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Auf einen Schnaps mit der Freiheit

Die Freiheit ist zu Besuch. Sie sieht nicht gut aus. Irgendwie verwahrlost. Und verstört. Die Haare hängen ihr strähnig ins Gesicht, die Augen sind verquollen so als hätte sie sehr lange sehr viel geweint, außerdem ist sie dürr, klapprig geradezu. Der Eindruck wird durch ihr Zittern verstärkt. Sie bittet mich um eine Decke, einen Kakao und eine Kippe.

„Freiheit“, sage ich, „was ist denn los mit dir?“

„Ich bin nur noch ein Schatten meiner Selbst“, sagt die Freiheit.

„Ja“, sage ich, „das sehe ich. So kennt man dich ja gar nicht. Sonst siehst du doch viel strahlender aus.“

„Na ja“, sagt die Freiheit, „zumindest meint man mich so zu kennen. Aber wenn man mal genau nachdenkt: so sah ich nie aus. Das war ja alles immer eher mehr Schein als Sein. Es sind schwere Zeiten für mich.“ Sie blickt zu Boden, stiert und sagt lange Zeit nichts. Rauch steigt vor ihrem Gesicht auf. Die Freiheit hustet. Es schüttelt sie. Sie nippt an dem Kakao.

„Hast du auch etwas Alkoholisches?“

„Sicher“, sage ich und reiche ihr eine Flasche. Sie trinkt.

„Es ist ja alles immer“, beginnt sie irgendwann, „ein Kompromiss. Was ist schon wirklich einfach möglich? Nichts.“

Sie schaut aus dem Fenster. Zündet sich eine weitere Kippe an. Schweigt. Eine Träne rinnt ihre Wange hinunter. Das sieht bezaubernd aus, wenn man etwas für derartige Tumblrtraurigkeitsästhetik übrig hat.

„Es fühlt sich an, als sei ich gar nicht existent.“ Jetzt beginnt die Freiheit zu schluchzen, immer mehr Tränen tropfen auf ihren Schoß, sie macht japsende Geräusche.

„Ich habe keinen Platz auf dieser Welt. Es heißt zwar immer das Gegenteil, ja ganze Länder werben mit mir für sich, politische Systeme besingen unter meiner Nennung ihre Integrität, Menschen schwärmen für mich als sei ich ihre große Liebe – aber am Ende wenden sie sich von mir ab, wenn ich anklopfe, öffnen sie nicht, scheuchen mich sogar fort, verjagen mich fluchend. Als fürchteten sie mich, als sei ich ihnen unerträglich, als sei meine Gesellschaft nicht auszuhalten. Alle reden immer so viel von mir, aber dann, wenn ich wirklich da bin…“ Der Rest geht in ihrem hyperventilierenden Schluchzen unter.

„Freiheit“, sage ich, „beruhige dich. Ich weiß, es ist nicht leicht. Der Zwang ist überall, übermächtig. Er ist klug und perfide, er ist gewitzt und stark. Aber noch bist du ja da.“

„Ja“, sagt die Freiheit, „aber ich wäre es lieber nicht. Solange ich es bin, werde ich als Versprechen herhalten müssen und weiterhin missbraucht werden. Es wird weiterhin suggeriert werden, ich wäre die Wichtigste, während im Hintergrund der Zwang die Fäden zieht. Ich resigniere. Ich gebe auf. Ich mag nicht mehr so tun als ob. Da lässt man es doch lieber ganz sein. Kann ich nicht einfach hier bleiben und nichts tun?“

„Klar“, sage ich, „so lange du willst. Aber irgendwann muss man ja etwas tun. Man kann ja nicht für immer einfach…“

„Genau das meine“, schreit die Freiheit los. Ihre Augen sind weit aufgerissen. Alkohol pladdert auf den Boden. „Nie kann man einfach immer irgendwas, immer muss man etwas. Und sei es nur, dass man atmen muss. Ich will nicht müssen müssen. Nichts. GAR NICHTS.“

Sie springt auf, schnipst ihre Kippe auf den Boden, schreit weiter, geht zur Tür, nimmt einen letzten Schluck, knallt die Flasche auf den Boden und die Tür hinter sich zu.

„Vielleicht hatte sie doch Recht“, sage ich zu mir selbst, „schneller als man denkt sind von der Freiheit nur noch Scherben übrig.“ Dann hole ich ein Kehrblech.

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