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Es gibt immer so lange etwas nicht, bis einer kommt und es erfindet. Oder: Wie das Faultier zu mir kam.

[Logbuch]

Spätestens seit dem Känguru sind (imaginäre) Tierfreunde wieder salonfähig (obwohl sich das Känguru sicher gegen dieses Adjektiv verwehren würde.) Dass sie das sind, war mir eigentlich schon als kleiner Pöks klar. Manchmal, wenn alle anderen gerade doof sind, ist die Phantasie eben der beste Ort und die dort ansässigen Bewohner die besten Freunde.

„Klingt, als wärst du ein einsamer Freak gewesen“, sagt Fred, „quatsch mal nicht so rum hier, erzähl lieber die richtige Geschichte. Wie ich wirklich zu dir gekommen bin.“

„Die Ganze?“, frage ich.
„Die Ganze“, sagt Fred.
Übers Meer.
„Hä?“, fragt Fred.

Fred kam übers Meer zu mir.
„Das ist die ganze Geschichte“, sage ich.
„Das ist aber ziemlich runtergebrochen“, beschwert sich das Faultier.
„Oder pointiert“, sage ich, „alles eine Sache der Ansicht.“
„Eben noch das Pointierte loben und dann mit einer Sache der Ansicht kommen?“,
Fred ist empört, „du alter Frittenpeter, spar nicht an der falschen Stelle. Gib dir mal Mühe jetzt mit meiner Geschichte hier. Das muss doch nach was klingen, sonst denkt jeder, ich bin wirklich imaginär und dass deine Vorstellungskraft nicht reicht, um die Geschichte, wie ich übers Meer kam, weiter auszuschmücken.“

Es kam in einem Boot.

„Schiff, wenn schon Schiff! Ein Boot… Sag doch gleich, ich sei auf einem schlecht zusammen gezimmerten Floß daher geplätschert gekommen. Auf einem Bach, der eher noch ein Bächlein war. Bujaka, das klingt vielleicht spannend.“

„Na gut.“

Fred Faultier kam in einem imponierend großen Schiff über das Meer zu mir. Seitdem hängt es bei und mit mir rum.

„Und bereichert deinen Tag mit seiner Anwesenheit“, ergänzt Fred, „aber das ist immer noch nicht die ganze fabelhaft fabulöse Geschichte wie Faultier Fred, ich, über das Meer zu dir kam. Eigentlich kam ich ja auch nicht über das Meer zu dir. Jedenfalls nicht direkt.“

„Ich weiß“, sage ich.
„Warum erzählst du es dann nicht?“
„Ich bin zu faul“, sage ich.
„Oaaar, oh Mann ey, du bist noch fauler als ich.“
„Deswegen bist du ja jetzt auch hier“, sage ich.
„Ja“, sagt Fred kleinlaut, „das stimmt.“

Eigentlich landete Fred nämlich nicht direkt bei mir, sondern bei einem Hamburger Homie von mir. Der das Faultier am Hafen aus dem Wasser zog. Da schwamm es nämlich auf einem alten Blechfass an den großen Tankern vorbei.

„Ich hatte hat die Schnauz voll vom Malochen, ich wollte mal Urlaub machen, nicht immer nur arbeiten, arbeiten, arbeiten“, rechtfertig das Faultier seine angebliche Flucht. Ich glaube, es ist im hohen Bogen geflogen. Wurde über die Planke geschickt, weil es so fürchterlich faul und zu nichts zu gebrauchen war.

So oder so: Fred schipperte friedlichst im Hafen entlang, das Gesicht zur Sonne hinter den Wolken gerichtet, und die Frage, wohin, mit welchem Ziel es schipperte, schien es sichtlich nicht zu bekümmern. Es verbrachte dann eine Weile bei meinem Kumpel, bis ich zu Besuch in die Hafenstadt kam und beschloss, es für immer mitzunehmen. Nicht natürlich, bevor wir ins Gespräch gekommen waren und schnell ersichtlich wurde, dass wir einige Gemeinsamkeiten haben. Fred reiste also in meinem Rucksack, den Kopf oben rausgestreckt, die Kapitänsmütze ordentlichst zurecht gerückt, mit zu mir. Seitdem baumelt es rum, wo es sich baumeln lässt und manchmal hängt es rum, je nachdem. Gelegentlich und nur nach Überzeugungsarbeit darf der alte Mann es zeichnen. Es ist recht schüchtern, was das betrifft.

„Stimmt gar nicht“, wiederspricht es.
„Stimmt genau“, sagt der alte Mann und ich nicke zustimmend.
„Ich kann nur nicht so lange stillhalten. Ich bin zu zappelig.“
„Du bist ein Faultier“, wende ich ein.

„Na und? Meinst du etwas, jedes Faultier ist automatisch faul, nur weil dieses Adjektiv in seinem Namen steckt? Kann nicht auch ein Faultier zappelig sein? Hippelig, aufgekratzt, kaum zu bändigen? Oder noch anders gedacht: Selbst wenn jedes Faultier von vornherein, also prädisponierter Weise, faul wäre, könnte es dennoch zapplig sein, wenn zapplig zu sein, seine einzige und ausschließliche Tätigkeit
wäre.“

„Ist ja schon gut“, sage ich, „du bist nicht schüchtern, sondern zappelig.“

Jedenfalls so kam das Faultier zu mir und ich schwöre, Indianerehrenwort, dass es so gewesen ist und selbst, wenn es keiner glauben sollte, ist es egal, solange ich es glaube, denn manchmal reicht es aus, wenn man allein das Funkeln sieht, den kleinen Prinzen oder den Weg nach Fantasia.

Das Interessanteste an der Logik fand ich ohnehin stets die Gegebenheit, dass sich aus einer falschen Prämisse alles stringent folgern lässt. Wenn das nicht eine der schönsten Beschreibungen der Möglichkeiten, ja vermutlich des Wesens der Phantasie an sich ist, dann weiß ich auch nicht.

„Was ist mit dem Diebstahl, der Verfolgungsjagd und den Explosionen?“, echauffiert
sich das Faultier.
„Die gab es nicht“, sage ich.
„Ja, aber du hättest sie erfinden können. Dann hätte es sie gegeben.“

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