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Das Gesicht von Mehmet Scholl oder wieso Nachrichten ein Abo für Hoffnungslosigkeit sind.

ultramarin

Die Bilder. Das Chaos. Das Blaulicht. Das Weinen. Das Gesicht von Mehmet Scholl.

Das mit den Nachrichten, das war nur ein Versehen. Ich gucke sonst keine und lese auch selten welche.*

Es tut zu weh. Ich halte es nicht aus, ich ertrage es nicht. Zu sehen und zu lesen, was auf dieser Welt passiert. Dieser Welt, die eben auch meine Welt ist, so wie die eines jeden anderen Menschen und am Ende von niemanden, denn wo man nur zu Gast ist, da besitzt man nicht.

Mehmet Scholl sagte an diesem Abend, an dessen Anfang der Fußball und dessen Ende der Krieg stand, nachdem er etwas gefragt wurde, er könne nichts sagen. Er sehe diese Bilder. Alles kalt und leer. Sagte er das? Oder bildete ich mir das nur ein?

So oder so, so ist es: Alles ist kalt und leer.

So ähnlich geht es mir. Ich sehe die Bilder, ich lese die Texte und dann wird alles kalt und leer. Ich werde verrückt, ganz wortwörtlich, ver-rückt. Die Realität da draußen entfremdet mich von meiner Wirklichkeit. Ich ziehe mich in mich selbst zurück. Das Rauschen meiner Traurigkeit übertönt die Welt. Ich verliere mich in diesem Gefühl von Trauer und Ohnmacht und manchmal, selten nur, Wut. Eher: Lähmung. Knoten im Herzen, Steine im Bauch und dieses sehr flaue und atemraubende Gefühl von Hoffnungslosigkeit.

Viele der Dinge, so sagt man, seien sehr weit weg. Ich kann nicht glauben, dass das stimmt. Zumindest fühlt es sich nicht so an. Und das nicht nur, weil Bilder und Videos eine erschreckende Nähe suggerieren. Sondern, weil es Menschen sind, denen diese Dinge passieren, Menschen, die diese Dinge geschehen lassen und Menschen, die diese Dinge zustande bringen. Das alles auf dieser einen Welt. Wie viele Staatsgrenzen, Meere oder Wüsten auch dazwischen liegen mögen – ich bin ein winziger Teil dieses Geschehens und diese Geschehnisse sind Teil der Strukturen, die sich mein Leben nennen.

Ich verstehe, was passiert und doch bleibt es mir unbegreiflich.

Und dann weiß ich nicht wie weiter, weil sich die Tragödie unter den Alltag schiebt, der dann ständig aufreißt und ich mich taumelnd am Rande der dunkel klaffenden Schlucht sehe, deren Anblick ich nicht auszuhalten vermag.

Ich weiß ja auch, so von außen, da geht es mir gut. Da lebe ich in einem überdurchschnittlich friedlichen Land mit überdurchschnittlich vielen Ressourcen verschiedenster Art, die mir zur Verfügung stehen und weit mehr als nur mein Überleben sichern. Aber von innen, da spüre ich diesen Schmerz und dem ist es egal, ob es hier sicher ist, ob es mir gut geht, weil er die bohrende Frage nicht übergehen kann, wie und ob es mir gut gehen kann, wenn das Leid da draußen größer und größer wird. Der macht nicht an Grenzen halt – weder solchen, die wir zwischen Ländern, noch solchen, die wir zwischen Menschen konstruiert haben.

Aus Sicht des Universums ist die Welt sehr klein. Sehr, sehr klein. Sein Blick ist unser Blick auf den Bruchteil eines Staubkornes. Die Welt ist auch sehr eigenartig, zumindest verhältnismäßig, wie sehr, da müsste man jetzt das Universum befragen, aber es ist leider zu beschäftigt für eine Stellungnahme. Vielleicht später, hat es gesagt, aber später das kann in den Verhältnismäßigkeiten des Universums eine ganze Weile sein. Eine so ganze Weile, dass es für diesen Text, für dieses Leben, das der Autorin, meins also, schon zu spät ist. Noch winziger als unser Planet erscheint dem Universum die Dauer unseres Lebens. So im Durchschnitt. Mancher lebt länger, mancher kürzer, für die Bilanz aus Universumsperspektive macht das keinen Unterschied.

Aus dieser Perspektive ist ganz klar, was sonst so oft verschleiert wird: Wir können uns Unterschiede herbeireden wie wir wollen, Grenzen ziehen und Kategorien aufmachen: Es ist und bleibt eine Welt. One World – So ist es am Ende des Tages, so ist es am Ende der Zeiten. Wir haben diesen einen Planten. Das ist die eine große Komponente, die unabänderlich unser Leben bestimmt. Man kann so viel von Territorien und Vaterländern reden wie man will – unsere Mutter ist und bleibt der gleiche Planet. Sie ist der Anfang und das Ende. Aus ihr gehen wir hervor, in ihr gehen wir zu Grunde.

Wir alle sind Menschen. Wir haben Herz und Hirn, sind fähig zu Liebe und Hass, sind verletzlich und können verletzten. Wir können glauben und hoffen, wir können zweifeln und verzweifeln. Wir können denken und fühlen, weinen und lachen. Wir sind alle unterschiedlich und trotzdem so verdammt gleich.

Das sind die übergeordneten Strukturen, in denen wir uns bewegen und aus denen wir nicht entkommen können. Wir bedingen einander, wir beeinflussen einander, wir hängen voneinander ab. Was eigentlich Quelle für Glück sein könnte, für ein Gefühl von Aufgehoben sein und Teilhabe, das ist dieser Tage die Quelle unendlichen Schmerzes. Denn in diesen Strukturen, in die ich eingewebt bin, mit denen ich ohne Alternative verknüpft bin, werden zu sehr bestimmt von tödlichen wirtschaftlichen Schachzügen, von Leid, von Zerstörungswut, von Machtansprüchen und –demonstrationen, von Hass und noch mehr Hass.

Jedes Mal, wenn jemand Krieg fordert, möchte ich weinen. Jedes Mal, wenn jemand sich entschließt so zu kämpfen, dass dieser Kampf Menschenleben fordert, möchte ich weinen. Um jeden Toten, jeden Verzweifelten, jeden Verwundeten, jeden Hassenden.

Ich fühle mich sehr verloren dieser Tage und wie niemals zuvor, wünsche ich mir jemanden der laut und deutlich Frieden sagt und Frieden fordert. Jemand, der von Liebe spricht. Von Empathie. Von Annährung. Von Vergebung. Jemand, der eine Welt entwirft, die nicht von Feldzügen und Dominanzgebahren, von Hass und Gewalt, von Stärke und Leistung geprägt ist. Eine Welt, die nicht von Menschen regiert wird, die Menschen verachten. Eine Welt, in der Menschen sich nicht ausschließen, sondern einbinden. Denn je tiefer die Gräben gegraben werden, umso größer wird der Schmerz werden. Je stärker die Grenzen gezogen werden, umso stärker wird der Hass.

Ich fürchte nur, dieser jemand bleibt auf immer fiktional. Ein Wunschtraum der Verzweiflung. Aber immerhin einer, der einem das Herz kurz leichter werden lässt, wenn man ihn träumt. Der für einen winzig kleinen Moment einen Funken Hoffnung entzündet, irgendwo dort, wo sonst tristes Schwarzblau die Szenerie bestimmt.

Ich habe leider keinen Gott, dem ich mein Leid klagen, an dem ich festhalten oder auf den ich bauen kann. Und wenn ich einen hätte, dann wäre keine Zeit für hoffnungsvolle Zwiegespräche, ich müsste stattdessen ein ernstes Wörtchen mit ihm reden. Ich würde sagen: „Lieber Gott, wir haben hier ein Problemchen. Das ist aber leider nur ein Euphemismus für „die Kacke ist fett am Dampfen, Mann“. Ich weiß nicht, was bei dir los ist und ob du in letzter Zeit zu viel gesoffen hast und nun den Schädel deines Lebens mit Schlaf zu kurieren versuchst oder ob du einfach keinen Bock mehr hast und einen auf Arbeitsverweigerer schiebst oder was sonst das verdammte Problem ist. Aber es ist an der Zeit die Backen zusammen zu kneifen, gegebenenfalls eine Aspirin einzuwerfen und die Scheiße wieder geradezuziehen, wenn du verstehst, was ich meine. Reiß dich zusammen und regel das.“

So allerdings kann ich nur mich selbst ermahnen, mich zusammen zu reißen, zu versuchen, die Bilder auszuhalten und trotzdem weiter zu machen. Sich festzuhalten an den Kleinigkeiten, den seltsamen Fabelhaftigkeiten des Sammelsuriums Leben. Das Atmen, der Wind, mit den Zehen wackeln, das Lächeln, die Berührungen, die Klobürste, die Worte, das Papier, das Schnalzen, die Sonnenstrahlen, die Gespräche, Wimpern, der penetrante Geruch von Käse, die Liebe, das Meer, die Orangen, das Schnurren von Katzen, das Tanzen, die Stelle zwischen Daumen und Zeigefinger, die Küsse, Purzelbaum. Und all diese anderen Punkten auf der Liste, die zwar nicht unendlich lang, aber doch so lang ist, das es für mehr als ein Menschenleben reicht und die einen daran erinnert, dass es auch anders geht, warm und voll.

 

 

*(Ich habe lange darüber nachgedacht: Ist das ignorant? Ist es meine Pflicht mich zu informieren? Schließlich kann Mündigkeit nur aus Wissen erwachsen. Urteile nur mit dem entsprechenden Hintergrund gefällt werden. Meinungen, die kein faktisches Fundament besitzen, die ohne Historie und Theorie auskommen, sind keine Meinungen, sondern spekulative Fiktion. Eine intentionale Ignoranz ist also eigentlich untragbar?! Aber andererseits weiß ich nicht, wie das eigentlich gehen soll: All dieses Elend wahrnehmen und nicht vollkommen resignieren. Nicht zusammen zu klappen, nicht völlig und für immer aus der Bahn geworfen zu werden von diesem kranken Scheiß.)

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