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Bahnhof Hildesheim oder: Ein kurzes Bedauern dafür, das sich immer alles verändert.

Hildesheimer Bahnhof, du alter Hund,

ich mochte dich immer gern. Du bist eine ehrliche Haut. Eine treue Seele noch dazu. Hast deine Aufgaben stets pflichtbewusst erfüllt: Hier kommen Leute an. Hier reisen Leute ab. Hier gehen Leute unter. Dabei hast du hast nie mehr versprochen als Hildesheim am Ende hält. Du warst eine gute Vorbereitung auf das, was einen erwartet. Wenn man dich verlassen hat und der Blick als erstes auf Bodscheller fiel, dann war das kein Schock. Nur eine logische ästhetische Weiterführung. Klein. Ein wenig schäbig. Auf deine Art aber auch charmant, irgendwie. Schön sogar, manchmal. Man muss nur hinsehen können und bereit sein, Sachen auch aus anderen Perspektiven zu betrachten. Nachts auf der Brücke Richtung Kufa und dann deine Lichter und die Schienen, die in die Ferne weisen – das ist ein Anblick, der tatsächlich zum Verweilen und in Betrachtung versinken und Träumen verleitet. Vielleicht ists auch nur der Rausch der Nacht, der einen so hinreißt. Schön ist es trotzdem.

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Du hast einem bei der Ankunft an die Hand genommen und die Dinge dargestellt wie sie sind: Hildesheim ist nicht Berlin. Ohne jede Wertung und Wichtigtuerei. Nicht so wie ein Domänestudent mit Sidecut in ewiger Großstadtsehnsuchtsperfomance, sondern wie jemand, der damit umgehen kann, dass die Dinge sind wie sie sind.

So wie du. Du warst wie du warst.

Jetzt wirst du kernsaniert und irgendwie finde ich das nicht ganz fair. Es ist wie mit einer Grande Dame, die man unters Messer zwingt, statt sie in Würde altern zu lassen, mit dem Versprechen, sie könne dann (und nur dann) weiterhin mitmischen. Im endlosen Kampf um Ruhm und Ehre und darum wer die Schönste ist. Dabei war doch gerade das das Tolle an dir: Dass du dich diesem Wettstreit verwehrt hast. Dass du nicht mitgemischt hast im städtischen Schwanzvergleich der Verkehrsanbindungsarchitektur. Dass du dir deine Würde und Authentizität bewahrt hast. Jetzt zwingt man dich beides abzugeben und dir stattdessen die Attitüde der Als-Ob-Poser auf. Als ob Hildesheim eine Großstadt wäre, ein pulsierender Knotenpunkt, ein massentouristisches Reiseziel. Als ob hier Metropolenflair in der Luft hängt und nicht bloß die abgenervte Langeweile all jener die vor dem Bahnhof stundenlang auf ihren Bus warten müssen.

Merke: Schneller, höher, weiter, schöner gilt auch in Hildesheim. Und keiner kann entkommen.

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Fotos wie Relikte vergangener Zeiten. Nicht mal der Multistore ist noch da. Wer jetzt Schrott kaufen und den stechenden Platikgeruch von Billigkram inhalieren möchte, muss einen der vielen 1 Euro Shops in der Innenstadt aufsuchen.

 

 

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