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Grab them by the melons: Früchte des Zorns.

Und dann findest du dich da wieder: In der Firmenzentrale einer großen Supermarktkette am Rande der Stadt, in einem Büro mit großen Fenstern, in einem gepolsterten Drehstuhl mit Armlehnen. Alle haben hier heute so einen Stuhl, alle sitzen fürchterlich bequem. Alle, das sind heute vier. Zwei auf der einen, zwei auf der anderen Seite. Zwei, die in der Firmenzentrale arbeiten, an hoher Position, mit viel Verantwortung. Zwei, die woanders arbeiten, wo Positionen ein bisschen egal sind, weil alle gleich viel Verantwortung tragen. Zwei dort, ein bisschen irritiert, zwei hier, ein bisschen wütend.

Anlass dieser Zusammenkunft ist eine von mir verfasste E-Mail. Anlass dieser E-Mail war eine vom Unternehmen geschaltete Werbung. Auf einer Din A5 Karte ist eine Frau zu sehen. Sie blickt lüstern in die Kamera, der Reißverschluss ihrer Hotpants ist geöffnet, vor der nackten Brust trägt sie einen Melonenschnitz. Daneben der originelle Spruch: „Wer hat die schönsten Melonen Braunschweigs?“ Auf der Rückseite wird deutlich: Es handelt sich hierbei um eine Anwerbung von neuen Auszubildenden.

Alle vier Personen haben unterschiedliche Lebenswege zurück gelegt, um jetzt dort zu sitzen, wo sie sitzen. Was sie gemeinsam haben: Alle, die da in ihre Polster sinken, die Arme verschränken und an ihren Ärmeln zupfen, werden in Briefen und offiziellen Dokumenten mit „Frau“ angesprochen

Diese Werbung lag in Braunschweiger Restaurants aus, in Klubs, in Supermärkten. Überall. DiePartei Braunschweig hat sie anlässlich des Internationalen Frauentages am 08. März satirisch umgestaltet und auch mich hat sie, selbstverständlich, gestört. So sehr, dass ich über die Website https://pinkstinks.de/ Beschwerde beim Deutschen Werberat eingereicht und dem Betrieb eine E-Mail geschrieben habe. Die war nicht besonders nett. Aber die Werbung ist es ja auch nicht. Weil sie Frauen entmenschlicht und objektiviert, weil sie ganz, ganz billig alles torpediert, was großartige Menschen in intensiver Bildungsarbeit mit Jugendlichen aufbauen: Selbstwert.

In der Regel ist es mir nicht besonders wichtig, welchem Geschlecht sich meine Gesprächspartner*innen zuordnen. In diesem Fall schon. In diesem Fall ist unser gemeinsames geschlechtliches Label Teil der Problematik. Denn ich kann gar nicht in Worte fassen, wie absurd ich das finde: Mit Frauen darüber zu reden, was genau das Problem ist, wenn sich die Motivauswahl bei einer Werbekampagne auf „nackte Frau“ oder „süßes Tierbaby“ beschränkt. Als Hingucker. Damit die Leute zugreifen. Sich die Karte schnappen. Schnappen. Zugreifen. Frauenkörper. Würde Sichtbarkeit mit Macht gleichgesetzt, wären Frauen die mächtigsten Personen auf der Welt. Sind sie aber nicht. Und das liegt auch an Kampagnen wie dieser.

„Warum Mädchen vom Mond träumen und Frauen so selten dort ankommen“, heißt es in „Untenrum frei“ dem im September 2016 erschienenen Debüt der Philosophin und Sozialwissenschaftlerin Margarete Stokowski. Und auch hier lautet die Antwort: Wegen Kampagnen wie dieser. Das verstehen dann auch alle. Die zwei auf den Drehstühlen gegenüber nicken. Den Vorwurf des Sexismus wollen sie sich trotzdem nicht machen lassen. Das trifft sich gut. Ich will keine Einzelpersonen als Sexist*innen diffamieren. Ich will auch nicht, im Stil einer reaktionären Sittenpolizei, einzelnen Menschen das Recht auf (sexuelle) Selbstbestimmung aberkennen und Rollkragenpullover für alle verordnen. All das möchte ich nicht. Was ich heute, in diesem Gespräch, und gerne noch in tausend anderen Gesprächen, möchte, ist: Sexismus als das menschenfeindliche und gesellschaftszersetzende Prinzip zu entlarven, das es ist. Dabei ist mir völlig egal, ob die Chefinnen und Chefs dieser Supermarktkette in ihren Schlafzimmern gern mit dem hauseigenen Obst spielen. Sollen sie doch. Denn das hat mit Sexismus überhaupt nichts zu tun. Die Kampagne allerdings schon. Wenn, ohne erkennbaren Zusammenhang zum zu bewerbenden Produkt, so ging es nicht um z.B. Unterwäsche, ein auf diese Art und Weise platzierter Frauenkörper als Werbemittel eingesetzt wird, weil, ich kann es nicht oft genug wiederholen, man etwas zum greifen wollte, dann ist das Sexismus. Und dann ist es ein Problem. Mal abgesehen davon, dass es sich hierbei um eine Kampagne für neue Auszubildende (?!) handelt. Dass dieses, für mich so offensichtliche Problem, derart schwierig zu kommunizieren ist – dass es überhaupt kommuniziert werden muss ! – das nehme ich als schockierende Erkenntnis an diesem sonnigen Frühlingsnachmittag mit nach Hause.

Im März 2017 führen vier** Frauen ein Gespräch. Der Redeanteil ist ungefähr gleich verteilt, alle bemühen sich, eine Eskalation zu vermeiden. Manchmal wird es dann doch ein bisschen laut oder durcheinander. Wir erfahren, dass auch anderen Menschen die Werbung missfallen habe und freuen uns. Zum Glück. Der Ton meiner E-Mail habe allerdings auch missfallen, na gut, aber es stecke ja nun eine sehr vernünftige Frau dahinter. Dankeschön. Am Ende schütteln wir Hände, bedanken uns für die Dialogbereitschaft und besinnen uns darauf, dass wir doch eigentlich alle das Gleiche wollen: Mehr Frauen auf diesen Drehstühlen. Angezogen.

Am Ende des Tages habe ich ganz kurz eine Ahnung von dem „Alles kein Problem“-Gefühl. Ich denke: Vielleicht haben die ja Recht. Wenn ich diesen nackten Körper einfach nur als Zeichen für Aufmerksamkeit lesen könnte, genau so, wie eben ein süßes Tierbaby. Vielleicht müsste ich dann nicht mehr so häufig dem Deutschen Werberat schreiben. Vielleicht wäre ich dann nicht mehr andauernd so wütend. Vielleicht wäre das die Lösung des Problems. Ich denke das. Ganz kurz.

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