisch. Das Zimmer – möglicherweise Teil einer Gaststätte? – ist mit Tannengrün dekoriert. Und Hakenkreuzen. Zwei auf Fahnen und einer als Aufsteller auf dem Tisch. Ein Hakenkreuztischaufsteller. Und drum herum sitzen die Damen und Herren und trinken ihren Wein und essen ihr Essen.

Diese Photographie ist die Manifestation meiner grausigsten Alpträume. Sie ist Abbild all dessen von dem ich mir wünsche, dass es nie mehr sein wird und von dem ich befürchte, dass es doch noch einmal möglich ist. Was für ein Schaudern, was für ein Grauen es in einem auslöst, wenn man dieses Photo anblickt und dann die Lage der Welt und des eigenen Landes betrachtet. Wenn man sich nicht beruhigend sagen kann: Ja, aber das wird nie wieder passieren. Sondern sich bloß Mut zusprechen kann, indem sich selbst zum Dagegen kämpfen aufruft, indem man sich sagt: Ich will alles mir Menschenmögliche tun, um zu verhindern, dass es wieder passiert.

Das was passiert?

Dass das Böse, das Abartige, das Abscheuliche wieder einen Platz findet, um dann alles zu zersetzen und zu zerstören, was einem lieb und teuer ist. Die Wärme, die Freiheit, die Liebe, die Menschlichkeit. Dass es sich ausbreitet, immer weiter und eines Tages so vollkommen banal, so vollkommen alltäglich seine Zeichen überall sind. Einfach so: das Grauen. Einfach so: der Ausdruck des tiefsten menschlichen Verfalls, der größten denkbaren Perversion als Dekoration auf dem Tisch und den Wänden. Neben Kristallgläsern und Porzellan, neben Tannengirlanden und Tischdeckchen, neben diesem Versuch von Leben, der ja aber bloß Farce ist, bloß Farce sein kann, weil er entblößt wird durch die Zeichen dieses menschenverachtenden Regimes, weil er so abseits vom Leben ist wie man überhaupt nur sein kann, weil er im Grunde nichts anderes tut als das Leben zu verachten.

Längst, so fühlt man es, ist diese Verachtung wieder Alltag, ist diese Photographie kaum nur noch Zeugnis einer vergangenen Zeit als vielmehr auch Ausdruck der Wirklichkeit des Hier und Heute. Ein Hier und Heute in dem der Hass wieder auf dem Vormarsch ist, ein Hier und Heute in dem der widerwärtigste Abschaum wieder einfach so geäußert wird, in dem sich Menschen dem perversen Glauben untertan machen, die Vernichtung anderer könne sie erlösen (von was auch immer) und erheben (wohin auch immer).

Einem hier und heute in dem sich Menschen zu freiwilligen Sklaven jener machen, die Nöte und Ängste ausschlachten, um ihre krankhaften Phantasien von Macht durchzusetzen und ihr skrupelloses Streben nach mehr immer weiter und weiter zu treiben. Einem hier und heute in dem sich Menschen freiwillig in die Unmündigkeit begeben und schlimmer noch: sich ihrer Menschlichkeit entledigen und dies ohne jede Scham, ja im Gegenteil, fast mit Genugtuung.

Einem hier und heute in dem die, die nach Macht gieren, die Schwachen zu ihrem Instrument machen, um sie dann zu opfern und dies in zweierlei Hinsicht: die einen Schwachen als Projektionsfläche für den Hass, als Schuldige, als Feindbild, als Ziel der Wut und die anderen Schwachen als Diener, als Multiplikatoren der kranken Ideologie, die sich am Ende auch gegen sie wenden wird.

Es sind diese Fragen, die bleiben, es sind diese Fragen, die einen an den Rand der Verzweiflung bringen, die das Loch im Bauch immer größer werden lassen: Wo ist die Menschlichkeit geblieben? Wo das Mitgefühl? Ist die Empathie verloren gegangen? Wird es wirklich der Hass sein, der siegt?

Es widert mich an. Es widert mich so sehr an, dass für mein Entsetzen, für mein Abgestoßensein, für meinen Ekel kaum noch Worte bleiben. Die Tage sind durchwoben vom Aufschrecken, vom Herausfallen aus dem Alltäglichen, von dem Aussetzen des Herzschlages, das den Schrecken markiert über das, was geschieht, und über sich selbst, wie man einfach weitermacht mit den Dingen.

Dann die Frage: Darf man das? Kann man das? Ist es jetzt nicht an der Zeit mit allem aufzuhören und stattdessen nichts zu tun außer Widerstand zu leisten? Wird es bald zu spät sein? Ab wann macht man sich durch das Untätigsein zum Mittäter? Ab wann trägt man das Grauen schon mit? Was kann man jetzt tun?

Früher in der Schule war immer klar: So etwas kann nicht mehr passieren. Es war das große Rätsel: Wie hat sich ein Regime wie das der Nationalsozialsten durchsetzen können? Und man war sich in seiner kindlich-jugendlichen Naivität sicher (oder vielleicht auch in seinem unerschütterlichen Glauben): Es wird nie wieder passieren. Einfach, weil es so unvorstellbar war. Weil man sich nicht erklären konnte wie so etwas Furchtbares passieren kann.

Dabei ist die Antwort (zumindest die erste) so simpel: Es passiert einfach. Es schleicht sich ein. Es zeigt sich hier und dort. Es gibt Aufschreie, aber sie sind nicht laut genug. Dann zeigt sich nicht nur hier und dort, sondern öfter und noch öfter und noch öfter. Und dann, eines Tages, und dieser Tag ist nicht heute, er war schon gestern, wird es mehr und mehr zum Alltag. Finden es mehr und mehr Menschen in Ordnung menschverachtende Parolen von sich zu geben und sich den Hass auf die Fahnen zu schreiben.

Ich habe Angst. Ich habe Angst, dass es nicht mehr lange ist, und es werden wieder Fotos wie dieses geschossen: Menschen, die Alltägliches tun, die Feste feiern und beisammen sitzen und über all dem schwebt das Grauen. Das Böse ist normal geworden. Das Hakenkreuz Teil der Weihnachtsdekoration. Der Hass das häufigste aller Gefühle – und ich ein Teil dessen, Mitschuld daran. Weil ich einfach weitergemacht habe. Weil ich mich rausgenommen habe. Weil ich nicht gekämpft habe. Gegen den Hass, gegen die Gewalt, gegen den kalten Irrsinn. Für eine Welt, die auch meine ist. Für Werte, die meine sind. Für ein Leben, das lebenswert ist.

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