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Cornflakes im Paradies

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Die Toilette der Lufthansa Lounge ist sehr schön. Viele Menschen würden sich freuen, wenn sie diese Toilette ihr zuhause nennen dürften. Sie ist sehr hell und sauber und alles ist rund, sogar die Tür, und die Toilettenfrau lächelt nett und will kein Geld. Überhaupt die ganze Lounge, eine Parallelwelt, nur für Mitglieder. Es gibt essen und trinken kostenlos und en masse, die Sitze sind weich, das Licht gedämpft, die Musik dezent, die Menschen sind gut gekleidet, wenn man damit hochpreisige Materialien meint, sie sprechen leise in ihre Headsets. Ein kleines, sehr dünnes Mädchen mit Uggboots tut sich mit einem sehr kleinen Löffel sehr wenige Cornflakes auf einen sehr kleinen Teller.

In einem Regal liegen nationale und internationale Zeitungen auf deren Titelseiten Menschen weinen oder vermummt Waffen auf andere Menschen richten. Die Mehrheit der Deutschen ist für den Einsatz in Syrien steht da und ich frage mich, ob wenn ich beginnen würde, diese Schlagzeile anhand einer repräsentativen Umfrage hier zu verifizieren zwei Sicherheitsmänner aus dem Nichts treten würden und mich dezent wie die Musik aus dem Raum schaffen. In einen Zwischenraum zwischen dem gewöhnlichen Gewimmel des Flughafens mit seiner dreckigen Geschäftigkeit und dem Ort des im Sektkühler servierten Alkohols, hielten sie mir Vorträge über das richtige Benehmen, das Vorrausetzung sei, um in der Lounge verweilen zu dürfen. Sie würden es verklausulieren, aber meinen täten sie ganz einfach „friss oder stirb“.

Ich belasse es stattdessen bei der Feststellung, dass ich Teil einer Minderheit bin. Das ist an sich ist nichts Schlechtes. Zum Beispiel kann man besser gegen eine Mehrheit wettern als gegen eine Minderheit, zumindest in terms of political correctness. Ich weiß nur nicht, inwiefern das etwas nützen sollte und das wiederrum beweist mir, dass ich sehr erwachsen geworden bin. Die unbändige Wut meiner Jugend ist verloren. Ich will nicht mehr jedem, der vorbeikommt, ins Gesicht schreien, was ich alles falsch daran finde, den Einsatz in Syrien zu befürworten. Das Wort Einsatz zum Beispiel. Oder für einen Krieg zu sein. Überhaupt für Gewalt zu sein, welcher Art auch immer und mit welchen absurden Begründungen auch immer. Wer glaubt, Menschen aus einem guten Grund zu verletzten oder zu töten, der sollte einmal über das Adjektiv gut nachdenken, über das Wort Grund und über die jämmerliche Erbärmlichkeit seiner Existenz.

Ich will das kleine Mädchen mit den wenigen Cornflakes nicht auffordern, sich so viele Cornflakes reinzustopfen wie sie kriegen kann, weil man nie weiß, wie viele Cornflakes man noch so essen kann im Leben, bevor irgendwer oder irgendetwas dem Ganzen ein Ende setzt und sie dann mit aufgerissenen Augen und pochendem Herzen fragen, ob sie das nicht auch so irre beschissen findet und nicht weiß, wie man damit leben soll, mit diesem Wissen. mit dem Wissen, dass ihre Füße in den weichsten und wärmsten Schuhen überhaupt stecken, während viel zu viele Menschen auf der Welt gar keine Schuhe haben und sich auch keine wünschen, viel lieber wollen sie etwas essen und den nächsten Tag erleben. Oder damit, dass sie noch so jung, aber ihre Zukunft so düster ist, weil das Jahrhundert Tag von Tag dunkler wird und ob sie gerne ihre Geburt revidieren und auf später verschieben würde, das will ich sie auch nicht fragen, wenn sie gewusst hätte, dass nicht das Zwanzigste, sondern das Einundzwanzigste Jahrhundert das des Faschischmus sein würde, bestimmt von degenerierten Frauen und Männern, die über alle Kanäle ihre kruden Weltanschauungen verbreiten. Oder ob sie weiß, dass sie kämpfen muss, wenn sie nur einen Fünkchen Freiheit behalten möchte, kämpfen muss, wenn sie in einer Welt leben möchte, in der Menschlichkeit das Handeln bestimmt. Und dass sie es jetzt tun muss, während sie noch jung ist, bevor die Zeit an ihr nagt und ihr den Mut und den Mumm nimmt so wie mir.

Ich will auch keinen der gedämpft sprechenden Headsetmenschen das Headset aus dem Ohr reißen, es auf den Boden werfen, darauf herumhüpften und immer wieder „du bist auch ein Teil der Scheiße“ schreien. Ich will mir auch nicht selber Vorträge halte, dass das alles auch für mich gilt, um dann in Selbsthass zu versinken, denn ich später in Aktionismus überführe. Ich will mir einfach eine Pulle aus dem Sektkühler nehmen und mich auf der Toilette mit der Toilettendame bis zur Besinnungslosigkeit besaufen, um dann weggetreten auf dem Boden zu sitzen und den Kopf an die riesigen Fliesen zu lehnen. Irgendwann werde ich mit Kater und Filmriss aufwachen und mich weder an die Schlagzeilen noch an meine nicht gehaltenen Predigten erinnern.

Wie jede Idealvorstellung scheitert auch diese an der Realität: Die Toilettendame will nicht nur nicht mittrinken, sie bittet mich auch, die Toilette unverzüglich zu verlassen und als ich das nicht machen will und ein bisschen weine, weil geplatzte Träume immer schmerzen, schiebt sie mich sanft Richtung Tür. Sie lächelt die ganze Zeit. Zum Abschied schenkt sie mir ein Taschentuch.

Ich setze mich in einen der Stühle, die so weich sind wie Wolken aussehen und exe die Flasche. Ein bisschen Sekt läuft mir aus dem Mundwinkel, das Kinn runter und eine blondierte Dame mit rot besohlten High Heels schürzt die Lippen und schüttelt den Kopf. Ich gucke sehr traurig die Flasche an, sie ist leer. Die Neue trinke ich schon auf dem Weg zurück zum Sessel halb aus. Unterwegs beuge ich mich zu der Frau und raune ihr „Fick dich und Christian“ zu. Dann stelle ich mich auf den Sessel, hebe die Flasche in die Höhe wie sehr betrunkene Mädchen in Clubs mit sehr schlechter Musik begleitet von euphorischen Geräuschen das tun und spare mir die Euphorie, stattdessen sage ich: „Genau und überhaupt fickt euch alle. Prost.“

Die Sicherheitsmänner sind wirklich sehr dezent. Sie sagen sogar „Auf Wiedersehen“ und das ist so schön, so schön, ich will sie zum Abschied umarmen, aber daraus wird nichts. Sie verschwinden so schnell wie sie aufgetaucht sind, nicht ohne mir die Flasche abzunehmen, egal, war eh nur Spuckeschluck.

„Ich war im Paradies“, sage ich beim Einchecken am Gate zum Steward, „ich war im Paradies, aber ich konnte es nicht aushalten. Wegen all der Waffen und dem Blut, alles ist aus Blut gebaut und die Toilettendame wollte nicht trinken, sie wollte es nicht.“
Er sagt, ich könne nicht mitfliegen in meinem Zustand.
Ich greife in meine Hosentasche und reiche ihm ein Paar bröselige Cornflakes.
„Hab ich gebunkert, für schlechte Zeiten.“ Ich nicke ermutigend, er schüttelt den Kopf.
Er wolle keine Cornflakes und so betrunken dürfe ich nicht fliegen.
„Na gut“, sage ich, „na gut. Aber eines Tages willst du mal hochhinaus und dann wird jemand dir sagen, du müsstest auf dem Boden bleiben und dann. Und dann…“

Weiter komme ich nicht, weil schon wieder zwei Menschen aus dem Nichts auftauchen und mich zum Ausgang geleiten. Dieses Mal sagen sie nicht auf Wiedersehen, sie reichen mir auch kein Taschentuch, dafür kotze ich ihnen zum Abschied vor die Füße.

„Oh“, sage ich, „schade um den schönen Alkohol.“ Ich werfe die Cornflakes als Topping obendrauf, falls so eine dieser Frauen mit Winzlingköter vorbeikommt. Damit er wenigstens ein bisschen was Schönes im Leben hat.

Dann wanke ich davon. Meine Hände bedecken mein Gesicht, es ist viel zu grell hier draußen. Die Welt sollte dringend an ihrem Lichtkonzept arbeiten.

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