Blog, Prosa
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Nebel

Obwohl ich nicht rauche, drehe ich mir eine Zigarette. Und noch eine. Und noch eine. Ich starre aus dem Fenster. Draußen wird es dunkel. Du lehnst am Herd. Hinter dir steigt Wasserdampf auf. Gleich werden die Fenster beschlagen. Zünde mir eine Zigarette an, nur um etwas zu sagen und mich in der Handlung zu verankern, um nicht gleich fortgespült zu werden vom dem, was du sagst. Außerdem unterstreicht das Rauchen meine Gestik, ich versuche auch ein gewichtiges Gesicht zu machen. Die Ästhetik des Alltäglichen.

„Alles ist aus Glas“, sagst du, „vor allem wir.“
Schnipse gegen meine Zigarette um abzuaschen. Die Asche fällt auf den Boden. Du siehst blass aus. Die Luft wird schon ganz neblig und feucht von dem aufsteigenden Wasserdampf. Kochst du eigentlich wirklich oder lässt du nur Wasser aufsteigen?
Deine Augen fixieren mich. Ob du nicht schwitzt? Du musst Rücken doch schon ganz nass sein. Selbst mir setzten sich Wasserperlen im Gesicht ab. Könnte dir die Wirbelsäule hinabstreichen, den herabrinnenden Schweißperlen folgend.
Atme aus. Der Rauch zieht bloß einige dünne Fäden, statt in stattlichen Ringen empor zu schweben. Ständig ist das Visuelle optimierbar.

„Aber keiner will etwas davon wissen“, sagst du. Ich lache nervös und schaue beschämt auf meine Fußspitzen. Die Zigarette ist abgebrannt. Nähere mich dir. Dein Gesicht ganz nah an meinem. Fasse um dich herum und greife nach einem Glas als Ersatzaschenbecher. Dein Atem ist noch wärmer als die Luft. Er streift an meinem Hals entlang.
Glaube, ich muss mich hinsetzen. Kann jetzt zu dir heraufschauen.
Du drehst dich um und den Herd herunter. Es kocht immer noch nur Wasser. Du fügst einfach nichts hinzu. Eine zweite Zigarette wird nötig. Du hast einen ganzen Topf um es qualmen zu lassen. Dein Mund ist schon leicht geöffnet, als du dich wieder zu mir drehst. Als hättest du es eilig.

„Weil Glas zerbrechlich ist und der Gedanke daran verstörend oder beängstigend oder einfach nur trist. Manchmal auch befreiend, das gibt es auch, aber das ist wieder eine andere Geschichte. Und weil keiner etwas davon wissen will, lenken wir uns ab und spinnen Lügen, das vor allem, Lügen spinnen. Darüber, was wichtig und das es einen Unterschied macht und deswegen tun wir Dinge, erreichen Ziele, bauen diese Kulissen.“

Ziehe und ziehe und ziehe.
Die Glut frisst mit einer unglaublichen Geschwindigkeit Tabak und Papes. Das Schöne kippt um und verdreht sich ins Gegenteil. Ein gegenseitiges Kontrastieren – es tritt jetzt überdeutlich hervor. Die Konturen sind vollkommen scharf. Guckst du nicht auch auf das rote Leuchten? Folgen deine Augen nicht auch hektisch? Möchte mich verstecken. Wenn der Dampf noch dichter würde, schwerer Nebel, wäre nur noch der rote Punkt erkennbar. Ein Aufleuchten bei jedem Zug. Es kocht noch. Noch immer steigt es hinter dir auf und hinterlässt feuchte Spuren. An meiner Stirn rinnt etwas hinab, verfängt sich in meinen Wimpern, ich blinzle und es tropft auf meine Lippen herab. Im Close-Up ein obszön filmischer Moment. Ist es dir entgangen? Du hörst jedenfalls auf zu reden und runzelst die Stirn.
„Warte…“, sagst du, als wüsstest du worauf. Als würde es sich lohnen. Das Trügerische der Worte.

Staubschwaden auf dem Dielenfußboden. Du gehst aus dem Zimmer. Kommst wieder, nach kurzer Zeit. Höre es rauschen.
„Die Toilettenspülung“, sage ich. Es gibt ja Worte an denen die Atmosphäre sich bricht. Du gehst ohne Kommentar nochmals aus der Küche. Es verändert den Raum, wenn du nicht da bist.
Die ganze Zeit das Blubbern des Wassers. Irgendwann muss es doch mal verdampft sein. Wie viel Wasser hast du bloß in diesen Topf geschüttet? Der Herd ist ein anderer, wenn du nicht daran lehnst. Nirgendwo stehen Zutaten zum Kochen. Ein bisschen altes Geschirr stapelt sich auf der Theke. Ein paar Teller, Tassen, Besteck. Ein Glas, in dem Orangensaft getrocknet ist. Das Foto, das ich gemacht habe, auf dem du barfuß im Gras sitzt, das Knie angewinkelt und aus einer großen Flasche O-Saft trinkst, hängt an der Wand. Deine Nase verschwindet darin.
Es ist ja alles nur Ausschnitt, Momentaufnahmen, die man nebeneinander klebt. Was nicht auf dem Foto zu sehen ist: Wie dir der Saft in die Nase läuft, du prusten musst und orangene Flüssigkeit niest. Und mein lautes, ausgiebiges, schadenfrohes Lachen.

Der Raum wird zu einem anderen, als du wiederkommst. Nicht zu dem, der er vorher in der Gegenwart war, sondern wieder zu einem Neuen, einer anderen Version. Wie die Atmosphäre sich verändert in der Interaktion von Dingen, Körpern und Zeit. Du ziehst Tabak, Filter und Papes aus der Hosentasche. Beiläufig. Diese Leichtigkeit mit der du drehst. Wenn du rauchst, dann nimmt es dir weder etwas weg, noch fügt es dir etwas hinzu. Es ist ganz natürlich, als gehöre es zu dir. Es stört dich nicht einmal beim Reden. Mir kommt es vor, als hättest du alles, was du sagst, schon mal gesagt. Schon mal zu mir gesagt, genauso, vielleicht auch mit Zigarette im Mund. Ich schweife ab, es scheint dir nicht aufzufallen. Dein Reden braucht mich nicht als Zuhörerin.

„Erfinden uns Betonmauern um das Glas. Aber sie sind eben nur das: Phantasmen. Manchmal schön, oft weniger und nie genug, den die Wahrheit bleibt was sie ist: Glatt und kalt und unumstößlich. Nichts, absolut nichts ändert etwas daran. Kein Umstand, kein Mensch.“

Etwas zerfällt in mir, wie brennendes Papier in der Luft.
Zünde mir eine Zigarette an. Mein Rauchen ist jetzt nichts mehr als eine billige Imitation deines Konsums. Nicht halb so schön, elegant und natürlich. Gescheitert am Vergleich.
Abschiedsstimmung – ich fühle es in den Knochen und meine Zähne klappern davon. Mir ist kalt und melancholisch zumute. Zeit, Adieu zu sagen.

Würde dir gerne davon erzählen können. Ich versuche darüber hinwegzusehen, dass mein Rauchen jeden kompositorischen Reiz verloren hat. Dass es aus der Rolle gefallen und sich als kulissenhafte Ausstaffierung enttarnt hat. Worüber redest du gerade? Wie Gewissheiten ständig ausfransen. Ich habe den Faden verloren. Bin des Folgens müde. Das Wasser blubbert noch immer. Bald wird man dich nicht mehr verstehen können – unter Wasser lässt es sich nicht sprechen. Wie sich das Gesagte ständig verändert, je nachdem welchen Aggregatzustand die Umgebung hat. Zünde mir die nächste an. Über alles hinwegsehend. Es zumindest versuchend. Sitze auf dem Boden, starre ins hell erleuchtete Dunkel der Nacht, rauche und schweige.

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