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Was kommt nach dem Katzenkrimi?

Akif Pirinçci tut mir Leid. Ich würde ihm, wenn es denn möglich wäre, nicht nur eine sondern sehr viele Dosen Mitleid kaufen. Er hat sich das redlich verdient, ja wirklich. Eine ganze Wagenladung würde ich ihm kaufen, vielleicht sogar zwei oder drei. Ich wäre nicht knauserig, ganz und gar nicht, ich würde ihn darunter begraben, so spendabel wäre ich. Ich denke, der Mann hat eine Menge Probleme. Als Schriftsteller zum Beispiel. Der Katzenkrimi war ja nicht sein erster Roman, aber der einzige, der wirklich Erfolg hatte. Katzenkrimi. Irres Wort. Mit der Alliteration als Berufsbezeichnung kann man sich bei Bauer sucht Frau bewerben ohne Bauer zu sein. Katzenkrimi- eine seltsame Sache. Nichts gegen Katzen und nichts gegen Krimis.

Ich mag Hunde lieber und nichts steht für mich so sehr mit dem Wort „seichte Unterhaltung“ in Verbindung wie Katzen. Katzenvideos zum Beispiel oder Katzenmemes. Die sind immer süß und oooh und lustig und sehr populär. Wenn man ein bisschen gemein und sehr prätentiös sein will, dann kann man sagen ein Katzenkrimi, das sei Genreliteratur par excellence und dabei pikiert die Nase rümpfen. Ich glaube, das ist nicht leicht alles, gar nicht leicht. Ich glaube, das kratzt an der Würde. An dem Stolz. Schlimmer ist es nur den Unterhalt mit Schreiben von Goschenromanen zu verdienen. Obwohl, wirklich? Jedenfalls, da kann man schnell mal überkompensieren und auf dem eignen Stolz herumreiten so lange bis er kollabiert wie ein alter Klepper auf dem Gnadenhof.

Wenn man noch ein bisschen gemeiner sein will, dann kann man fragen: Was kommt nach dem Katzenkrimi? Und man könnte sagen: Nichts. (Oder schon was, ein Buch über einen Mann ohne Arme und Beine, der einen Mord durchführt zum Beispiel. Aber nichts mit Erfolg.) Weil man hat sich ja auch schon den zwei großen Beliebtheiten bedient: Katzen und Krimis eben und ein Mann nur mit Rumpf und Mordgedanken, das zieht halt nicht so. Jetzt sitzt man traurig zuhause und fragt sich, wie es weiter gehen soll, wie es weitergehen kann. Man trauert alten Erfolgen nach und man hat eine Schreibblockade und die hört nicht auf, weil man schon so viele Fortsetzungen seines Katzenromans geschrieben hat und einen Film gibt auch schon und das Gehirn hängt und es spuckt nichts aus, was die Leute locken könnte, worauf sie steil gehen, was sie abfeiern, egal wie viele der meistgeklickten Videos man auf Youtube guckt oder wie viele E-Mails mit dem Betreff „lustig“ man öffnet.
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Man wird vergessen und das tut sehr, sehr weh. Es ist ja eine der großen Bürden des kleinen menschlichen Lebens, das alle irgendwann vergessen sein werden. Dann versinkt man so langsam im Sumpf der Zweifel und des Selbsthasses. Es nagt an einem und das tut weh, sehr, sehr weh.

Und man fühlt, dass man schwach ist und das tut sehr, sehr weh. Diesen Schmerz zu ertragen, das erfordert Stärke. Mit der Stärke aber ist es so: Es gibt die eine Stärke, die man aus sich selber schöpft. Sie hat etwas mit Selbsterkenntnis zu tun und mit dem Mut, sich Fehler einzugestehen und ehrlich vor sich selbst zu sein. Auch etwas mit Demut, vor dem eigenen Leben und dem der anderen und vor der Bedeutung von Existenz genauso wie ihrer Winzigkeit im Vergleich zur Ewigkeit, die sie nicht weniger, sondern noch viel bedeutender macht und mit der Fähigkeit zur Empathie gegenüber sich und anderen.
Dann gibt es noch die andere Form von Stärke, sie schöpft sich aus der Verachtung von anderen aus der man die Bedeutsamkeit und Größe der eigenen Person ableitet. Die Rechnung ist einfach: Je kleiner man die anderen macht, umso größer wird man selbst. Nur geht sie nicht auf. Diese Stärke wird immer eine Farce sein und die eigene Existenz nicht erheben, sondern entblößen und erniedrigen. Trotzdem ist sie die verführerischere. Hassen ist sehr leicht wenn man sich selbst klein fühlt. Das merkt man schnell, auch als Katzenkrimiautor.

Und dieser Hass wächst. Er gärt und schwillt an und man hat das Gefühl, über alle wird geredet, über Homosexuelle und Frauen und Immigranten und all das und man ist nichts von dem, na ja Immigrant schon eigentlich, aber das ist nicht genug und der Hass wird größer und größer und jetzt macht es klick und man weiß jetzt was die logische Weiterführung des Katzenkrimis ist: Die Hetzrede. Und schon ganz geil auf die „Endlich sagt es mal einer“ Kommentare, wedelt man sich alles von der Palme was man zu bieten hat. Man ergießt all seinen Schmand aufs Papier. Das ist der Aufschwung, man hat wieder Erfolg, toll, toll, toll. Die Leute suhlen sich in der eigenen Wichse und das ist das schönste Gefühl der Welt. Dann, der große Augenblick: Man liest vor Tausenden, die die gleiche Meinung teilen. Freut sich schon auf dieses Großereignis, hat eine Rede vorbereitet, die findet man sehr klug, auch wenn sie das in Wahrheit nicht ist. Man denkt sich: Ich zeig jetzt den Leuten wo der Hammer hängt und greift sich noch einmal ermutigend in den Schritt, geht auf die Bühne und liest und dan – und das ist vielleicht in Wahrheit die große Leistung des Akif Pirinçci, den eigenen Hass so zu überspannen, das selbst die Hassenden einen nicht mehr mögen – wird man von der Bühne gebuht.*

Jetzt sitzt er sicherlich zuhause, raucht sehr viel und fragt sich: Was kommt nach Katzenkrimis und Volksverhetzung? Was kommt, nachdem man sich selbst verleugnet und als degenerierten Wichser entblößt hat? Was kommt jetzt?

Vielleicht tut sich ein Loch auf, nicht tief, aber dunkel, so wie die eigene Seele. Vielleicht fällt er hinein, bricht sich einen Knöchel und kommt nicht mehr heraus, liegt auf dem Rücken wie ein Käfer. Ich würde ihm nicht heraushelfen. Aber ich würde ihm die Dosen hineinwerfen. Und mir dann hinter die Ohren schreiben, niemals, aber auch wirklich niemals einen Katzenkrimi zu schreiben. Das ist es, was wir von Akif lernen können.

*Darüber, ob sie einen wirklich nicht mögen oder Angst haben, der eigene Auftritt entblöße ihre wahre Gesinnung und der Deckmantel des „wir sind keine Nazis“ könne aufliegen, das sollte an anderer Stelle noch einmal diskutiert werden.

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