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Best Choice?

Liebes Braunschweig,

wir hatten schon mal die Ehre. Schriftlich meine ich. Denn ansonsten haben wir sie jeden Tag. Obwohl ich mir nicht sicher bin, ob man von Ehre sprechen kann. Braunschweig, ich fühle mich an deiner Seite wie in einer Beziehung, in der man bis auf ein paar Glanzpunkte stets schlecht behandelt wird und dem anderen trotzdem hinterherläuft. Dabei wird immer klarer: Ich kann
bei dir nicht unterkommen.

Und das meine ich in Bezug auf dich wörtlich. Braunschweig, die Wohnungsnot war schon letztes Mal mein Thema und das ist schon ein Weilchen her. Seitdem hat sich nichts verändert. Zumindest nicht für Studenten. Wir hocken immer noch in unserer Butze und die Studienanfänger, die hocken noch bei Mama und pendeln oder bei fremden Menschen, die sie über Couchsurfing.org gefunden haben. Ja, auch in einer Stadt wie dir gibt es Leute, die anderen Unterschlupf gewähren. Nur leider bloß auf dem Sofa und vorrübergehend.

Was tust du für uns? Jetzt sag bitte nicht, du renovierst den Affenfelsen, der erstens notorisch überlegt und zweitens sowieso in jeder Hinsicht eine Zumutung ist. Ungetüme zähmen, die die Stadtplanung vor Jahren losgelassen hat, ist kein Grund sich ansonsten auszuruhen.

Es wird ja viel gebaut und ich frage mich: SOLL mich das ärgern? Machst du das, um mich loszuwerden? Zum Beispiel dieser gestrandete Wal hier um die Ecke. Dieses riesige Kontorhaus, das den Ateliers der HBK gegenüber das Licht raubt. Ist das eigentlich eine Allegorie auf die Gesellschaft? Anzugträger vs. Künstler im Kampf um den Platz an der Sonne? Dann Chapeau, gut gelungen! Du weißt schon das mit den vielen Glasscheiben und den rostigen Blumenkästen vor der Tür. Wie teuer waren die eigentlich? Und was soll das überhaupt? Glas und
Rost, das ist ja sowas von die Jutebeutel der Architektur. Längst nicht mehr so cool wie gewollt.

Oder die Häuser dahinter. Mit den Appartements mit Blick auf die Oker. Hätte ich ja auch gerne. Mir fehlen bloß die 400 000 Euro, um mir so eins zuzulegen. Aber eh! Ist schon ok, dass du den Wohnraum für solche Projekte verballerst. Ohne Moos nichts los. Alles was mir bleibt, ist mir leise ins Fäustchen zu lachen, wenn mal wieder irgendwer „schön ist scheiße“ an die Fassade geschmiert hat. Die Genugtuung des kleinen Mannes. Klar, das ist eine ambivalente Sache Denn wirklich schön sind diese in einer Mordgeschwindigkeit rausgekloppten
Klötze eigentlich nicht. Scheiße allerdings schon.

Klar, das ist vielleicht nicht ganz fair dir gegenüber, weil eine Sache von Investoren undwasweißichschonvongrundstückvergabe und irgendwie dachte ich, ich kann dir das verzeihen.

Aber dann Braunschweig, dann hab ich heute dieses Plakat gesehen. Ich glaube, du willst damit mit anderen flirten. Man sieht dort eine Frau in Rückenansicht auf einem Steg und daneben den folgenden Text: „Stadt Braunschweig. 10 Minuten zur Arbeit. 5 Minuten zum See. Best Choice 2015.“ Und ich denk mir so: Ist das Absicht? Soll das lustig sein? Willst du mich verarschen? Spuck mir doch gleich ins Gesicht und sag mir, dass ich mich verpissen soll.  Ich weiß, das klingt jetzt drastisch oder hart oder tierisch gefrustet. Aber genau das bin ich auch.

Was soll diese Kampagne und an wen bitte richtet sie sich genau? An all die Leute, die sich den teuren Wohnraum leisten können? Die gern in walähnlichen Gebäuden arbeiten und in weißen Einheitsbuden über die Assis schimpfen, die draußen die Wände bemalen (obwohl die Schriftzüge immer erstaunlich schnell verschwinden. Aber wer will schon daran erinnert werden, dass er in einer Gegend wohnt, in der nicht alle mit Blick auf die Oker hausen?) und über den perfekt gestutzten Rasen trampeln?

Braunschweig, lass das lieber mit dem Werben. Denn du hast einfach keinen Platz. Deswegen schlage ich vor, die Kampagne anzupassen. Meinen Entwurf siehst du hier. Ich habe ihn einfach um einen Slogan ergänzt. Denn du weißt ja: Du sollst nicht lügen und falsche Tatsachen vortäuschen auch nicht.

Habe ich gerne gemacht, Braunschweig. Weil du es bist und ich dich ja trotz allem immer noch ein bisschen mag.

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