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Nichtstun ohne Grund

Sie wollen ja immer, dass du etwas machst.

„Und wie geht es jetzt weiter?“, fragen sie. „Was machst du jetzt, wo du den Bachelor in der Tasche hast?“

Und es wird einem klar, dass alles eine Illusion war. Dass du den Forderungen nicht entkommen wirst, nicht mal mit Professur in der Tasche oder sonst einer dieser gepriesenen Errungenschaften. Ausgenommen einer Festanstellung bei VW vielleicht. Da wähnt dich jeder in trockenen Tüchern.

„Nichts“, sagst du. „Der Sommer klopft an der Tür. Ich mache ihm auf.“

„Ja aber irgendwie muss es doch weitergehen!?“, betonen sie voller Bestürzung. Sie sehen dich schon Formulare ausfüllen, die dir ein Leben auf Kosten ihrer Steuergelder möglich machen. Sie sehen dich keinen Beitrag leisten. Sie sehen deine Felle wegschwimmen. Und dich gleich hinterher den Bach runtergehen.

„Hör mal“, möchtest du sagen und ihnen dabei zärtlich über die verängstigenden Köpfchen streichen, „ich verrate dir jetzt etwas Grundlegendes über das Leben: Es geht immer weiter. Unabhängig davon, ob man etwas tut oder nicht. Das interessiert das Leben ganz und gar nicht. Du kannst dich getrost hinlegen, hier und jetzt, und nichts tun außer die Sonne durch deine Finger beobachten oder zählen wie viele Atemzüge du pro Minute machst oder deinen Gedanken beim Verblassen zusehen, während du einschläfst. Wenn du aufwachst wird das Leben weitergegangen sein und das ganz ohne dein Zutun.“

Wenn sie ein bisschen Schmiss hätten, würden sie antworten, auch die Sonne durch die Finger zu beobachten sei etwas tun und sie würden eine Grundlagendiskussion über die Existenz oder Nonexistenz des Nichtstuns anfangen.

Aber vergiss es. Sie würden so etwas sagen wie: „Aber man kann doch nicht ewig rumhängen.“

Du (falls in Metastimmung): „Nein. Weil nichts ist ewig, außer die Ewigkeit höchstpersönlich.“
Oder, du (trotzig): „Doch. Kann man. Ich kann jeden Tag aufstehen und nichts geplant haben, mir Haferflockenbananenzimtpfannkuchen braten, zum Warmwerden durch die Wohnung tanzen und einen auf sweet life machen.“
Oder, du (verhältnismäßig versöhnlich): „Nein, nicht ewig. Aber jetzt verflucht, jetzt kann ich doch mal schön rumhängen und meinen Kopf und mich auf meinen Abschluss betten. Also bitte freu dich mit mir oder lass es sein, falls es dir wirklich nicht möglich ist, kurz mal hier und jetzt zu genießen, was man hat.“

Dann lächelst du entweder aufmunternd oder ziehst ein grimmiges Gesicht oder starrst an ihnen vorbei an einen Punkt am Horizont, damit du nicht mitbekommst, was sich jetzt in ihren Gesichter abspielt: Unverständnis.

Sie kapieren es nicht. Sie schütteln missbilligend den Kopf.

Und du wieder (jetzt wirklich in Rage): „Alter, komm klar. Guck dich doch mal um: Es riecht an jeder Scheißecke nach Sommer, die Luft ist warm, das Licht weich und es wird alles sowieso früh genug zu Ende sein. Also entspann dich.“

„Aber…“

„Ich geh dann jetzt mal weiter“, sagst du und lächelst sogar noch nett, weil du ja jetzt wörtlich tust, was sie erwarten. Aber das Lächeln verstehen sie nicht, weil sie den Witz dahinter nicht kapieren, wie auch sonst nichts und deswegen grinsen sie nicht zurück.

Aber draußen, irgendwo auf dieser elenden Welt, in den Gassen oder an sonst einem vermaledeiten Ort, triffst du jemanden, der zurück grinst.

Weil diese Person Bescheid weiß. Weil ihr klar ist, was Sache ist. Und ihr kommt ins Gespräch und du erzählst von den Fragestellern und wie es dich nervt und manchmal aber auch zweifeln lässt, an dir und allem, und ob die Dinge wirklich sinnvoll sind. Ob du wirklich aus gutem Grunde tust, was du tust.

„Es muss ja nicht alles immer einen Grund haben“, sagt die.

Du denkst nach und betrachtest währenddessen ihre Nasenspitze. Dann fällt es dir auf. Sie hat Recht und du, du hattest es fast vergessen.

„Ja“, sagst du also, „das stimmt.“

Und dann fragst du sie, ob sie dich daran erinnern könne, jeden Tag. Denn es sei doch wichtig, sich diese grundsätzliche Potenzialität der Grundlosigkeit vor Augen zu führen.

„Sehr wichtig“, sagt sie, „von grundlegender Bedeutung sozusagen. Es ist ja so, dass ganz allgemein wieder einmal ein Trugschluss vorliegt, der unreflektiert immer weiter gegeben und getragen wird. Nämlich der, dass alles einen Grund haben müsse, dass Dinge generell nur aus einem Grund und zwar bitte aus gutem Grund getan werden sollten. Dabei ist es doch viel edler und mutiger Dinge einfach ohne Grund zu tun.“

„Ja“, sagst du und verliebst dich ein bisschen.

„Man sollte viel mehr, vielleicht generell nur noch Dinge ohne Grund tun.“
„Ja“, sagst du.
„Wenn man die Grundlosigkeit zum Handlungsprinzip erhebt, dann wäre vieles leichter. Man müsste beispielsweise nie mehr eine Party frühzeitig verlassen, weil man sich die „was-zur-Hölle-soll-das-hier-und-was-tue-ich-hier“-Frage gestellt hat.“
„Überhaupt müsste man sich viel weniger derartige Fragen stellen. Man müsste den Dingen auch nicht mehr auf den Grund gehen. Man könnte es versuchen, aber es wäre wie Steine beißen. Recht anstrengend und wenig ergiebig. “

„Dafür könnte man ganz andere stellen.
„Ja, wie meine zum Beispiel“, sagst du, um noch mal an deine Ausgangsfrage zu erinnern.
„Ja“, sagt sie dann.
„Jeden Tag?“, fragst du.„Jeden verdammten Tag“, sagt sie, „jeden einzelnen verdammten Tag bis ans Ende unserer herrlich beschissenen Zeit hier.“

Ihr grinst.
Einander an.

1 Kommentare

  1. Liebe Lisa,
    können wir bitte, bitte mal einen Kaffee oder Tee oder wasauchimmer trinken?
    Hochachtungsvoll,
    Nina
    (die von der Florenz-Exkursion)

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