Blog, Frisch und lecker, Pöbelpost
Schreibe einen Kommentar

Lieber Gott, mach mich fromm und gib mir eine Meinung aus Beton.

IMG_5706 (2)

Jeden Morgen bete ich für eine Meinung aus Beton. Eine, die sich verkaufen lässt. Ich bete für weniger Trotz im Kopf und mehr Flexibilität. Gott, bitte mach, dass meine Meinungen erstens rentabel und zweitens stahlhart und unbiegsam sind. So wie es jetzt ist, kann es nicht weitergehen. Meine Meinungen verkaufen sich nicht gut. Ich bin weder gegen den Feminismus noch gegen Ausländer, ich war mit sechszehn nicht unentwegt drauf im Berghain und hatte nie Sex mit Avocadokernen. Mein provokatives Potential ist so low, das sogar Flo Rida mir Respekt zollt.

Leider ist Provokation, entgegen aller Prognosen, die ich mir selber gegeben habe, irgendwann einmal vor Jahren, als ich noch in der Schule war, nicht out und es hat sie auch niemand als out deklariert. Sie hat auch nicht „als letzte Bastion der Schockrevoluzzer jeden Trumpfkartenstatus verloren“ und die zu Tode gelangweilten Kinder verlangen immer noch gierig nach der Beschreibung ihres Ist-Zustandes in einer amphetamingedopten Sprache. Die Meute steht drauf, alle möglichen oder vielleicht mehr unmöglichen Menschen fallen herein auf diese Fortschrittsillusion unter deren faszinierend-schillernder Oberfläche von Neuheit und Meinungsfreiheitsbeanspruchung und „Mut“ und endlichsagtesmaleiner sich letztendlich nichts versteckt als die Fratze der Idiotie. Mitunter schlimmer noch: die der Unmenschlichkeit. Das Ding zieht. Das Ding ist alles, was als unbequem erscheint in Wahrheit aber am Bequemsten ist. Alles, was sich als radikal einseitiger Standpunkt darstellt, der die Existenzberechtigung aller anderen Meinungen negiert. Alles was laut schreit und mit den Armen wedelt, die Hand im Schritt hat und einen auf den Dicksten macht. Es geht darum, eine Meinung zu haben und es geht darum mit aller Vehemenz für diese Meinung einzustehen, als hätte man die Weisheit mit Löffeln gefressen. Verdammt großen Löffeln, Schaufeln eher, groß wie die Hände eines Riesen.

Der Druck ist groß. Vor ewig langer Zeit, als ich noch ein Ersti war, drangsalierte uns eine Dozentin, weil wir auf die Frage, was unsere Position ist, nichts zu antworten wussten. „Aber Sie müssen doch eine Position haben?!“, insistiere die Frau immer wieder, mit Falten zwischen den Augenbrauen und schmalem Strichmund und im Hinterkopf den Gedanken, diese vermaledeite Professorenstelle endlich aufzugeben und um sich nie wieder mit solchen faden Studenten herumschlagen zu müssen. Wer eine feste Meinung hat, gilt als fetzig. Als cooler Hund. Als jemand mit Profil. Sich zu positionieren ist das A und O. Klar: Meinungen schaffen Diskurs und ohne Diskurs, so glaubt ja mancher, kommt die Geschichte zu einem Ende. Aber negiert nicht das Absolute den Diskurs? Und ist nicht, derjenige welcher nicht abwägt,sich immer nur an einer Sache festhält, keine anderen Perspektiven einnimmt oder zulässt, verdammt weit entfernt von der Realität? Oder gleicht sich am Ende alles aus, weil ja jemand anders immer noch eine andere Meinung hat? Weil sich dann Meinung A und Meinung B aneinanderreiben können und so Pluralität entsteht? Weil die Überspitzung Nachdruck verleiht und ein schmissiger Text mit provokativer These und Hauf-Drauf-Grundton zieht immer mehr als ein abwägender Pro-und-Contra-Ping-Pong-Schinkenund? Oder ist ein jeder solcher Text eigentlich nichts als eine effektvolle Täuschung, die den größten Teil der Welt negiert, um zu unterhalten und sich dem Publikum in opportunistischer Geste anzubiedern? Ein Entertainer, der das Make-Up braucht, die Bühne, die Showgirls und das grelle Licht. Und ist es nicht Quatsch überhaupt solche Fragen zu stellen, ja geradezu fatal? Weil Texte alles dürfen sollten? Oder ist es gerade sinnvoll, weil Texte alles dürfen sollten, im Nachhinein aber eben auch beurteilt werden, danach wie sie diese Möglichkeiten nutzen? Und wie ist das mit der vermaledeiten Authentizität? Ist es ein Zeichen von Schwäche oder von Integrität nur über das und so zu schreiben, wie man es als richtig empfindet? Oder ist es scheißegal?

Ich ziehe eine Grimasse, meim Spiegelbild auch. Ich bin neidisch. Auf alle diese Entertainer da draußen. Diese Meinungsmacher/-multiplikatoren mit ihrem einwandfreiem Bewertungsraster bestehend aus unverrückbaren, unanzweifelbaren Bewertungsmaßstäben. Hier sind Gut und Böse und Richtig und Falsch feststehende Größen an denen nicht gerüttelt werden, aber auf denen alles aufgebaut und abgeleitet werden kann. In denen niemals die Vermutung aufkommt, alles im Leben sei mindestens zwei Mal mehr unklar als klar. Ich bin neidisch auf Meinungen aus Beton. Ich würde meine auch gerne zu so einem festen Block gießen können, der resistent ist gegen alles Einwirken von außen. Bombenfest und sicher sitzt in der Mitte die Meinung und lächelt feist. Nichts kann ihr etwas anhaben. Das ist sehr schön für sie, denn sie braucht nie um ihre Existenz zu fürchten. Es ist auch sehr schön für ihre Besitzer. Feste Meinungen suggerieren Standfestigkeit und Charakter. Oder werden sie missverständlicher Weise als das aufgefasst? Ich bin mir unsicher. Schon geht es los. Ja oder Nein. Dies oder Das. Oder nicht oder doch. Sicher ist: Sie sind eine Wohltat für ihre Besitzer. Eine feste Meinung spendet Geborgenheit. Sie gibt Sicherheit und Halt. Wer einen dieser Betonblöcke besitzt, der trägt weniger schwer als man meinen mag. Denn immerhin: Er hat ein klares Wertesystem. Verwirrung herrscht anderswo. Zweifel herrscht anderswo. Herzflattern und Magengrummeln, Kopfchaos und Denkschwindel – nicht hier. Anderswo!

Einem Fähnchen im Wind nämlich wird zwangläufig irgendwann kalt. Übel noch dazu, vom vielen hin und her. Es mag sich eine Zeit lang wacker halten und den Witterungsbedingungen trotzen, dem Sturm der Gedanken. Der Drangsal des Zweifels. Manchmal hält das Fähnchen seine Position. Dann lässt die Spannung nach, wenn es windstill ist, oder, für einen Augenblick der Wind so stark, dass es nur eine Richtung flattert. Bis alles wieder von vorne losgeht. Bis das Fähnchen irgendwann den Halt verliert und fort gerissen wird vom Wind. Vertrieben aus dem Paradies findet sich das große Tohuwabohu. Dort ist alles farblos. Alles schwebt, selbst die Farblosigkeit ist haltlos. Das absolute Chaos ist total still. Alles ist bewegt bewegungslos, eine warme Starre, ein kaltes Brennen und ein großer, krampfender Schwindel, ein furchterregender Kampf, ein Ringen zwischen Festhalten und Loslassen und Wissen, das Festhalten nicht möglich ist, aber dem Gefühl, dass Loslassen unmöglich ist, nicht entrinnen können.
Warum dann nicht einfach eine Meinung betonieren und dem Flatterhaften ein Ende setzen? Habe ich versucht. Aber ich habe nicht die richtigen Materialien. Mein Beton ist porös. Ich schaffe es einfach nicht einen Punkt zu machen. Und wenn ich es doch einmal versuche, dann dauert es nicht sehr lange, bis ich es bereue. Denn es gibt immer etwas, was man übersehen hat, etwas, was es noch zu bedenken gilt. Ein Für neben dem Wider, ein weiteres Wider neben dem Für. Alles lässt sich immer noch ein Stückchen weiter denken.

Da tut sich dann auch gleich das nächste Problem auf und ein zweiter Punkt auf meiner Wunschliste. Ich möchte etwas beenden können. Texte zum Beispiel. So ganz einfach, ohne Anstrengung, ohne Krampf. Scheint mir unmöglich. Jedes Ende nur eine Farce. Kann ein Text jemals wirklich zu Ende sein? Sollte man Texte vielleicht einfach im Nichts enden lassen? So wie diesen hier jetzt gleich?

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>