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(Fred sagt, ich solle keine zusammenhangslosen pseudoliterarischen Ergüsse posten. Das interessiere niemanden. Auf meine Entgegunge, es sei fraglich, ob sich überhaupt jemand für irgendwelche meiner Ergüsse interessiere, wie auch immer sie geartet seien, antwortete es, dass das zwar stimme, aber man müsse es ja nicht noch schlimmer machen. Ich tues trotzdem. Etwas zu tun, von dem andere mir abraten ist sowieso seit eh und je meine Lieblingsbeschäftigung. Reaktanz for life, jiha (sinnlose Ausrufe am Ende des Satzes zählen übrigens auch dazu!))

In griechischen Ruinen saß irgendwo ein alter Mann und dachte nach. Er sinnierte so über dieses und jenes, wie nur diejenigen sinnieren, die alle Zeit der Welt haben, weil ihnen sonst nichts geblieben ist. Dabei aß er Oliven, deren Kerne er auf den Boden spuckte. So wuchs um ihn herum langsam aber stetig ein Berg
Olivenkerne. Der alte Mann war sehr alt. Sehr, sehr alt. Es fehlten ihm die Haare auf dem Kopf, dafür war sein Bart umso länger. Er schwitzte sehr darunter, aber ihn zu schneiden, dafür waren seine Bewegungen zu tatterig, die Arme zu schwach, die Hände nicht mehr präzise genug. Manchmal, wenn er sich eine Olive in den Mund stecken wollte, ditschte er stattdessen damit an seine Wange oder traf nur den Mundwinkel. An den exorbitant schlechten Tagen, denen, an denen er das Ende förmlich spüren konnte, ganz nah, direkt hinter seinem Berg Olivenkerne, da traf er höchstens noch sein Ohrläppchen, wenn er die Olive nicht direkt über die Schulter warf, statt in den eigenen Rachen. Manchmal dachte er dann, es hätte ihn schon längst ereilt, das eigene Ende. Er saß da, sinnierte, starrte in den vor Hitze flirrenden Himmel und wusste nicht mehr, ob
er schon längst dort oben war. „Cogito ergo sum“, flüsterte er sich zur Beruhigung zu. „Cogito ergo sum“, und spuckte einen Kern auf den Berg. „Cogito ergo sum“, wieder ein Kern. Immer so weiter: Existenzbekundung, Kern, Existenzbekundung, Kern, Existenzbekundung, Kern. Wenn Descartes nicht mehr half, dann der Gedanke, dass, wenn er eigentlich gar nicht mehr hier wäre, wenn er schon längst tot wäre, Zeit ins Land gezogen und statt des Berges Olivenkerne ein Wald Olivenbäume in den Ruinen gewachsen hätte sein müssen.

Dann wieder gab es Tage, an denen ihn die Tatsache schreckte, dass dort kein Wald, sondern immer noch der Berg auf dem staubtrockenen Boden lag. Das waren die Tage, an denen sein Enkel vorbeischaute, ihn mit Wasser sauber wusch und dabei allerhand erzählte. Davon, was in der Welt passierte, davon, was in dem
Land passierte, davon, was in dem Dorf passierte. Manchmal brachte er eine Zeitung mit und las dem alten Mann die betrüblichen Schlagzeilen vor und es wurde ihm kalt ums Herz, weil er nicht verstand, was ihn mit den Überschriften auf diesem Stück Papier, was ihn mit den Erzählungen, was ihn mit der Welt verband.
Früher einmal, da hatte er große Idee und Träume gehabt. Da hatte er sich getraut zu schwelgen und zu schweben und zu lieben. Nun war er alt, sehr alt und die Kraft reichte nicht einmal mehr, um die Oliven treffsicher in den Mund zu stecken und erst Recht nicht, um zu verstehen, was die Menschen aus seiner
Heimat gemacht hatten. „Wir waren einmal“, sagte er dann. Und sein Enkel antwortete: „Aber wir sind nicht mehr“ und er zog zurück ins Dorf, den Staub der Straßen aufwirbelnd, eine Wolke, die sich auf den Horizont zu bewegte, aber niemals dort ankam, weil man den Horizont nie erreicht, egal, wie sehr man es versucht und wie schnell man läuft. Der alte Mann schaute der Wolke hinterher. Dann steckte er sich eine Olive in den Mund, murmelte „Cogito ergo sum“ und spuckte einen weiteren Kern auf den Olivenkernberg. Und so saß der alte Mann dort in den griechischen Ruinen, vergessen vom Rest, und dachte nach. Er sinnierte so über dieses und jenes, wie nur diejenigen sinnieren, die alle Zeit der Welt haben, weil ihnen sonst nichts geblieben ist.

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