Blog, Prosa
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Das ganze Leben ist eine Beule im kosmischen Gleichklang.

Gespräch mit meinem imaginären Freud:
Freud: „Setzen Sie sich“
Ich setze mich auf das nicht vorhandene Sofa
Freud: „Was brennt ihnen auf der Seele?“
Ich: „Hmpf“
Freud: „Na ja. Sie müssen schon Klartext reden. Die Hosen runterlassen.“
Ich: „Ich trage Opaschlüpper.“
Freud: „Ich nehme an, dabei handelt es sich nicht um ihr eigentliches Problem.“
Ich – druckse herum.
Ich: „Bin ich tatsächlich ein armes Würstchen? Bin ich krank? Weil ich den Unterschied kenne? Weil ich weiß wie sich mein Bauch mit und wie sich mein Bauch ohne dieses Gefühl anfühlt? Oder bin ich einfach nur faul? Bin ich ein Simulant, weil ich diese Dinge – ja was? Empfinde? Zu empfinden denke? Weil ich sie nicht abstellen, sie nicht runterschlucken kann? Bin ich depressiv? Weil mir das Leben so grausam, so unfair, so chaotisch, so sinnlos erscheint? Weil ich nicht sagen kann, dass das hier wundervoll ist oder weil es so aussieht, als könne ich nicht sehen, was für ein Glück ich hatte, im Vergleich zu anderen? Weil es mir nicht gelingt, zu verhindern Schmerz zu empfinden? Weil ich keine Hoffnung habe? Im Kleinen vielleicht, da mag es Hoffnung geben. Aber im Großen und Ganzen? Kann man mir das zum Vorwurf machen? Wie kann man nicht verstehen, dass das etwas ist, das einen daran hindert, einfach weiterzumachen? Wie kann man nicht verstehen, was das bedeutet? Bin ich krank, weil ich nicht kompatibel bin? Weil meine Gedanken und Gefühle mich daran hindern, mich „reinzuhängen“, „Gas zu geben“? Es lässt einem den Atem stocken. Es zieht einem den Boden unter den Füßen weg. Man beginnt zu straucheln. So wird es bleiben. Ist der Boden einmal weg, kann nichts ihn ersetzen, kann nichts ihn zurückbringen. Es gibt keine Selbstverständlichkeit mehr.“
Freud: „Sie haben Angst und sie sind verwirrt. Ganz einfach. Sie wissen nicht, ob sie ein Recht auf diese Gefühle haben “ Er unterbricht seine Rede, macht zwei schnelle Schritte auf mich zu, greift an meinen Augen vorbei nach hinten und zog etwas hinter meinem Ohr hervor, „haben sie keine Angst vor ihren Gefühlen! Das ist ja kein Zustand so.“
Er schwenkt etwas Kleines, Flauschiges, Schwarzes vor meiner Nase umher. Das Ding ist rundlich, mit Armen und Beinen und sehr großen Augen. Und es faucht. Die ganze Zeit.
Ich: „Was ist das? Kann man das Essen?“
Freud: “ Versuchen Sie doch. Das ist ihre Angst. Ihre Wut. Ihre Traurigkeit. Das Nichts. Pft. Nennen Sie es wie sie wollen.“
Ich entscheide mich aber dagegen. Ich habe keinen Appetit auf Angst. Stattdessen verabschiede ich mich von Freud und sage zu der Angst: „Komm Angst“ und reiche ihr die Hand. So hüpfen wir gemeinsam bis zur nächsten Eisdiele, wo ich meiner Angst eine Kugel Himmelblau spendiere.
Ich: „Und jetzt?“
Angst: „Hmm, lecker“
Ich: „Also Angst, jetzt, wo du durch das Eis besänftigt bist, was hat es denn nun auf sich mit dir?“
Angst: „UHHHAAHH UHHWARG ÄH“
Ich: „Soll mich das jetzt erschrecken?“
Die Angst nickt und macht große, traurige Kulleraugen.
Ich: „Funktioniert offensichtlich nicht.“
Angst: „Aber sonst schon. Du Schisser!“
Die Angst grinst schelmisch.
Ich: „Ganz schön frech.“
Angst: „Jawohl. Kann ich noch eine Kugel?“
Ich: „Nein!“
Angst: „Warum?“
Ich: „Ich kann dich eigentlich nicht ausstehen.“
Angst: „ Hast du Angst vor mir?“
Ich: „Fast ein bisschen.“
Angst: „Schisser!“
Ich: „Jetzt reicht‘ aber mal.“
Angst: „Sag das nicht mir. Du bist doch der mit der Angst.“
Ich: „Wenn du weiter so destruktiv bist, gehen wir noch mal zu Freud.“
Angst: „Oh ne, dieser alte Knacker geht mir gewaltig auf die Nerven. Außerdem bin ich Angst, es ist meine Aufgabe destruktiv zu sein.“
Ich: „Gut, das verstehe ich. Die Sache ist nur die: Je besser du deine Arbeit machst, umso schwieriger wird es für mich, überhaupt irgendetwas zu machen.“
Angst: „Ja. Ich bin ziemlich erfolgreich bei dir.“
Ich: „Was machst du eigentlich hier? Warum ausgerechnet ich?“
Angst: „Weil es funktioniert. Du kaufst mir sogar Eis. Die Wenigsten türmen mit mir von Psychofritzen, um mir eine Kugel Himmelblau zu spendieren. Du schon. Du würdest mir sogar bunte Streusel besorgen, würde ich welche wollen.“
Ich: „Hm.“
Angst: „Soll ich dir sagen warum? Weil du mich eigentlich gern hast. Alles gut, so lange ich da bin. Alles wach. Alles im Blick..“
Ich: „Ich bin möglicherweise gar nicht verrückt, sondern nur aufmerksam?“
Angst: „Na ja, du bist schon verflucht ängstlich. Aber auch aufmerksam. Das macht halt Angst und die Reaktion der anderen, die auch. Es ist erstaunlich, dass sie das Leben als solch eine Selbstverständlichkeit empfinden, sodass es sie so erschreckt, wenn jemand es anders sieht, dass sie nichts anderes tun können, als diese Sichtweise vehement zu negieren. Vermutlich eine Art automatisierter Selbstschutz. Der Überlebenstrieb, der dir abgeht. Also rufen sie dann, während sie auf den Knie rutschend ihre Augen suchen, „Depression! Depression!“ und schütteln wie wild mit dem Kopf, wenn du „andere Sichtweise“ sagst. Na ja. Was soll man machen? Kann ich jetzt noch ein Eis?“
Ich: „Nein. Gib mir deine Hand!“
Angst: „EH! He, was soll das? Du kugelst mir meinen Arm aus, guck doch, er ist schon viel länger, als der andere.“
Ich schleife die Angst trotz ihrer lautstarken Proteste noch mal zu Freud.
Freud: „Na, da sind Sie ja wieder. Und die Angst im Schlepptau. Wie schön.“
Angst: „Ich hatte ein Kugel Himmelblau.“
Freud: „Na herrlich.“
Angst: „Aber ohne Streusel.“
Freud: „Das ist bedauerlich.“
Ich: „Hallo? Ich unterbreche euer Pläuschen ja nur ungern, aber ich bin hier wegen eines Problems.“
Angst: „Mir“
Ich: „Ganz genau. Kein Grund stolz zu sein.“
Freud dreht sich weg und kramt in unsichtbaren Regalen.
Freud: „Hier.“
Ich: „Was ist das?“
Freud: „Eine Kiste.“
Ich: „Ich sehe keine Kiste.“
Freud: „Richtig, weil sie eigentlich nicht da ist. Ist eine Kiste für ihre Angst. Stecken Sie sie rein, wenn sie Ihnen im Weg steht. Wenn sie in der Kiste ist, steht sie nicht mehr im Weg.“
Ich: „Sind Sie aufgrund solcher Tipps zu weltweiter Bekanntheit gelangt?“
Freud: „Ach. Ist doch längst umstritten alles. Mein Ruhm ist in Skepsis umgeschlagen. Mein neues Motto ist keep it simpel. Wenn eine Kiste reicht, reicht eine Kiste.“
Ich: „Eine Kiste…“
Angst: „Scheißkiste.“
Ich: „Also gut. Ich stecke also meine Angst in eine Kiste. Wenn sie dann in dieser Kiste ist…“
Freud: „Ist sie in der Kiste. Sie ist dann immer noch da. Aber man kann sie besser transportieren.“
Ich: „Alter Mann, früher haben Sie irgendwie mehr vom Leder gelassen.“
Freud: „Früher war ich tatsächlich existent und nicht nur Teil ihrer Vorstellungskraft.“
Ich: „Gutes Argument.“
Freud: „Immer gerne. Wovor haben Sie denn eigentlich Angst?“
Ich: „Müssten Sie mir das nicht sagen können?“
Freud: „Man könnte Kleinigkeiten sammeln. Man könnte sich daran aufhängen, man könnte versuchen Punkte zu benennen, die das eigene Leben in die eine, die scheinbar falsche Richtung gelenkt haben. Man könnte suchen und graben, finden und analysieren, man kann Verbindungen ziehen und Dinge interpretieren. Wurzeln nachvollziehen, Symptome ihren Gründen zuordnen.  Aber erstens: Was würde das nützen? Was würde das ändern? Stände man dann nicht genauso ratlos vor dem eigenen Selbst? Wäre es einem dann weniger fremd? Oder nicht gar noch viel fremder?  Stünde man nicht immer noch genauso ängstlich vor dem Nichts?
Ließe sich überhaupt eine Antwort finden? Und überhaupt – Haben Sie geträumt?“
Ich: „Ich kann mich zumindest nicht entsinnen.“
Freud: „Dann ist es sowieso genauso unmöglich wie damit zwecklos. Also, dann bleibt uns nur der direkte Weg – Kraft unseres Reflexions- und Ausdruckvermögens die Dinge beim Namen nennen.“
Ich: „Vor allem Möglichen. Dem Leben und seinen Aufgaben. Dieses Gefühl, dieser Hoffnungslosigkeit in die Augen zu blicken, dieses Gefühl der eigenen unglaublichen Unbedeutsamkeit, meiner eigenen, winzigen Zeitspanne fragilen Lebens in die Augen zu schauen. Dieses Gefühl der Ahnung der Verluste, die alle noch kommen werden und dem Wissen, dass ich immer, immer der Verlierer sein werde. Dieses Gefühl der völligen Willkür der Dinge, der totalen Unvorhersehbarkeit des Laufes der Geschichte, dieses Gefühl zu verstehen, dass es unmöglich ist alle Faktoren zu kennen, egal, wie viele Anstrengungen man unternimmt. Dieses Gefühl, dass die Welt ein furchtbares und fabelhafter Ort ist. So grausam. So schön. So grausam. So schön. So grausam. So schön. So dreckig für so viele und noch dreckiger für noch mehr. Dieses Gefühl ist nicht leicht zu ertragen.“
Die Angst neben mir schwillt immer weiter an. Sie hat jetzt fast die Größe eines Heißluftballons.
Freud zückt eine Nadel, sein Arm schiesst gezielt zur Seite und pikst die Angst.
Angst: „PFFFF.“
Ich: „Nicht schlecht.“
Freud: „Ich bin kein Wunderknabe, aber erfinderisch, das bin ich schon. Junge Dame, ich rate Ihnen das Folgende: Nutzen Sie die Kiste, machen sie die Ängste kistengroß, bleiben wird sie immer, außer alles ändert sich sehr schnell sehr fundemental. Schmeißen Sie sich trotzdem mitten rein ins Vergnügen oder Elend wie auch immer sie es nennen wollen und haben Sie keine Angst, etwas zu verlieren oder ein paar Dellen abzubekommen. Das ganze Leben ist eine Beule im kosmischen Gleichklang.“
Ich: „Oder eine Delle im kosmischen Dadaismus.“
Freud gickelte: „Genau! Genau! Und Angst haben sollte nur, wer keine Angst hat.“
Er reckt den Finger empor.
Dann verblasst er.

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Man hat es gut. Aber irgendwie auch nicht. Alles ist schön und genauso ist alles scheiße. Am Ende ist es immer gut, wenn man auch mal traurig sein und alles bescheuert finden darf.

 

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