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Über das Arschloch und seinen Mangel an Herz und Hirn

Es herrscht Dunkelheit im Arschloch. In dieser Dunkelheit rumort es, es schwelt und gärt und manchmal bricht sich all diese Verwesung Bann und heraus kommt ein Schwall Scheiße.

„Pack“, sagt das Arschloch.
„Alle verbrennen“, sagt das Arschloch.
„In Buchenau sind noch Plätze frei“, sagt das Arschloch.

Und man fragt sich manchmal, in dem verzweifelten Versuch besser zu verstehen: Warum? Verträgt das Arschloch die Dinge nicht? Wurde es so oft gefickt, dass der Schließmuskel alles ungehemmt raus lässt? Scheißt sich das Arschloch aus Angst in die Hose? Ist es zu dumm um seinen konsistenzlosen Dünnschiss herunterzuspülen statt den Haufen dort zu machen, wo ihn jeder sehen und riechen muss? Oder findet das Arschloch seine – vermutlich unter höchsten Anstrengungen hervor gepressten und mit Hämorriden bezahlten – Ausscheidungen wirklich so geil? Kann das Arschloch einfach nichts anderes als Scheiße produzieren und geht deswegen davon aus, diese Scheiße sei einfach das None-Plus-Ultra?

Man weiß es nicht, denn es schwer, einen Blick in das Arschloch zu erhaschen und zu verstehen, was in ihm vorgeht. Zumal es eine verdammt dreckige Angelegenheit ist und das Arschloch sich ohnehin total missverstanden fühlt von all denen, die nicht vollgeschissen werden wollen.

Eins aber kann mit Sicherheit gesagt werden: Es liegt im Wesen des Arschlochs, dass weder Herz noch Hirn ihm eigen sind. Das stellt es immer wieder zur Genüge unter Beweis. Denn wenn es so wäre, dann könnte es gar nicht so intellektuell und emotional verkrüppelt sein wie man nun einmal sein muss, um das von sich zu geben, was das Arschloch von sich gibt.

Denn wenn das Arschloch ein bisschen Hirn hätte, dann wäre ihm klar, dass „der Nationalismus […] dieselbe Quelle [hat] wie jedes Wertgefühl, das statt auf persönliche Leistung und soziales Verhalten auf Umstände gegründet ist, die außerhalb des Willens des Einzelnen liegen: die Autorität , die kritiklose Anerkennung fordert, um Macht ausüben zu können, und die Autorität und Scheinmacht verleiht, um dem Machtgedanken die Gefahr des Zweifels an seiner Berechtigung fernzuhalten.“ (Aus: Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat von Erich Mühsam)

Dass diese Bekenntnis zum Vaterland, aus der das Recht abgeleitet wird „andere Völker zu hassen, zu verachten, zu vergewaltigen“ (ebd.), und die Stolz geschwellte Brust genau aus diesem Land zu kommen, der irrwitzigen Annahme folgt, unser aller Leben sei etwas anderes als das Ergebnis „einer außergewöhnlichen Verkettung glücklicher biologischer Ereignisse“ (Aus: Eine kurze Geschichte von fast allem von Bill Bryson). Ein Zufall also und es hätte nicht mal eine Haaresbreite gefehlt, und man wäre jemand ganz anderes geworden und jeden Tag kommen tausende weitere Zufälle dazu, die uns verändern und formen und die wir nicht mal ansatzweise alle beeinflussen können.

Dass außerdem Grenzziehungen und Nationen das Produkt reiner Willkürlichkeit sind, ja im Grunde nichts anderes als Fiktion und damit das „Vaterlandsgefühl […] ein künstlich hervorgebrachtes, in der seelischen Veranlagung des Menschen nicht ursprünglich begründetes, machtbetontes Geltungsbedürfnis“ (Aus: Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat von Erich Mühsam) ist. Während es sich bei der Tatsache, dass „alles, was jemals gelebt, ob Pflanze oder Tier, seinen Ursprung auf dasselbe erste Ereignis zurückführen“ kann (Aus: Eine kurze Geschichte von fast allem von Bill Bryson) um einen Fakt handelt. Dass „wir alle […] das Ergebnis eines einzigen genetischen Kunstgriffes [sind], der über fast vier Millionen Jahre von Generation zu Generation weitergegeben wurde.“ (ebd.).

Dass zu dieser biologischen Verbundenheit jene dazu kommt, die zwangsläufig daraus entsteht, dass wir uns diesen einen Planeten teilen; diesen einen, alternativlosen Raum, den man zwar gedanklich, aber niemals wahrhaftig in kleinere Räume unterteilen kann. Alles was geschieht bedingt einander. Diese nahezu unüberschaubare und undurchdringbare Komplexität zu negieren oder sie anhand simpelster Ideologien herunterzubrechen ändert nichts daran, dass sie besteht und immer bestehen wird. „Diese Untrennbarkeit eines Ganzen von seinen Gliedern, dieses Ineinander-Verstricktsein der Teile, deren jedes ein Organismus mit den Eigenschaften des Ganzen ist, dieses Miteinander- und Durcheinander-Bestehen des Einzelnen und des Gesamten ist das Merkmal des organischen Seins in der Welt […].“ (Aus: Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat von Erich Mühsam)

Es mag in gewisser Weise menschlich sein, sich der Anstrengung diese Komplexität auch nur im Ansatz zu verstehen zu entziehen, dass ändert nichts daran, dass es eben auch verdammt dämlich ist. Genauso wie es vielleicht menschlich ist, die eigenen Werte in den Himmel zu loben und jeden zu missionieren, der vorbeikommt, in dem unstillbaren Drang, sich alles gleich zu machen, damit man nie mehr über sich selbst hinausdenken muss. Um jenen Schockmoment zu vermeiden, der sich möglicherweise einstellt, wenn man erkennen muss, dass jede Norm nur eine Sache von Definitionen ist.

Aber auch nur in sofern man menschlich als Synonym für Schwäche verwendet und Schwäche als das Unvermögen die wunderschöne Fragilität und Diversität des Lebens zu begreifen und auszuhalten. Das Gegenteil dieser Schwäche ist das Vermögen anzuerkennen, „daß jeder Mensch eine Größe für sich ist und nicht zum Mittel für die Zwecke anderer gemacht werden darf“, dass außerdem „jeder von uns die gleiche menschliche Würde besitzt trotz aller bestehenden Unterschiede; […] daß wir das Recht haben, unsere Unterschiede zu entwickeln, und daß trotzdem keiner das Recht auf Unterschiede hat, die ihm zur Ausbeutung anderer dienen.“ (Aus: Sozialistischer Humanismus und Humanistische Ethik von Erich Fromm) Dass jeder von uns verwundbar und verletzlich ist und dass die permanente Verdrängung und Verneinung dieser Tatsache zu einem fiktiven Selbst führt, „das auf Dominanz und Besitz aufbaut, aber von Unzufriedenheit, Begierde und Hass erfüllt ist. Dies in uns selbst zu bekämpfen, führt zu eigener Lebendigkeit und zur Verwirklichung unserer Menschlichkeit.“ (Aus: Ich will eine Welt ohne Kriege von Arno Gruen)

Diese Kopplung des Selbst an Besitz mag einer der Gründe sein, warum das Arschloch sich meist um eins fürchtet: Seine Arbeit. Seinen Besitz. Seinen Wohlstand. (Oder auch nur die Möglichkeit darauf) Und es ist kennzeichnend für die mangelnde Komplexität seines Denkens, dass es annimmt, die Ärmsten der Armen würden ihm diesen Besitz rauben oder hätten ihn bereits geraubt, während die wahren Räuber ganz woanders sitzen und sich genüsslich die Hände reiben über einem Feuer aus Geld – weil sie es können und niemand sie daran hindert, denn die Kraft wird stattdessen dafür genutzt auf jene einzuprügeln, die selber noch unvorstellbar größere Opfer jener Maschinerie sind, die nichts kennt als das Streben nach Reichtum und Macht und dem Leben mit nichts als Verachtung begegnet. Das Arschloch ist damit vor allem auch eins: Das Symptom einer kranken Gesellschaft der Gier, der Maßlosigkeit, der Kälte und ihrer einseitigen „Ausrichtung auf Leistung, Stärke und Erfolg.“ (Aus: Ich will eine Welt ohne Kriege von Arno Gruen)

Und wieder: Hätte das Arschloch auch nur ein bisschen Hirn, dann könnte es reflektieren, dass jene Wut und Aggression, die es empfindet sich  gar „nicht gegen diejenige Person richtet, welche die Aggression provoziert hat, sondern an eine andere Adresse“ und dass jene „Verschiebungsphänomene […] besonders fatal [sind], weil sie […] der zentralen Funktion der Aggression entgegenstehen ein soziales Regulativ zu sein. Aus dem Blickwinkel ihrer evolutionären Entstehungsgeschichte betrachtet, ist die Aggression ein kommunikatives Signal, welches der Umwelt eines Individuums ein Zeichen geben soll, dass ein nicht akzeptabler körperlicher oder sozialer Schmerz empfunden wird. Wenn die Aggression ihre kommunikative Funktion des Aufmerksammachens behält, ist sie konstruktiv. Wenn sie diese Funktion einbüßt, wird sie destruktiv und zum Auslöser von Gewaltkreisläufen.“ (Aus: Schmerzgrenze von Joachim Bauer)

Exorbitant schlimmer aber als der Mangel an Hirn ist der Mangel an Herz. Denn hätte es auch nur ein bisschen Herz, das Arschloch bräuchte das Hirn gar nicht unbedingt. Dann wäre es in der Lage zur Empathie und Liebe. Jenen beiden großen Sternen in der Dunkelheit des Firmaments des Menschseins. Tatsächlich wäre „ein Überleben der menschlichen Spezies […] ohne emotionale Verbundenheit und Zusammenhalt gar nicht möglich gewesen.“ (Aus: Ich will eine Welt ohne Kriege von Arno Gruen)Sie ist das, was die Menschen miteinander verbindet und hat – gemeinsam mit der Liebe – das Potenzial uns aus dem Käfig unserer Einsamkeit, die sich aus den Prämissen unseres Seins ableitet, zu befreien (oder uns zumindest Erleichterung zu verschaffen).

Es spricht für die tiefe emotionale Degeneration des Arschloches, das es nicht ein bisschen Empathie besitzt. Die Entwicklung seiner rechten Gehirnhälfte scheint hinter der eines jedes Affen zurück geblieben zu sein. Denn würde es auch nur einen Funken dieser Fähigkeit besitzen, es könnte nicht reden, wie es redet und handeln, wie es handelt. Ja, es könnte vermutlich vor Entsetzen ein ganze Weile lang gar nicht reden oder handeln, weil es erschlagen wäre von dem Leid und den furchtbaren Vorgängen auf dieser Welt. Es wäre hingerissen und niedergeschlagen von der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung all jener, denen Schrecklichstes widerfährt und ebenso wäre es beeindruckt von ihrem Versuch, sich dennoch an die Hoffnung, an das Leben zu klammern. Es wäre vielleicht immer noch wütend, aber eben nicht mehr auf jene, die nichts weniger verdient haben als diese Wut, sondern auf alle jene, die diese Wut tatsächlich verdienen. All jene, die dieses Leid verursacht haben. All jene, die sich mit fadenscheinigen Begründungen der Freiheit, der Gerechtigkeit, des Lebens anderer bemächtigen und die damit immer mehr Orte dieser Welt, auf der wir alle nur zur Gast sind, zu lebensunwürdigen Orten machen.

Und an diesem Punkt könnte das Arschloch alles sein, aber kein Arschloch mehr. Es wäre Mensch geworden und dieser hätte „seine Abhängigkeit, sein narzißtisches Allmachtsgefühl, den Wunsch, andere auszubeuten, oder den Wunsch zu horten überwunden; er glaubt an seine eigenen menschlichen Kräfte und hat den Mut, auf seine Kräfte zu vertrauen“(Aus: Sozialistischer Humanismus und Humanistische Ethik von Erich Fromm) – und er hat den Mut zu lieben und an der Liebe mit ihren Grundelement „Fürsorge, Verantwortungsgefühl, Achtung vor dem anderen und Erkenntnis“ (ebd.) festzuhalten. Und es würde erkennen, dass Liebe die Hölle unseres Daseins zwar nicht aufhebt, aber dennoch die beste Antwort darauf ist und der Glaube an sie „ein rationaler Glaube, der sich auf die Einsicht in das wahre Wesen des Menschen gründet.“ (ebd.)

So aber, ohne Herz und Hirn, bleibt das Arschloch nichts als ein Arschloch und für alle anderen die Frage, wie man umgeht mit solchen, die getrieben sind von unterdrücktem Schmerz, Angst, Aggression, Dummheit und sich – geblendet von einer Kultur der Gewalt, des Dominanzstrebens sowie Rivalität (Vgl. Ich will eine Welt ohne Kriege von Arno Gruen) – Hass und Destruktivität auf die Fahnen geschrieben haben.

 

Literaturverzeichnis:
Bauer, Joachim: Schmerzgrenze. München 2011, 3. Auflage
Bryson, Bill: Eine kurze Geschichte von fast allem. München 2004, 25. Auflage
Fromm, Erich: Sozialistischer Humanismus und Humanistische Ethik. Stuttgart 1981
Gruen, Arno: Ich will eine Welt ohne Kriege. Stuttgart 2006
Mühsam, Erich: Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat. Berlin 2014

 

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