Blog, Prosa
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Baumbinder

Das Schönste in der Gegend hier war lange Zeit das Klo. Die von der Stadt haben es aufgestellt, damit sie nicht immer an die Häuserwände und die Bushaltestelle schiffen. Das hat auch ganz gut funktioniert. Vielleicht weil das Klo so modern daherkam und es darauf nicht so sehr stank, weil immer ein guter Luftzug durchwehte oder vielleicht auch, weil es angenehmer war mal in Ruhe und unbeobachtet zu pissen. Er weiß es nicht so genau. Manchmal denkt er auch, dass das Klo vielleicht so einen Erfolg hatte, weil es der einzige Ort war, an dem man mal seine Ruhe haben konnte von den Nervensägen.

Die anderen halt. Haben ständig was zu meckern alle und immer gibt es was zu diskutieren und selten sind sie sich einig. Er auch nicht. Er ist sich auch nie einig mit den anderen. Aufs Maul gibt‘s nicht mehr so oft. Liegt wahrscheinlich am Alter. Sie haben alle weniger Kraft und weniger Schwung als früher. Das Alter macht sie alle zittrig und sie können schlechter zielen als früher, das auch. Wenn sie es mal wieder versuchen, also die Streitereien mit der Faust zu lösen, geht die meistens daneben. Knapp, aber knapp daneben, na ja… Das ist eben auch vorbei, die Zeit der Fäuste, die noch getroffen haben.
Jedenfalls, das Klo war ein echtes Schmuckstück in der Gegend. Zumindest wenn man auf diesen modernen Kram steht. Das war ja so mit Milchglas und eckige Form und irgendwie ganz anders als alles drumherum. Eigentlich lustig, dass ausgerechnet ihre Pisse jetzt in das modernste Klo floss. Also er fand das immer lustig, irgendwie. Er konnte gar nicht genau sagen, warum, aber immer, wenn er pinkelte, musste er schmunzeln. Wegen des Klos und ihm und wie sie so zusammen gefunden hatten und gar nicht zueinander passten irgendwie. Eine Zeit lang waren sie alle richtig stolz gewesen, auf dieses Klo. Es war das Gesprächsthema Nummer eins. Tagelang. Es hatte sogar weniger Diskussionen gegeben. Und wenn doch mal Streit ausgebrochen war, dann hatte er immer geschlichtet. „Nicht über das Klo“, hatte er gesagt, „nicht über das Klo.“ So, als wäre es ihnen heilig. Es war ja auch irgendwie nett, dass man mal an sie gedacht hatte. Auch wenn es eigentlich gar nicht um sie ging, wahrscheinlich, sondern um die Häuserwände und den Geruch. Pisse war nicht gut für Häuserwände, Das griff sie an und Pissegeruch ist nicht gut für die Menschen, das greift sie auch an. Das macht sie mürbe, wenn sie immer den Pissegeruch in der Nase haben. Aber eigentlich auch nur eine gewisse Zeit lang, irgendwann gewöhnte man sich dran. Obwohl es dann vielleicht unterbewusst immer noch nicht so schön war, wie wenn es frisch roch. Na ja. Es gab ja immer irgendwas, was einen angriff und mürbe machte und an was man sich gewöhnte und was einem dann am Ende doch den finalen Arschtritt verpasste oder so. Aber das Klo, das war mal ne nette Sache. Sie hatten es sogar den Leuten angeboten. „Junger Herr, möchten sie mal unser schönes neues Klo testen?“, hatten sie gefragt und dabei gelacht und sie hatten lange nicht mehr so gelacht. Aber die Leute hatten nicht gewollt und irgendwann hatten sie wieder aufgehört damit. Aber während sie das so gemacht hatten, das war ihm aufgefallen, dass die Leute anderes waren. Also, es waren andere Leute. Das wurde jetzt immer mehr. Junge Leute, die fast aussahen wie sie, so von den Klamotten. Alt und abgewetzt, aber ihre Gesichter waren es nicht. Das war der Unterschied. Es waren es nur ein paar gewesen, jetzt immer mehr.

Und jetzt die Häuser. Die schönen, neuen Häuser. Die mit den Dachterrassen und Rundrumglasfronten. Die rücken immer näher. Von allen Seiten. Am Platz, an ihrem Platz sind sie noch nicht angekommen. Aber alle leeren Flächen in der Nähe, die besetzen sie jetzt. Eins sieht aus wie ein riesiger Wal. Ein riesiger, gestrandeter Wal. Da gehen die Anzugleute ein und aus. Wenn die erstmal über den Platz gehen, das ahnt er schon, dann würden die nicht grüßen. Die Jungen mit den alten Klamotten, da grüßen noch manche. Nicht alle. Manche von denen haben jetzt schon Gesichtsausdrücke wie die Anzugleute, es fehlt ihnen nur noch der Anzug. Aber der ist sich ja leicht zuzulegen. Leichter, viel leichter als so ein Gesichtsausdruck. So einen Ausdruck, den muss man fühlen. Da muss man die Persönlichkeit zu haben, die Passende, um so einen Ausdruck aufzulegen. Aber so ein Ausdruck, der kann einen auch beschützen und so ein Anzug. Der gibt Halt. Manchmal erinnert er sich noch, an früher, ganz früher. Nicht mehr so genau, wirklich nicht. Ist noch vor dem Klo gewesen, weit vorher, wirklich weit weit vorher. Da ist er auch mal einer dieser Jungen gewesen. Er hatte er mal gegrüßt, wenn er so traf. Aber das ist eben: Wenn man so einen Ausdruck hat, von Anfang an. Dann lunzt man nicht so schnell in Seitengassen und Abwege. Man springt nicht so schnell in Abenteuer und Abgründe.

„Irgendwann is hier keen Platz mehr für uns. Dann kommen die Fuzzis und nehmen hier alles ein, so viel ist sicher“, sagte der Heinz neulich. Heinz nuschelt immer so, aber er hat’s trotzdem verstanden. Ist wie mit Pisse: Man gewöhnt sich dran und irgendwann wird’s weniger schlimm. Er weiß nicht, ob der Heinz Recht hat. Vielleicht. Wenn er dran denkt, ziept es schon irgendwie. In der Brust oder so. Weil das jetzt schon so lange ihr Platz und ihr Klo. Was wird dann daraus? Gibt’s nicht oft, Plätze mit so einem Klo. Und die Betonbank. Die ist gut zum Sitzen, da muss man nicht auf dem Boden hocken wie der letzte Penner. Also so eine Bank und so ein Klo, wenn sie gehen, würde er das gerne mitnehmen. Und der Kiosk von der Ursula. Mit den staubigen Autos in der Ablage und den gelben Gardinen. Alles so nah beieinander. Im Alter ist‘s ja alles nicht mehr so einfach mit den Wegen. Zittrige Beine, ganz wackelig an manchen Tagen. Oft abends. Abends schlägt das Alter zu. Noch sind sie ja zum Glück nicht da, noch nicht ganz. Die Anzugleute. Kommen nur manchmal und kaufen ein. So gegen Mittag. Wenn er auch einkauft. Dann kaufen sie ihre Softdrinks und ihr Obst und ihre Brötchen. Stehen hinter ihm an der Kasse und unterhalten sich über Sachen, die er nicht versteht. Weil sie auch so viele englische Wörter benutzen. Englisch kann er nicht so gut. Nicht mehr. Manchmal guckt er böse, weil er will, dass sie gehen und am besten nicht wiederkommen. Damit der Heinz nicht Recht behält. Ist eh immer schlimm, wenn der Heinz mal recht hat, dann können sie sich alle das tagelang anhören. Dann geht er öfter auf’s Klo. Ist eben gut, wegen der Ruhe.
Jetzt sind also die Häuser die Schmuckstücke hier in der Gegend. Wenn man drauf steht, auf diesen modernen Kram. Ihr Klo wirkt ganz klein und mickrig dagegen. Also jedenfalls, er hat sich das angeguckt. Er ist einfach mal drauflos gegangen und hat sich das angeguckt. Die neuen Häuser und den Wal. Die anderen haben wieder genervt und das Klo war besetzt und da ist er losgegangen. Ganz nah dran. Riesig wirkt der Wal und er ganz klein daneben. Da hat er was entdeckt. Er muss immer noch dran denken, jeden Tag und es ziept, so wie  wenn er drüber nachdenkt, dass sie hier bald weg müssen. Die haben Bäume gepflanzt. Bäume neben den Wal und die andere Häuser mit dem vielen Glas und Metall. Noch kleine Bäume sind das. Und um die Bäume haben sie in Dreiecksform Holz in den Boden gerammt und oben drauf Latten genagelt. So dass ein Dreieck um den Baum ist. Und dann haben sie daran ein dickes Band befestigt und ganz oft um den Baum gewickelt. Er hat’s gesehen. Sie haben’s gerade gemacht. Er hat zugesehen. „Wofür is‘n das?“, hat er gefragt, obwohl er’s eigentlich schon geahnt hat. Die haben ihn angeguckt, erstmal, hat gedauert bis die geantwortet haben. „Damit der gerade wächst“, haben die gesagt, die Baumbinder. Damit der gerade wächst. Das ist wie mit dem Ausdruck und den Anzügen. Das sind auch so Konstruktionen, damit die gerade wachsen. Und jetzt muss er immer an diese Baumbinder denken und die die Bäume, die jetzt gerade wachsen und wie sie das um jeden Baum da drum gemacht haben und an ihr Klo. Und manchmal denkt er dann, dass er auch lieber so eine Konstruktion um sich herum gehabt hätte, lieber als das Klo. Das macht ihn traurig, irgendwie, weil er das Klo ja mag und er das wirklich nett fand. Fanden sie ja alle. Da waren sie sich ja mal einig gewesen. Nette Sache, das Klo. Aber seit er das mit den Bäumen gesehen hatte, kam ihm das Klo schäbig vor. Vielleicht, denkt er, wenn sie nämlich vielleicht auch so ein Band um ihn gewickelt hätten, um sie alle und nicht nur das Klo vor ihre Nase gesetzt, vielleicht wären sie dann auch gerade gewachsen.

Fühlt sich eng an, plötzlich, in dem Klo. Schlecht. Er pinkelt jetzt wieder an die Häuserwände. Ist sowieso nicht schlecht. Wenn sie bald nicht mehr hier sein können, ist er es schon gewohnt. Freiluftpinkeln und so. Manchmal überlegt er, an den Wal zu pissen. Weil er irgendwie sauer ist. Auf die Leute und ihr scheiß geraden Bäume. Aber der Weg kommt ihm jetzt so weit vor. Ist schlimmer geworden, in letzter Zeit, mit dem Zittern. Außerdem machen ihn die Bäume bestimmt nur wieder so traurig. Er weiß nicht, ob es dann mehr helfen oder mehr schlimmer machen würde, wenn er dran pisst. Und am Ende tragen ihn die Beine nicht zurück. Weil sie zu schwach sind. Wegen des Anblicks und wenn er dann Pause macht. Drüben, beim Werner. Der ist ja doch noch. Aber wahrscheinlich auch nicht mehr lange. Sagt der Heinz. Sagt viel sowas in letzter Zeit, der Heinz. Er hat es ihnen nicht erzählt, die Sache mit den Bäumen. Er lässt lieber den Heinz reden. Er will nicht, dass sie auch so fühlen müssen. Lange Zeit war ihr Klo also das Schönste in der Gegend. Aber bald würden es die Bäume sein. Ganz moderne Bäume. Ohne Glas. Aber gerade.

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