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Tanzt, tanzt! Vor allem Matthias Matussek auf der Nase herum, denn sonst sind wir verloren.

(Der Artikel auf den dieser Text eine Antwort ist, findet sich hier)
Nun erleben wir sie wieder: die ängstlichen, konservativen, mittelalten Journalisten, die am Karfreitag in irgendwelchen Tageszeitungen und an diesem „Tag der Stille“ demonstrativ die Sau spielen. Sie nennen es schreiben.

Was zu zunächst auffällt: Sie können gar nicht schreiben.

Meistens ist es eine Art Gesudel mit Hass verzerrten Gesichtern und pseudochristlichem Einschlag. Was daran liegt, dass sie gar nicht schreiben wollen, sondern demonstrieren. Ihr Schreiben ist kein Ausdruck von Freude, Lebenslust und gelebten christlichen Werten. Sie schreiben aus dem Prinzip des Hasses, der hirnlosen Provokation, dem Abwichsen kranker Emotionen a la „das wird man doch noch sagen dürfen“. Um gegen die Aufhebung des Tanzverbotes zu protestieren, gegen Atheisten, gegen tanzende junge Menschen, gegen Muslime, gegen die Überfremdung Deutschlands, gegen den Verlust der „christlichen Leitkultur“. Meistens tragen sie weiße Hemden und schreiben über Glauben und Familie. Oder über den Patriotismus, was genauso grausam ist.

Sie schreiben gegen die jungen Leute, die sich vom Tanzverbot an Karfreitag das Tanzen nicht verbieten lassen. Aber nicht nur das. Von hier aus spannen sie den Bogen und zielen ab auf Überfremdung durch den Islam, die Scharia (was mal eben nonchalant gleichgesetzt wird), hin zum Kopftuchverbot und dem Verlust jeder Empathie in der Gesellschaft, die tanzend der Verblödung entgegen groovt direkt hinein in eine kulturlose Ödnis in der die Rechte der Frauen und Homosexuellen nicht geachtet werden.

Aha?
Und wieso?
Und vor allem wie?

Die Frage stellt sich ja, wenn man das so liest. Passt all das in einen gut geschrieben Artikel? Nun ja, eigentlich nicht. Aber gut, das ist der Artikel von Matthias Matussek nun Beileibe nicht. Was ist er dann? Zuerst einmal: Ärgerlich. Ärgerlich in der wirren Art der Argumentationsführung. Ärgerlich in der falschen Art der Argumentationsführung, denn was Matussek sagt, stimmt in weiten Teilen einfach nicht. Ärgerlich, was die Position anbelangt und ärgerlich, sehr ärgerlich was den Tonfall angeht. Zudem: Er negiert sich selbst. Das ist wiederrum nicht ärgerlich. Sondern erfreulich. Denn wer sich selbst widerlegt, dem muss man im Grunde nicht widersprechen. Ich will es trotzdem tun und habe ja Dank des Tanzverbotes alle Zeit dazu, haha.

Beginnen wir mit den Formulierungen und dem Tonfall. Der ist durchweg ziemlich beleidigend – oder sagen wir so: er versucht es zumindest zu sein. Matussek ist ja so einer, der denkt, seine Beleidigungen seien pointiert und zeitgemäß (raus kommen dann Begriffe wie „Mover- und Shakerpartys“. Was das sein soll, weiß auch nur der Matussek selbst). Er ist so einer, der anderen beim schlechte Witze machen jovial auf die Schulter haut, selbst am Lautesten lacht und nicht bemerkt, dass der eine Mitlacher auch nur einer aus Verlegenheit war.

Da wird sich über den schlechten Tanzstil aufgeregt, über die Bärte und Flanellhemden der Parteimitglieder der Piraten, die ja ohnehin nicht tanzen könnten oder sich überhaupt körperlich betätigen, deswegen wies ja auch das Bundesgericht, das „sich den Anblick tanzender Piraten nicht antun wollte“ die Klage dieser gegen das Tanzverbot ab. Dann ist da noch ein junger Liberaler, der einen Pressetext formuliert hat, dem möchte Matussek „nicht im Dunkeln begegnen.“ Kennt man ja. Leute, die tanzen wollen, wann immer sie wollen, sind gemein gefährlich.

Lustig ist es, sich in diesem Zusammenhang an eine Klage Matusseks gegen Kurt Krömer zu erinnern, der ihn in einer Sendung als Arschloch und Puffgänger bezeichnet hatte. Matussek wollte die Sendung verbieten lassen. Offensichtlich mag er nicht beleidigt werden. Seltsam, dass er trotzdem – und das in einem Artikel, in dem er die „christliche Leitkultur“ anpreist – so ausfällig gegenüber anderen wird. Wie war das noch… Ach ja! Liebe deinen nächsten wie dich selbst. Hat er wohl kurz vergessen, der Matussek, das Gebot der Nächstenliebe. Gehört ja auch nur am Rand zum christlichen Glauben, da kann das schon durchrutschen… DAS „muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.“

Mal ganz abgesehen davon, dass Argumente wie „deren Forderungen sind nichtig, denn die sehen doof aus“ einfach unnötig sind, Polemik hin oder her.

Auch schön finde ich es, wenn Matussek von Deutschland als einem christlichen Land spricht. Diese Formulierung ist ziemlich hirnrissig. Denn ein Land ist ein Land. Es ist vielleicht groß oder klein, warm oder kalt, bergig oder flach. Aber niemals, nie, nie, niemals religiös. Seine Menschen sind es vielleicht. Allerdings sind die in Deutschland eben nicht nur christlich. Der vehementen Formulierung Matusseks nach aber sind sie das – oder sollten sie das sein. Zum Glück sind wir seit etwa achtzig Jahren auf dem besten Wege dahin, was Herr Matussek? Wenn nur die doofen, doofen Muslime nicht wären…

Punkt zwei: Die Fakten, Verknüpfungen und Schlussfolgerungen.
Da führt er an, individuell sei das Christentum als Glaubensansicht nicht, „immerhin bekennen sich zwei Drittel unserer Gesellschaft als kirchensteuerzahlende Christen, die am Karfreitag den Tod unseres Herrn betrauern.“ Ähm… Ja. Genau. Weil mit Sicherheit jeder, aber auch wirklich JEDER, der Kirchensteuer zahlt, bekennender Christ ist und am Karfreitag zuhause unterm Kreuze sitzt und in sein Taschentuch schnieft.

Eher nicht, nein. Kirchensteuer zahlen und bekennender Christ sein, hat heute vermutlich so viel miteinander zu tun, wie gut und fundiert schreiben können und in großen, überregionalen Tageszeitungen erscheinen.

Wer keine christlichen Werte hat, ist „seelisch erloschen, gleichgültig und verdient keinen Respekt.“ Puh also das ist so lächerlich, mehr noch grausam, dass man dazu eigentlich nicht mehr sagen braucht als: Wer so etwas schreibt, ist vermutlich seelisch erloschen, gleichgültig und verdient keinen Respekt.

Aber laut Herrn Matussek ist es ja so, dass so gut wie alle positiven Errungenschaften unserer Gesellschaft dem Christentum zu zuschreiben sind.

So schreibt er, dass unser Menschbild christlich sei und führt den ersten Paragraphen des Grundgesetzes an. „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Aber Moment mal: Wurzelt diese Ansicht der Menschenwürde nicht auch in antiken Philosophien und der jüdischen Religion? Und ist dieser Absatz des Grundgesetzes nicht auch als Reaktion auf die menschenverachtenden Ereignisse des zweiten Weltkrieges zu sehen?

Zudem sei Christentum maßgeblich an der Gleichstellung von Mann und Frau beteiligt. Aber Moment mal: War es nicht das Christentum das beispielsweise die Sexualität der Frau herabwürdigte und mit dem Attribut der Scham behaftete? Sind nicht viele der Ämter in der Kirche bis heute Männer vorbehalten? Ist es nicht das Christentum, das die Abtreibung als Sünde sieht?

Aber nicht nur das, das Christentum sei auch verantwortlich dafür, dass „Männer, die Männer küssen nicht an Kränen aufgehängt werden.“ Aber Moment mal: War es nicht die Kirche, die Homosexuelle zu Sündern erklärte? Sind viele christliche Vertreter nicht der Meinung, Homosexuelle sollten sexuell abstinent leben oder sich gar gegen ihre Sexualität richten und heterosexuelle Ehen eingehen, um dem Willen Gottes zu entsprechen? Gibt es nicht sogar extrem konservative Christen, die Homosexuellen Schuld an Naturkatastrophen geben und in ihnen eine große Gefahr für das Abendland sehen?

Christlich sei auch die Aufklärung. Aber Moment mal: Hat die Aufklärung nicht in weiten Teilen an den Fundamenten des christlichen Weltbildes gerüttelt? Hat sie nicht dazu aufgefordert, sich gegen die Obrigkeit Kirche aufzulehnen? Hat sie nicht das Christentum herausgefordert, die eigene Notwendigkeit unter Beweis zu stellen?

Alle diese Fragen sind mit Ja zu beantworten – aber Herr Matussek erinnert sich nicht mehr.

Kann er auch nicht, weil dann seine Gegenüberstellung von Islam und Christentum als grausam und gütig, als unaufgeklärt und aufgeklärt, als ungerecht und gerecht, als unmodern und modern nicht mehr haltbar wäre. Da kann man ruhig schon mal so tun als hätte der eigene christliche Glauben sich ohne Ende für die Gleichberechtigung, für den Kampf gegen Vorurteile Kraft der Vernunft und immer, immer, immer schon dafür eingesetzt, dass alle Menschen den gleichen Wert haben, egal welcher Herkunft, Geschlechts und Alters etc. sie sind. Und Lesben- und Schwulen- und Frauenbewegungen etc. weltweit verstehen nur Bahnhof.

Aber selbst wenn das so wäre, dann wäre Herr Matussek ganz offensichtlich die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Denn augenscheinlich hat er es nicht so mit der Gleichberechtigung und mit vielen Sachen ein Problem. Mit allen, die nicht trauern wollen, wenn er trauert, mit den Piraten, den Jusos, dem Islam, mit der „tolle[n] Türkei.“ (Natürlich ist das kein wirkliches „Toll“, sondern ein ironisch verachtendes „Toll“). Mit den Tanzenden, wegen derer die Islamverbände jetzt über Deutschland lachen. Weil früher, „da hatten sie es doch mit wehrhaften Christen zu tun, die das Kreuzzeichen machen.“

BITTE WAS? Verstehe ich das richtig? Ruft Herr Matussek zu einem Kampf der Religionen auf? Zu mehr Haltung gegen die „Überfremdung“?Und in diesem Zuge zu mehr Wehrhaftigkeit seitens der Christen?

Ja. Und er geht in seiner Argumentation noch weiter. Implizit – zum Beispiel wenn er schreibt die Tanzenden sollen in Zukunft doch während des Ramadan in Dschidda und Riad tanzen – möchte er nämlich vermitteln: Bei denen, im Islam, da gibt es auch strenge Regeln, da dürftet ihr das auch nicht, mehr noch, da würde es euch noch schlimmer ergehen als hier. Deswegen also ist es wichtig und richtig, dass es hier auch strenge Regeln gibt. Deswegen ist es wichtig, dass wieder mehr Leute das Kreuzzeichen machen und weniger Leute an Karfreitag tanzen gehen.

Doch ist die Matusseksche Logik „leider“ nicht stringent. Denn wer sagt „Das ist schlecht und ich will nicht, dass es hier auch so schlecht ist, deswegen müssen wir es genauso schlecht machen, nur auf andere Art und Weise schlecht“ der schießt sich aus logischen Gesichtspunkten selbst aus dem Rennen.

Zudem stellen sich mir folgende Fragen: Was haben religiöse Werte wie die zehn Gebote eigentlich mit dem Kreuzzeichen zu tun? Was hat Nächstenliebe mit dem Tanzen zu tun? Bin ich ein guter Christ, wenn ich Karfreitag nicht tanze? Nicht zwangsläufig. Kann ich kein guter Christ sein, wenn ich tanze? Natürlich kann ich das. Ich kann auch auf Weihnachten verzichten, auf Ostern, mich nicht für Totensonntag interessieren und niemals beten und trotzdem ein guter Christ sein. Weil all diese Feste, diese Feiertage, diese Rituale nichts sind als Erinnerungen an die Werte des Christentums. Nicht aber die Werte selbst. Die sind viel tiefgreifender als ein Tanzverbot oder Feiertag, als ein Gebet oder ein einzelnes Gebot. Und oft auch schwerer einzuhalten.

Ich möchte Ihnen, Herr Matussek, in diesem Sinne vorschlagen als gutes Beispiel voranzugehen und sie an einer meiner liebsten christlichen Texte erinnern, das Friedensgebet, das häufig Franz von Assisi zugeschrieben wird. Zitat: „O Herr, mache mich zum Werkzeug deines Friedens, dass ich Liebe übe, wo man hasst, dass ich verzeihe, wo man mich beleidigt, dass ich verbinde, wo Streit ist, dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält, dass ich Licht anzünde, wo die Finsternis regiert, das ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt. Herr, lass mich trachten, nicht, dass ich getröstet werde, sondern das ich tröste, nicht, dass ich verstanden werde, sondern das ich verstehe, nicht das ich geliebt werde, sondern das ich liebe.“

Sie, Herr Matussek, Sie verzeihen nicht. Sie stiften keinen Frieden, Sie verbinden nicht, Sie säen Streit, Sie hassen statt Liebe zu üben, Sie wecken keine Hoffnung, Sie bringen keine Freude, Sie wollen sie unterbinden. Und Sie wollen geliebt werden, so sehr wollen Sie geliebt werden. Denn Sie haben Angst und Sie füllen sich respektlos behandelt. Von den Tanzenden, die sich nicht für Sie und ihre Religion interessieren (was nicht heißt, dass sie sie nicht akzeptieren).

Das müssen die auch gar nicht. Denn ja, das ist tatsächlich deren persönliche Freiheit und ja, an dieser Stelle hat das Thema Tanzverbot auch „politisches Profilierungspotential.“ Worüber Sie sich auch wieder lustig machen. Aber das ist schon wahr und das sollte man in einer säkularen Gesellschaft wie der unseren auch diskutieren dürfen. Ohne das sich irgendwer in seinem „religiösen Selbstverständnis“ angriffen fühlt. Das bedeutet keineswegs, dass es sich um eine vertrottelte oder verblödete Gesellschaft handelt. Ganz im Gegenteil.

Wobei: Ihre Selbstverständlichkeit, die vor allem Selbstgefälligkeit ist, hat durchaus einen Angriff verdient. Denn wer so schreibt wie Sie, der verkennt die Realität in monströsen Ausmaß – und tanzt vermutlich nie.

Nun ist einer, der die Freude, das Tanzen, das Nichtreligiössein nicht erträgt, sei es das individuelle oder kollektive, im Kern krank. Ebenso jemand, der die vielen religiösen aber auch nonreligiösen Grundierungen dieses Landes nicht erkennt und akzeptiert.

Vielleicht würde es Ihnen helfen, sich den „tanzwütigen Rebellen [auf] ihre[n] Shaker- und Mover-Partys“  anzuschließen und etwas von Ihrer Angst und vor allem von ihrer schlechten Schreibe abzuschütteln.

Denn nur, weil man Polemik drüber setzt, heißt das noch lange nicht, dass man jeden unreflektierten, beleidigenden, falschen, undifferenzierten, rassistischen Scheiß schreiben darf.

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