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Diese Zeit gehört dir

Das Faultier und ich fahren zur Arbeit. Genauer: Wir pendeln. Mit dem Zug.
„Der Mensch ist ja in den meisten Fällen doch mehr ein Unmensch“, sagt das Faultier.
„Ja“, sage ich, „pendeln ist Krieg.“
„KRIEG“, schreit das Faultier und lässt sich von einem Gepäckhalter über einen der bräsigen Anzugmenschen im Fahrradabteil baumeln. Hinter ihm ein Schild mit „Für Fahrräder reserviert. Bei Bedarf Sitze bitte freigeben“-Aufschrift. Ich stehe mit meinem Fahrrad im Gang und versuche das Ruckeln des Zuges auszubalancieren. Das Faultier lässt einen fahren. Dann lacht es.
„Nächstes Mal scheiße ich dir auf den Kopf mein Freund“, sagt das Faultier und hebt drohend einen Finger. Dann setzt es sich auf meine Schultern und wischt mir mit dem Pfotenrücken über meine Stirn.
„Du schwitzt“, bemerkt es.
„Ja“, sage ich, „die Crux des herbstlichen Fahrradfahrens. Man kann einfach nicht das Richtige anziehen. Entweder es ist zu kalt oder aber zu warm und dann schwitzt man wie verrückt und ölt und ölt und ist schon vor der Arbeit einmal komplett sanierungsbedürftig.“
Ich zupfe mir ein Faultierhaar aus dem Gesicht.
„Noch zwanzig Minuten Fahrt. Am besten wir stellen uns schon mal an die Tür und fahren die Ellenbogen aus. Nicht, dass irgendwer vor uns diesen Zug verlässt, das wäre ja total fatal. Möglicherweise würden wir fünf Minuten später zur Arbeit kommen. Geht gar nicht. Besser wir vergessen jede Umgangsform. Hast du nen Knüppel dabei? Für den Fall, dass doch jemand vor uns aus der Tür will?“ Das Faultier lacht.
„Diese Spastis, alter“, sage ich.
„In der Tat“, sagt das Faultier. „Wir könnten auch so richtig langsam gehen, ich wette dann kommt es zum Eklat. Tumult und emotionaler Totalausfall.“
„Dafür habe ich nicht die Eier“, sage ich, „mein Motto ist eher: Tarnen, tarnen, tarnen. Wer nicht auffällt wird nicht abgeschossen.“
„Das ist so defensiv“, sagt das Faultier, „was ist los mit dir? Wann bist du so lasch geworden?“
„Es ist das Pendeln“, sage ich, „das macht mürbe.“
„Ach“, sagt das Faultier, „quatsch. Diese Zeit gehört dir. Du musst sie nutzen. Du kannst Popel unter Sitze kleben, Tags sprayen, ein Glas Bohnen vor der Fahrt essen, wofür es jetzt zu spät ist, aber dafür vielleicht morgen, oder Feuer schreien, wenn ohnehin alle schon aus der Tür stürmen.“
„-Na gut“, sage ich, „ich denke, das mit den Popeln lässt sich machen.“

[Bildquelle: Faultier ist einer Illu von JMB entwendet. Seine Seite baalart.tumblr.com ]

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