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Der Wahnsinn der Zeiten

Durch den Park joggen. Vor Augen die eben gelesenen Nachrichten. Eine Art mehrdimensionale Sicht in der sich scheinbare friedliche Alltäglichkeit mit anderswo stattfindendem Elend mischt. 

Frage mich die ganze Zeit, was Erich Kästner davon gehalten hätte, das Pegida-Demonstranten seine Sprüche auf ihre Plakate schreiben

Da wohnt einer der Verbrennung seiner eigenen Bücher bei* und wirst posthum für die „deutsche Sache“ instrumentalisiert. Wenn es nicht so unendlich traurig wäre, wäre diese infame Dummheit ja schon wieder lustig.

Wie weitermachen? Einfach weitermachen und tun, was getan wird, ohne das es noch wirklich getan werden kann*.

Ich beruhige mich mit: Hier ist es ja noch friedlich. Aber das ist erstens abgefuckt und zweitens eine schlechte Lüge.

Dieser Drang jetzt sofort mit allem aufzuhören, mich auf irgendeinen Platz zu setzen und vor mich ein Plakat mit „Jetzt lasst doch die Scheiße“ aufzustellen und vielleicht noch eine Kerze – Kerzen kommen immer gut – und nicht weiterzumachen, bis entweder die Welt eine ist, in der ich mir wieder eine Zukunft vorstellen kann oder ich halt von einem Panzer überrollt werde.

Hier schon mal ein erster Versuch.
Noch drinnen, aber mit fetter Kerze,
die brennt ewig und vermutlich selbst
dann noch, wenn nen Panzer drüber rollt.

Es würde vermutlich nichts ändern. Es würde anfangen zu regnen, der Edding auf meinem Plakat verlaufen, die Kerze ausgehen und ich eine Lungenentzündung bekommen und ohnehin würde sich keiner dafür interessieren, was ich da tue.

Aber: Wäre das wichtig? Oder wäre die entscheidende Sache, dass ich etwas tue? Dass ich meinen Arsch bewege und vor allem meinen Mund und laut und deutlich Nein sage? 

Und was wäre, wenn ich gar nicht allein dort sitzen würde? Wenn da noch eins, zwei, drei, fünftausendsiebenhunderdreiundsechzigmillionen andere mit sitzen würden? 

Oft dieser Tage geht meine Phantasie mit mir durch und ich spiele Demontrationsszenarien durch, in denen für Frieden und Freiheit und gegen nationale Grenzen demontriert wird und die stets friedfertig und erfolgreich sind und ein bisschen was von der Euphorie des Mauerfalls haben


Und ich freu mich über jedem (als wär man so allein mit seiner Sicht, dabei ist man’s ja nicht, aber warum kommts einem dann manchmal so vor?), der von all dem Bauchgrummeln bekommt und der’s nicht ertragen kann: „Burschenschafter mit Muttersöhnchenschärpe eilen zum Saufnachttreffen.
Nationale Fratzen. Kehre ihnen den Rücken zu und blähe laut in den Wind.
Schon besser.“

*Zitat von Kästerners Lebensgefährtin: „Ich glaube, für den Erich war es das Gemeinste, was er erleben musste,
schlimmer noch als später die zwei Verhaftungen durch die NS-Heinis.
Dass es Studenten waren, die an seinen Büchern zündelten, da hat er sich
erst recht gefühlt wie ein Korn zwischen Mühlsteinen. Ich war da mit
Erich einer Meinung: Das hat doch in Wahr
heit Hinkebein angezettelt…“ 

*Zitat von Kästner: „Ich (…) sah unsere Bücher in die zuckenden Flammen fliegen und hörte
die schmalzigen Tiraden des kleinen abgefeimten Lügners. Begräbniswetter
hing über der Stadt. Der Kopf einer zerschlagenen Büste Magnus
Hirschfelds stak auf einer langen Stange, die (…) hin und her
schwankte. Es war widerlich.“

*Nawrat auf Freitext: „Jetzt, da ich wieder am Polenroman arbeite und darin etwas Neues
plötzlich passiert, ist das Gefühl des Fremdseins in dieser Welt, in
dieser Existenz, verschwunden. Hier irgendwo liegt der Grund
geheimnisvoll verborgen für diesen meinen inneren Zwang, jeden Tag etwas
zu schreiben. Diesen Grund aber lüften zu wollen, so spüre ich, wäre
fahrlässig und falsch. Stattdessen mich in diese Tätigkeit ergeben, die
mich jetzt wieder zieht (denn nicht ich schiebe, ich musste nur
anschieben helfen), und glücklich sein, dass es einmal noch weiter geht.“

 

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