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Mitbewoherin vermisst

Liebstes Lieblingsmädchen,

du bist jetzt schon eine Weile weg. Diese Weile kommt mir sehr lang vor. Sehr, sehr lang. So lang wie wenn man all deine Haare aneinander knoten würde. Was ich nicht empfehle. Erstens täte es dir bestimmt sehr weh, wenn du dir jedes Haar einzeln rausreißt (ungefähr so wie deine Abwesenheit schmerzt) und außerdem kann man sich heute keine Glatze mehr zu legen ohne für verrückt gehalten zu werden. Wenn sonst recht wenig so hat uns dies zumindest die Causa Spears gelehrt (und vielleicht noch das ein Keuschheitsgelübde und Justin Timberlake im eigenen Bett sich nicht besonders gut vertragen. Obwohl das natürlich Geschmackssache ist. Ich frage mich manchmal, ob sich Britney gern in den Arsch beißen würde, wenn sie Justin und ihren jetzigen Männer so vergleicht. Aber das führt gerade in die falsche Richtung, zumal du ja nicht da bist, um das mit mir zu diskutieren). Statt im Irrenhaus bist du im Kinderheim und spielst jeden Tag stundenlang Mensch ärger dich nicht. Schön für die Kinder, blöd für mich.
Während die also ihren Spaß haben deiner Studienordnung sei Dank, sitze ich am Küchentisch und spiele mit mir selbst Hallgalli. Dafür wechsel ich jedes Mal den Platz. Nicht, dass du denkst, ich hätte einfach zwei Kartenstapel vor mir liegen. Nix da. Ich mach einen auf Dinner for one, nur ohne Dinner und mit Karten. Und so einen toten Tiger habe ich auch nicht. Obwohl das vielleicht nicht schlecht wäre, dann könnte ich dem all die Geschichten erzählen, die ich normalerweise dir erzählen würde und egal wie schlecht es mir geht, er würde mich daran erinnern, dass ich es auch viel beschissener habe könnte. Solange man nicht als tote Zierde in irgendjemandes Esszimmer liegt, ist doch alles halb so wild (Lustigerweise ist auch der tote Tiger nur noch halb so wild. Nur eben wortwörtlich und sogar noch mehr als nur halb..)

Und während ich von dem vielen Rumflitzen am Küchentisch langsam richtig stramme Waden kriege, wechselst meine Gemütslage von unendlicher Sehnsucht in unendliche Wut (was verlässt du mich denn auch, hä?) zurück in unendliche Sehnsucht.

So habe ich bereits all Wände deines Zimmers mit Herzchen bemalt und einen Altar aus gemeinsamen Bilder von uns im Wohnzimmer aufgestellt. Ich habe mir die Haare braun gefärbt, laufe nur noch in deinen Klamotten rum und manchmal führe ich Selbstgespräche im Spiegel. Das Geschirr von dem du zuletzt gegessen hast, rühre ich nicht an. Es schimmelt jetzt in einer eigens dafür angeschafften Vitrine vor sich hin.

Ich habe aus Trotz aufgehört deine Blumen zu gießen und in jeden deiner Ärmel geschnoddert. Manchmal lasse einen der Obdachlosen vom Platz unten in deinem Bett übernachten und dann unterhalten wir uns vor dem Schlafen gehen über alte Zeiten und wie da alles besser war und ertrinken unseren Kummer in Billigspirituosen, die ich aus dem Supermarkt klaue, denn nur der Kick lenkt mich kurz davon ab, dich zu vermissen.

Hab auch schon überlegt, ob ich ein Loch in deinen Fahrradreifen steche und sage, es war einer der Typen von oben. Aber dann hätte ich auch kein Fortbewegungsmittel mehr und das wäre doof. Stattdessen habe ich einen Biomüll aus deinen Schuhen gebaut, da liegen jetzt die vertrockneten Blumen drin, und einen Popel unter dein Bett geschmiert. Ich hab dir ein Lied gedichtet und immer, wenn ich niesen muss, niese ich in deine frisch gewaschenen Handtücher.

Jedes Mal wenn ich auf der Straße ein Mädchen in deinem Alter sehe, verdrehe ich die Augen, streiche mit meinem Zeigefinger über meine Kehle und brülle: „Du wirst nie sein wie sie, nie. Geh mir aus den Augen. Ich will niemals mit dir befreundet sein.“ Wenn Grey’s Anatomy im Fernsehen kommt, bewerfe ich die hübschen Ärzte mit Tomaten, denn ohne dich schmachten ist bescheuert, und der Uni ist das Gleiche wiederfahren, denn da ich nicht wusste, wer die Studienordnung schreibt, war eine Verallgemeinerung von Nöten.

Ich tanze nackt durch die Wohnung, trockne die Wäsche in deinem Zimmer, hämmer nachts gegen die Wand zwischen unseren Räumen und rede mir ein, ich genösse meine Freiheit.
In Echt aber ist alles doof ohne dich und obwohl der Spruch von geschmacklosen Schafen auf geschmacklosen Produkten jeder Couleur bereits überstrapaziert wurde, ist er trotzdem wahr.
Also komm schnell wieder. Ich verrat dir auch, wo der Popel klebt. Dann musst du nicht so lange suchen.

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