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Instanbul. Ein Reisebericht ohne wirklichen Bericht, dafür mit viel Wut.

Der folgende Text ist weniger ein zusammenhängender Reisbericht, als ein Blick in mein Notizheft. Es ist nicht witzig und vielleicht auch nicht sonderlich gewitzt. Dafür war (bin) ich zu wütend, zu traurig, zu hoffnungslos. Ich könnte hier jetzt viel Spaß beim Lesen wünschen, damit wenigstens ein bisschen Ironie am Start ist. Aber ich denke, manchmal ist halt nur Schmerz. Und das ist okay. Ganz im Sinne Erich Fromms: Glücklich der, der ein Symptom hat.
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Instanbul. Was bleibt von dir du wahnwitzige Stadt? Der Geruch von Fisch? Die Angler auf der Brücke? Das Rufen des Muezzin? Der Geschmack von Simit? Die knalligen Farben von Gewürzen und die Mischung fremder Sprachen auf dem Bazar? Das Surreale der Prinzeninseln? Das Gaumenkitzeln von Baklava? Das Herzpochen nach drei türkischen Mokka?
All das irgendwie. Aber vor allem:
Die Sache mit den Frauen.
Diese elende Sache mit den Frauen und meine Wut. Meine immer weiter schäumende Wut. Selbst bei Kleinigkeiten. Der Selbstverständlichkeit mit der sich die Männer von den Frauen bedienen lassen. Und ich sage gleich vorweg: Ich will nicht, dass alles ist, wie ich es kenne. Wie ich es kenne, ist es nämlich auch nicht sehr viel besser. Von mir aus kann es auch ganz anders sein. Aber ohne Schmerz und ohne Unterdrückung.
Wir besuchen zwei Tanten im Friseursalon.
Es fließen Tränen. Ich verstehe nicht, was sie sagen. Ich sehe nur diese Gesten. Diese aufgebrachten Gesten und die Tränen in den Augen und es knallt mir in den Solar Plexus und ich denke FEMINISMUS, voller Rührung und auch Wut, aber guter Wut irgendwie, die dich für eine Sache brennen lässt und ich weiß im ersten Moment gar nicht, warum mein Unterbewusstsein so reagiert.
Ich lasse mir das Gesagte zusammengefasst übersetzen.
Es wird klar: Da rinnt das Kondensat der Machtlosigkeit an den gut geschminkten Wangen herunter. Das, der Demütigung. Das, der Scham, die eigentlich nicht da sein sollte.
Scham, dieses alte Frauengefühl. Das Schlimmste von allen, denn es ist auch das Unfairste.
Warum denkt diese Frau, dass sie sich schämen muss? Warum denkt diese Frau, dass sie sich erklären muss? Warum denkt diese Frau, dass sie sich bei ihrer Familie entschuldigen muss?
Warum muss diese Frau das jetzt denken?
Ich will sagen: Du darfst dich treffen, ja du darfst flachlegen, wen du willst. Aber natürlich wäre das kontextual betrachtet nicht die Wahrheit. Aber im Großen und Ganzen, im Großen und idealistischen Ganzen, verflucht, da ist es die Wahrheit.
Es ist natürlich nicht so leicht, ist es ja auch in Deutschland nicht und hier erst Recht nicht. Wo deine Mutter sagt: „Bleib bei dem Typen, der dir die Syphilis verpasst hat. Reiß dich zusammen. Ich musste früher auch leiden.“
Dieser Mann, der die Geschlechtskrankheiten der Prostituierten mit nach Hause bringt und die Frage, ob man seine unehliche Tochter nicht aufnehmen könnte. Der nachts vor dem Bett steht und überlegt, dich zu erstechen. Was tot ist, kann dir nicht weglaufen. Der deine Freundinnen bumst und deine Kinder so sehr gegen dich aufhetzt, dass sie dir Morddrohungen anhängen.
Wie sie ihre Kinder jetzt an sich drückt.
Es ist furchtbar schön und furchtbar.
Ich denke an das Wort „Schlampe“ und wie ich es schon immer gehasst habe, weil es dafür keine männliche Entsprechung gibt. Und ich denke Männer, Frauen – normativer FUCK. Fuck it all. Be free.
Da ist er wieder, dieser Hass auf die Welt und die Gesellschaft(en) und dieses „Wassolldaseigentlichallesdasgehtgarnicht“-Gefühl. Das ist nicht meine Welt. Das will ich so nicht. Wie konnten sich die Menschen nur so falsch entwickeln? Warum ist das immer noch so? Ich hasse es. Ich hasse auch mal eben jeden Mann, klischeemäßig und voller Trotz. Zumindest jeden, der sich nicht für den Feminismus einsetzt. Oder für die Gleichberechtigung. Für die Befreiung von normativen Geschlechtszuschreibungen. Wie auch immer man es nennen mag. Auch jede Frau. Auch mich, für jedes Mal, das ich Unterdrückung akzeptiere, anstatt dagegen vorzugehen.
Ich will, dass sich jetzt alles ändert. Sofort. Ich habe keine Zeit zu warten, das Leben ist kurz und ich will, will, will wenigstens kurz in einer friedlichen, fairen, all ihre Geschöpfe würdigenden Gesellschaft gelebt haben.
Die beiden Weinenden rauchen jetzt. An der offenen Tür. Neben dem Rauchen verboten Schild. Fünf Minuten für sich und den Versprechungen des Tabaks. Dabei ist nichts weiter weg als NotMaybe und der Marlborocowboy mit seinem Pferd unter dem Sattel und der Weite der Prärie. Jene Suggestion selbstbestimmter Freiheit, bei der nur du entscheidest in welche Richtung es gehen soll.

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Der Poet. Der mit den traurigen Augen. Wie eigentlich immer finde ich die Kaputten am Schönsten. Die mit dem Riss in der Seele. Es ist dieser Blick, der einem ins Herz schießt. Melancholia, die Verführerische.

Wir sitzen in einem kleinen Cafe. Plastikblumen an der Wand. Silberne Schnörkelzuckerdosen.
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Wir fetzen durch eine Welt der Billigklamotten. Alles ist grell und vollgestopft. Es riecht nach Plastik. Wie kann so viel Kram in so wenig Quadratmeter passen? Und wo zur Hölle soll all dieser Kram unterkommen? Wer kauft all das?

So viel Elend. Ich fühle mich schuldig, dafür wer ich bin und in welchen Verhältnissen ich lebe. Viel mehr noch dafür, wo ich geboren wurde. Für meine Privilegiertheit. Kann ich natürlich nichts für. Fair ist es trotzdem nicht.

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Das einzig Beruhigende ist das Meer. Diese Weite und das Wogen der Wellen.
(Das sind natürlich nur ein paar Eindrücke und Notizen und man müsste noch tausend mehr sammeln um irgendwelche Schlüsse zu ziehen und selbst die wären dann bestimmt nur halbwahr.)

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