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Vergleichshulahoop

Jetzt sitzt man hier. Vor dem Raum des Aufnahmeprüfungsgespräches und wartet.

Wie konnte das nur wieder passieren? Wie bin ich da bloß wieder hineingeraten?

Ich starre die Farbflecken auf dem Fußboden an und schelte mich innerlich dafür, dass ich dieses Gespräch nicht besser vorbereitet habe. Bei dem Letzten, dem fürs Schreiben, war ich so müde und so durch vom Festival am Wochenende, ich hatte gar nicht die Kraft nervös zu sein. Jetzt bin ich es. Nicht mal, weil ich das Ganze hier so sehr will, sondern weil ich gleich mit fremden Menschen sprechen muss. Sie werden Fragen stellen, die ich mit Müh und Not beantworte, während mein Herz Happy Hardcore mäßig absteppt. Später werden mir gute Antworten auf diese Fragen einfallen. Richtige Antworten. Nicht nur Gestammel. Dann werde ich mich ärgern, hinter mir selbst zurück geblieben zu sein. Tausend Gedankenansätze, keiner hat Bestand. Warum jetzt Kunst? Welche künstlerische Position? Ich weiß, sie werden das fragen und ich weiß, ich werde keine Antwort wissen. Ich erinnere mich gerade an nichts, was vor dem Wochenende liegt. Na gut, sein wir ehrlich, an nichts, was vor heute Morgen liegt und auch da gehen die Erinnerungen erst ab dem ersten Kaffee los.

Die Tür geht auf. B steckt den Kopf raus und bittet mich herein. Fünf Leute, fein, ein Bewerbungsgespräch wird doch erst richtig lustig, wenn dir eine Überzahl an Interviewern gegenüber sitzt. Ich stehe, alle stellen sich vor. Ist unnötig Leute, will ich sagen, kenn euch alle. Besonders dich, liebe Mitstudierende. Wir hatten letztes Semester zwei Seminare zusammen.

Ich sage nichts dazu und stehe immer noch.

Sie breiten den Inhalt meiner Mappe aus. Alles glitzert, weil der Sprühkleber den Goldglitter nur eine gewisse Weile an der Mappe hält. Das ist schön. Zumindest erheiternd.

Jetzt gucken sich alle die Sachen an. Alles ist irgendwie unkoordiniert oder es kommt mir so vor.

Sie stellen Fragen, ich antworte und stehe immer noch.

Was hat das zu bedeuten? Warum diese Fotos? Warum jetzt freie Kunst? Warum haben sie jetzt damit angefangen, etwas zu machen, von der Theorie zur Praxis zu wechseln?

Ich schaue entgeistert. Als würde ein theoretisches Studium ausschließen, dass man auch praktisch arbeitet. Außerdem studiere ich doch Schreiben, was will der denn jetzt, denkt der nach vorm Fragen? Man erschafft etwas. So oder so. Selbst theoretisches Arbeiten ist praktisches Arbeiten und umgekehrt, was ist das für eine Frage?

Ich mag ihn nicht, mit seiner „Enden des Schals durch die Schlaufe“-Schalbindetechnik, seinen geschniegelten Haaren und seinen seltsamen Fragen.

Ich stehe immer noch da und frage mich, ob ich mich vielleicht setzen kann. Ich tue es nicht. Dabei wäre Sitzen eindeutig angenehmer. Aber wir sind hier ja in der freien Kunst, da mag man eben Exponate.

Im Grunde – und das enttäuscht mich ein wenig – ist dieses Gespräch wie alle anderen auch. Ob in München an der DJS, in Hildesheim oder hier. Immer die gleiche Art von Fragen bei deren Beantwortung rauskommen soll, dass ich ein geiler Typ bin. In München nimmt man sich dafür zwei Tage Zeit, von denen vielleicht eine dreiviertel Stunde Gespräch ist, in Hildesheim redest du so um die zwanzig Minuten und hier gibt man mir zehn Minuten Zeit, die Antworten rauszuhauen, die mir die Ateliertüren öffnen. Ich will mich nicht beschweren, meinetwegen können es auch fünf sein. Oder null. Null wäre gut, null oder zehn, das macht doch auch keinen Unterschied.

Außerdem habt ihr doch schon meine Arbeiten. Ich fand immer, das sagt mehr – ja genau, sülz – als tausend Worte.

Ich stehe immer noch.

B. mit Schal fragt die unvermeidliche Frage. Welcher Künstler hat sie am Meisten beeinflusst? Welchen Künstler halten sie für den Wichtigsten?

Und ich verstehe, was sie wollen. Ich soll mich positionieren und einordnen und das über Vergleiche. Ich sehe mich eher so wie der und nicht so wie der. Abgrenzungsmanöver. Reflektionsgebaren. Vergleichshulahoop. Bei mir natürlich: Black out. Eigentlich nett, diese Leere im Kopf. Das hat man selten, das alles zu erliegen kommt. Vielleicht noch, wen man tot ist, aber das war ich noch nicht.

Die gleiche Frage mehrmals. Das hilft immer in solchen Situationen.

Dieses Foto: haben sie da an Bruce Nauman gedacht, als sie das gemacht haben? Nein, habe ich nicht. Ich habe gedacht: Schön. Muskulöser Typ und Wasser. Ganz geil, knips ich mal.
„Ne“, sage ich, „da war ich 14, da kannte ich Bruce Nauman nicht.“ Die Dame guckt entgeistert.
„Da waren sie 14?“
„Ja.“ 14 und kein Gedanke an Bruce Nauman.

„Das ist aber schon ein bisschen peinlich“, sagt B. mit Schal, „dass sie hier jetzt keinen einzigen Künstler benennen können und das mit einem Bachelor in Kunstwissenschaft.“

Peinlich, würde ich gern sagen, ist wenn überhaupt, dass sie mich eingeladen haben mit meiner Zusammenstellung aus Urlaubsfotos, die ich mit Prittstift auf Din A3 Folien geklebt habe. Oder die Art wie sie ihren Schal binden oder die Annahme, man fängt erst an etwas zu schaffen, wenn man sich für ein Studium bewirbt. Peinlich ist so einiges, aber ein Black out ist es nicht unbedingt.

Ich sage nichts und stehe immer noch.

Merke: Das Anstrengende ist nicht die Mappe. Das Anstrengende ist das Sprechen. So wie immer. Und am Ende zählt nicht, was wir gemacht, sondern wie wir es verkauft haben.

Das Gespräch ist vorbei. Ich gehe raus.

Endlich kann ich mich setzen.

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