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Über ein Fastpferd und Trauerspiele in der Badewanne.

Das hier ist eine Geschichte darüber, wie ich fast ein Pferd bekommen habe und dann doch nicht. Oder, wenn man so will, eine Geschichte darüber, wie scheiße das Leben ist.

Klar, wer schon mal einen Text von mir gelesen hat, wird sich denken: Ist ja nichts Neues. Erzählt die ja gerne. Alles mies und so weiter. Die alte Leier.

Aber jetzt, ja jetzt lieber Leser, jetzt habe ich Beweise und gestern, ich gestehe, war ich kurz davor das Gegenteil zu behaupten, aber dann kam alles ganz anders und was mir jetzt bleibt, ist mich an so semiklugen Kalendersprüchen festzuhalten oder doch noch religiös zu werden. Alles hat seinen Sinn. Die Wege des Schicksals sind unergründlich. Wenn sich eine Tür schließt…

Ach komm. Fickt euch.

Das Sinnvollste scheint mir da immer noch, den selbstgebrannten Sliwowitz (natürlich nicht hier selbstgebrannt, liebe Behörden, sondern dort, wo man echtes Handwerk noch schätzt, aber das ist jetzt ein anderes Thema, ich wollts nur gesagt haben, nicht das zu allem Übel morgen noch die Krippo klopft, kennt man ja, noch so voll verpult, keinen Kaffee intus und in Schlabberbuxe vom besten Freund und die schon voll im „Wirhabengehörtdassiehierschnapsselbstbrennen- jungedamesogehtsnichtkommsemamit“-Durchsuchungsmodus) meiner Mitbewohnerin zur Hand zu nehmen, sich in die Badewanne zu setzen und sich ordentlich zu betrinken.

Warum die Badewanne weiß ich auch nicht so genau. Aber diverse Filme und Tumblrblocks haben mich gelehrt, dass Melancholie vor allem in der Badewanne, mit vielen, elegante Rauchfäden ziehenden Kippen und perfekt verlaufener Wimperntusche funktioniert. Ach ja und Alkohol, aber das hatte ich ja schon. Warum das so ist, weiß ich nicht, denn die Badewanne ist scheiße unbequem und einer der letzten Orte in meiner Wohnung, in der ich mich gerne meinem Leid hingebe. Nach der Toilette vielleicht. Vielleicht ist das aber auch Sinn der Sache. Da liegt man dann und denkt sich „alles ist schlimm, ach kacke, das Leben ist mies und diese Scheißbadewanne, die ist richtig unbequem, wie das Leben, das ist echt daneben, aber nicht so daneben wie diese Wanne, wieso muss es mir immer so schlecht gehen, verdammt“.

Profis der Badewannentrauer machen irgendwann wahrscheinlich noch die Dusche an und singen aus vollstem Herzen „why does ist alwalys rain on me“. Und spätestens an dem Punkt muss man vermutlich über sich selbst lachen und das reicht dann an Auftrieb, um aus der Badewanne zu steigen, sofern der Gleichgewichtssinn das noch hergibt, und mit den Rauchschwaden zusammen das Badezimmer zu verlassen, um irgendwo anders ein bisschen weniger traurig zu sein, immerhin hat man noch Humor und außerdem mittlerweile einen sitzen. Oder nen ordentlichen Nikotinflash. Oder beides. Am besten Beides. Am Ende hilft doch immer nur noch der Rausch, ob dieser, unserer, tristen Existenz.

So. Jetzt bin ich aber irgendwie vom Thema ab, ist ohnehin nicht so leicht, den Laptop auf den Knie zu balancieren, aufm Bauch geht nicht, da gibt’s dann ein Problem mit den Ellenbogen, also schreiben und trauern und trinken und in der Badewanne liegen – das ist hart.

Und ja, an all die Klugscheißers des ‚wahren‘ Künstlertums da draußen, ich weiß, wo mein Fehler liegt. Ich weiß, dass es nicht real ist, dass das so nicht funktioniert mit dem Trauerspiel – Laptop statt Block mit Papier in zartem Hellgelb und Füller. Oder besser wäre noch eine Feder, die pathetische Kleckse auf das Papier macht, die sich später mit den Tränen mischen, die ich begleitet von sanften Schluchzern vergieße. Aber händisch zu schreiben ist zu langsam, wenn meine Gedanken im Torpedomodus durch meinen Kopf fetzten, den traurig sein heißt ja vor allem immer dieses Mehr an furchtbaren Gedanken ertragen und deswegen der Laptop. Und das tun sie. Weil gestern mein alter Reitlehrer angerufen hat, nach Jahren, so kommt es mir zumindest vor, um mich zu fragen, ob ich mein Lieblingspferd von früher geschenkt haben möchte.

Ich habe irgendwann aufgehört dort zu reiten, wegen der Entfernung und des Studiums. Alles war eine Phase des Umbruchs und alles irgendwie anders und … Ach im Großen und Ganzen habe ich aufgehört, weil jeder mal Fehler macht. Das war meiner. Ich habe danach keinen besseren Reitstall und kein besseres Pferd und keinen besseren Reitlehrer gefunden. Ich war ein Idiot. Ein feiger Idiot. Denn irgendwann habe ich mich auch nicht mehr getraut anzurufen. Umso größer die Überraschung über den Anruf zuhause. Er sei langsam alt, sagt er. Er wolle den Stall verkleinern. Wenn ich das Pferd nicht nähme, würde er es verkaufen.

Es kommt nicht alle Tage vor, dass man ein Pferd angeboten bekommt, ist schon der Wahnsinn, trotzdem brauchte ich Bedenkzeit, eine Woche. Weil ich Studentin bin und arm. Nicht bitterarm, aber sagen wir es mal so: Das was ein Pferd im Monat kostet, koste auch ich im Monat. Außerdem heißt ein Pferd zu haben ja nicht nur doppeltes Geld, sondern auch doppelte Verantwortung. Eben für noch ein Lebewesen. Man kann nicht mehr einfach so spontan wegfahren oder umziehen oder ins Ausland gehen oder sonst irgendwas machen. Und klar, habe ich das alles bedacht und der Gedanke war stressig und ich dachte: „Ne, das geht nicht. Das ist total unvernünftig“, aber eigentlich dachte ich: Ja mann, ja mann, ja mann, nach zwanzig Jahren kontinuierlichem Wünschen hat der Weihnachtsmann mich endlich erhört, ich krieg ein Pferd, geil, geil, geil.

An dieser Stelle muss ich zugeben: Ich war immer Pferdemädchen (#noshame alter!). Scheiß auf Bloggerdutt und Maclidschatten, nichts ist so geil wie Stroh im Haar und Pferdschnodder an der Backe. Scheiß auf lange Partys, ich steh auf lange Ausritte und scheiß auf Großstadt, ich will mein Pferd und die Prärie. Nur wer mal ohne Sattel auf einem dicken Pony stundenlang durchs Gelände gepetzt ist, hat wirklich gelebt. Und ehrlich, was auf der Welt ist cooler als ein Cowboy? Genau: Fast nichts, außer Pippi Langstrumpf.

Die bekanntermaßen stolze Pferdbesitzerin war. Und ich war so kurz davor zu meinem größten Idol zu werden. Ich hatte das Pferd quasi in der Tasche und Villa Kunterbunt und Affe – schien plötzlich alles machbar. Es gibt ja so Nachrichten, die geben dir einen ordentlichen Schubs nach vorne. Die lassen die Dinge funkeln. Die machen alles aufregend. Den ganzen Tag heute war ich nervös und vorfreudig und aufgeregt, nervös und vorfreudig und aufgeregt. Ich habe Rechnungen aufstellt, Pros und Contras durchdacht. Den Gedanken verworfen und dann doch wieder davon geträumt, was ich mit meinem Pferd anstellen werde. Dann hat das Telefon geklingelt und jeder Traum – nichtig.

Meine kleine Schwester am Apparat: Traurig Neuigkeiten. Der Reitlehrer hat zuhause angerufen. Das Pferd sei eingeschläfert worden. Vorhin erst. Nicht leichtgefallen, keine leichtfertige Entscheidung. Vergiftung. Konnte nicht mehr aufstehen, Tierärzte konnten auch nichts mehr machen. Ich soll ihn jetzt nicht hassen. Er fällt solche Entscheidungen nicht einfach so und er hofft, dass wir ihn trotzdem noch mögen.

Von einer Sekunde auf die andere ist jedes Funkeln weg. Keine Pippi Langstrumpf. Keine sanften Pferdenüstern jeden Tag in meinem Nacken, keine selbstgemachten Hafermöhrenleckerlis, keine stundenlangen Ausritte, keine superanstrengende Putzprozedur um den Schlamm der Weiden aus dem weißen Fell zu putzen. Keine gemeinsame Zeit nachholen, die man verpasst hat.

Nichts, nur die Lehre, dass das Leben eine dumme Sau ist. Ein Arschloch, das dir etwas verspricht, dieses Versprechen sofort bricht und dich dich selbst hassen lässt, weil du es hättest besser wissen müssen. Du hättest nicht daran glauben dürfen. Wer träumt ist selbst schuld, das ist vermutlich die Lektion aus dieser Sache und das allein ist schon Grund genug, um Tage, wenn nicht gar Wochen in der Badewanne zu verbringen.

Aber nur bis zum Wochenende. Dann besuche ich meinen Reitlehrer. Das ist die andere Sache mit der Scheiße im Leben: Im besten Fall sorgt sie dafür, dass man näher zusammen rückt. Und sich einen Sliwowitz teilt. Oder zwei. Ganz im Sinne meiner Urgroßmutter, die pflegte immer zu sagen: „Hast du Kummer mit den deinen, heb dir einen. Ist der Kummer dann vorbei, heb dir zwei.“

Das ist vielleicht das wahrhaft Gute am Traurigsein und Trinken der Badewanne: Wer einen über den Durst trinkt und so richtig abkotzen muss, also jetzt im wortwörtlichen Sinne, nichts mit Metaphern mehr hier, zu so später Textstunde, der kann sich gleich an Ort und Stelle sauber machen. Und dann frisch geduscht ins Bett.

Scheiße isses immernoch, aber immerhin ist man sauber.

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