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Zwangsvollstreckung.

Es klingelt. Ich öffne. Draußen steht der Zwangsvollstreckungsbeamte des Erwachsenseins.
„Guten Tag“, sagt er.
„Bis eben war er das“, sage ich und achte darauf, die Tür nicht mehr als einen Spaltbreit zu öffnen. Er schiebt seinen Fuß in die Tür. Ich mustere ihn, um abzuschätzen wie hoch meine Chancen sind, wenn es zu einem Kampf kommen sollte. Eins gegen eins bin ich diesem Typen auf jeden Fall überlegen. Er ist schmal, verknöchert, hat tiefe Schatten unter den Augen und wirkt auch sonst sehr lethargisch. Er wischt sich Schweißperlen von der Stirn. Vierter Stock – das schafft einen. Wer hat überhaupt die Tür unten schon wieder offen gelassen, frage ich mich, während der ZVBDE seine schlecht sitzende Krawatte zu recht rückt.
„Na, die Montur bei dem Wetter, das ist auch kein Vergnügen, was?“, frage ich aus dem intuitiven Glauben heraus, dass ZVBDEs so Smalltalk machen.
„Da sagen sie was“, sagt er.
„Ja, das stimmt“, sage ich, „da sage ich was.“
„So ist das“, sagt er.
„Ja, so ist das“, sage ich und fühle mich jetzt schon sehr angeödet. Vielleicht ist das seine Masche, denke ich, die Leute so sehr langweilen, dass sie sich aus lauter Apathie nicht mehr gegen seine Forderungen wehren können. Wachsam bleiben!, ermahne ich mich. Immer wachsam bleiben! Er kramt seufzend in der Aktentasche, die er dabei hat.
„Alsooo“, sagt er und seufzt noch einmal.
„Geht es ihnen gut“, frage ich, „kann ich Ihnen ein Glas Wasser anbieten?“ Er schaut mich sehr irritiert an. Vielleicht wird er nur sehr selten gefragt wie es ihm so geht. Oder er bekommt niemals ein Glas Wasser angeboten. Jedenfalls wirkt er überrascht.
„Äh, öh, ähhmm, also.“ Er starrt. „Nein danke, das ist nicht nötig. Mir geht es gut, sehr gut, alles bestens.“ Na Kollege, wenn das dein „gut, sehr gut, alles bestens“ ist, dann möchte ich dich nicht erleben, wenn es dir schlecht geht, denke ich, lächle aber bloß, ein wenig angestrengt, durch den Türspalt.
„Also“, setzt er noch mal an, „ich bin ja nicht ohne Grund hier, ich habe ja ein Anliegen.“
„Ich auch“, sage ich, „ich wollte heute noch schwimmen gehen. Oder mich zumindest in die Sonne legen. Wollen Sie sich auch noch in die Sonne legen?“
„Neeein“, sagt er gedehnt, „neeein. Ich leide unter einer Sonnenallergie. Abgesehen davon bin ich mit einem Anliegen hier das sie betrifft.“
„Ja“, sage ich bedauernd, „das dachte ich mir schon. Das wäre auch sehr seltsam sonst, wenn sie einfach an meiner Tür klingeln würden ohne ein Anliegen. Ich kenne Sie ja gar nicht. Sonst klingeln hier nur Leute ohne Anliegen, die ich kenne. Selbst die haben eigentlich ein Anliegen, wenn ich so darüber nachdenke, die wollen ja hier rumhängen.“
„Na! Rumhängen ist nun eigentlich kein richtiges Anliegen“, wirft der ZVBDE ein.
„Na! Doch ein sehr gutes sogar“, erwidere ich, „möglicherweise das Beste von allen. Wenn man einmal so darüber nachdenkt. Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht?“ Ist natürlich nur eine rhetorische Frage. Diese Ausgeburt des freudlosen Pflichtbewusstseins hat mit Sicherheit noch nie über die frappierende Bedeutsamkeit des Rumhängens nachgedacht.
„Nein“, sagt er.
„Ja“, sage ich, „ich hab’s geahnt.“
„Ja aber also“, sagt er.
„Ja aber also?“
„Ja aber also“, er stockt.
„Na? Was denn ja aber also?“, frage ich. Er wischt sich erneut den Schweiß von der Stirn.
„Sie sind spät dran“, sagt er.
„Ja das stimmt“, sage ich, „aber das ist auch ein wenig ihre Schuld. Wenn sie nicht geklingelt hätten, wäre ich schon längst los. Na ja. Nicht längst. Aber zumindest schon los.“
„Nein, ich meine nicht, also, dass sie spät dran sind mit ihrem ähm, also damit…“ Er runzelt die Stirn.
„Mit dem Schwimmen gehen?!“
„Ja…“
„…Oder dem in die Sonne legen. Wenn schon nicht schwimmen. Dann zumindest in die Sonne.“
„Ja genau, mit dem Schwimmen und in die Sonne legen.“
„Oder zumindest in die Sonne legen.“
„Ja, ja, genau, ja. Oder zumindest in die Sonne legen.“ Er schnauft und rollt seinen Kopf. Vom Nacken zur Brust zum Nacken.
„Deswegen sind sie nicht da“, versuche ich ihm weiterzuhelfen, „sie haben ein Anliegen, aber ein anderes Anliegen.“ Wirklich nicht sehr auf der Höhe der ZVBDE.
„Sie sind spät dran“, hat er den Faden wieder, na endlich, sonst geht die Sonne unter bevor wir hier durch sind, „mit dem Erwachsenwerden.“

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Es ist ganz einfach. Mit manchen Dingen sollte man nicht aufhören. Mit Cookie Crisps zum Frühstück zum Beispiel. Oder mit dem Kindsein.

 

„Ich kann mir am Kiosk Alkohol und Tabakwaren kaufen, komme in jeden Club zu jeder Zeit, bin sexuell aktiv, kann mir selber Bohnen mit Speck zubereiten und an Silvester eigenständig eine Rakete zünden“, zähle ich pflichtschuldig auf.
„Also, wirklich, junge Dame“, er hebt die Stimme ein wenig, „das ist nicht der Punkt.“
„Oft, wenn mich jemand junge Dame nennt, eigentlich immer“, sinniere ich, „habe ich das Gefühl, die Leute wollen mich beleidigen, zumindest aber herabstufen. Wollen sie mich ob meines Alters oder Geschlechts herabstufen?“ Er zuckt zusammen, vermutlich von der Schärfe meiner Stimme.
„Nein, nein, natürlich nicht“, wiegelt er ab, „ es geht nur um die Pflichten. Deswegen bin ich hier. Wegen der Pflichten. Den Dingen.“
„Welche Dinge?“
„Die Dinge, die sie tun müssen. Ich habe hier jede Menge offene Rechnungen, Mahnungen, Vollstreckungsbefugnisse…“ Ich lege mir die Hände über die Ohren und mache Furzgeräusche mit meiner Zunge. Zwischen den Augen des ZVBDEs stellt sich eine Falte auf, so groß die nächsten Bouldermeisterschaften könnten dort ausgetragen werden.
„Stop“, schreit er und stapft energisch mit dem Fuß auf. Ich stoppe. Mit kurzer Verzögerung.
„Das ist eine ernste Angelegenheit. Wenn sie diese Dinge nicht klären, kann das ernsthafte, ich wiederhole, ernsthafte Probleme nach sich ziehen. Werden sie einfach erwachsen und sparen sie sich den Ärger.“
„Ich habe kein Interesse“, sage ich zu ihm.
„Das ist nicht von Belang“, sagt er und ich kapiere: Erwachsen werden ist wie die GEZ. Das Programm ist scheiße, aber es wird einem trotzdem aufgedrängt und am Ende muss man zahlen.
„Doch“, sage ich, „ist es. Und jetzt entschuldigen sie mich. Ich habe Wichtigeres zu tun, als mit ihnen darüber zu schnacken, was von Belang sein könnte und was nicht.“
„Ich komme wieder“, sagt er. Ich drücke die Tür energisch gegen seinen Fuß.
„Ich komme wieder und ich bringe meine Kollegen mit.“ Ein zischender, drohender Unterton liegt in seinen Worten. Ich nicke, mache eine „verfatzdich“-Wedelgeste mit der Hand und schließe die Tür. Ich bibbere. Es ist kälter geworden. Vielleicht doch nicht schwimmen gehen. Vielleicht erst ein paar E-Mails beantworten.

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