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Ne, ist nicht richtig.

Liebe Heidi Klum,

oh du Wunder der Natur, das sich vor laufenden Kameras einen Döner reinschiebt und überlegt sich noch einen zweiten zu bestellen und dass bei deiner Magerkeit. Wie machst du das nur? Ist das wirklich, weil du rauchst? Oder, oh weia, war das nur gespielt mit dem Döner? Oder hast du’s danach im Busklo gelassen? Auf gleichem Wege raus wie rein?

Ach ja, ist ja irgendwie doof, wenn der eigene Körper einem nicht gehört, andere sich anmaßen Entscheidungshoheit zu besitzen und ständig spekuliert wird, was da jetzt los ist: Ist das noch normal oder schon ungesund? Ist das nur eine Diät oder schon Magerwahn? Ist das, weil du für deinen jungen Lover „super“ aussehen willst?

Da kann schon sehr ärgerlich sein, dieses Gefühl der eigene Körper gehört einem nicht und man sei Eigentum der Öffentlichkeit. Das macht wütend. Wut braucht Kanalisation. Wie bei allem gibt es da leichte und schwerere Methoden. Manche gehen joggen, manche brüllen ihre Partner an, manche boxen in Kissen, manche knirschen mit den Zähnen, manchen machen Yoga, manche trinken viel und noch ein bisschen mehr, einige stehen über den Dingen, aber du, du machst es ganz anders. Du marschierst in die „Modelvilla“ und befiehlst den Kandidatinnen von Germanys next Topdmodel „in fünf Minuten, ungeschminkt und im Bikini“ am Pool zu erscheinen. Da stehen sie dann Spalier, fast nackt, und wundern sich was da kommen möge.

Was da kommt, ist ein ganz neuer Level von niveaulos und beschämend in dieser ohnehin nicht sonderlichen von Klasse geprägten Sendung. Für dich, Heidi ist ein „Beautytalk“. Und der sieht so aus: Du inspizierst die Nägel der Mädchen an Füßen und Händen, ihre Haut und ihre Zähne. Ja, du schaust in ihre Münder und in ihre Poren und urteilst dann, ob gut oder schlecht. Ob behandlungsdürftig oder nicht. Ungefähr so, denke ich, ist es früher auf dem Sklavenmarkt zu gegangen. Gute Substanz: gekauft. Schlechte Substanz: nicht gekauft. Hier ist es so – gute Substanz: Lob von der „Modelmama“. Schlechte Substanz: Kritik und ab zur Pedimanibleachingprozedur. Wer so eine „Mama“ hat, der braucht später auf jeden Fall einen Therapeuten. Herablassender geht es kaum und eine bessere Vorbildfunktion für einen kranken Schönheitswahn kann man auch nicht. Aber ach, ich hab vergessen: So ist das ja im Modelbusiness. Stimmt ja, Heidi. Und was so ist, das ist so und kann nicht hinterfragt werden.

Und während du den Mädchen tief in den Mund schaust und zu Zahnseide rätst und dann bemerkst, dass die gar nicht so Recht vor Begeisterung sprühen wollen, fragst du „das ist doch wichtig, oder? Findet ihr nicht?“ mit Quiekstimme. Natürlich nicht in Echt. In Echt ist das eine rhetorische Frage und du beantwortest sie gleich selbst mit: „Doch, das ist wichtig.“

Man wünscht sich so sehr, eines der Mädchen hätte die Antwort übernommen und sowas gesagt wie: „Na ja, ein gepflegtes Äußeres mag in diesem Job wichtig sein, aber das rechtfertigt noch lange nicht, dass du uns hier wie Vieh auf einer Auktion behandelst, uns in Reih und Glied aufstellst und uns derartig entblößt vor dem Fernsehpublikum da draußen. Du hättest uns ja irgendwie auch hinter der Kamera sagen können, dass wir uns mal die Nägel schneiden und die Hornhaut feilen müssen und vielleicht auch einfach gar nicht. Weil das, was du hier veranstaltest, junge Mädchen, die ohnehin schon getriezt und getriggert werden von kranken Medien und noch kränkeren Instgramsuperschlanklifegoalfeeds, nur auf ihr Äußeres reduziert und immens unter Druck setzt die perfekte Schönheit zu performen.“

Aber das macht natürlich keine, Heidi. Warum auch immer. Vielleicht weil du ihnen als unantastbares Vorbild giltst, vielleicht, weil sie glauben, was du sagst. Vielleicht, weil es ihnen nicht auffällt. Nur eine macht den Mund auf – und verkündet stolz, dass sie erst neulich erst bei der Maniküre war. Dafür gibt’s Lob von der Modelmama. Und für alle anderen geht’s ab zum „Fachpersonal“. Zusammen mit Heidi, die lachend neben den Mädchen mit Maulsperre beim Zähnebleachen steht.

Ich versteh es ja, Heidi. Auch du willst mal was zu lachen haben. Auch du willst mal andere wegen ihres Aussehens schikanieren. Auch du willst mal Dampf ablassen bei dem ganzen Drill dieser, deiner Branche, den Fans, den Medien, der Gesellschaft da draußen. Da gibst du’s an die Mädchen weiter. Da merken die mal, wie das ist. Scheiße nämlich.

Wahrscheinlich wolltest du eigentlich das sagen, oder?
„Das ist doch scheiße, oder? Findet ihr nicht?“ Pause. „Ja, das ist scheiße.“
Aber dann hast du Angst bekommen. Hast an den Traum von der ganz großen Modelkarriere gedacht oder an den Traum vom Weitergehen der ganz großen Modekarriere und dann dachtest du, so ist das halt und hast scheiße durch richtig ersetzt. Ist nicht schlimm. Das geht vielen so. So tun, als wäre Scheiße richtig. Du bist eben doch nur eine von vielen, liebe Heidi. Das trifft dich vielleicht hart, ist aber ein Schicksal das viele ereilt. Damit es nicht noch peinlicher wird, mache ich dir einen Vorschlag zur Güte: Hör auf mit dem Modelmama sein, leg das Amt nieder, geh einfach zu Vito und halt den Schnabel.

(Szene auf dem Bild ist nachgestellt)

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