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Über die Angst

Ich habe in einem Photographiearchiv eine Photographie gefunden. Man sieht darauf fünf herausgeputzte Menschen an einen eingedeckten Tisch. Das Zimmer – möglicherweise Teil einer Gaststätte? – ist mit Tannengrün dekoriert. Und Hakenkreuzen. Zwei auf Fahnen und einer als Aufsteller auf dem Tisch. Ein Hakenkreuztischaufsteller. Und drum herum sitzen die Damen und Herren und trinken ihren Wein und essen ihr Essen. Diese Photographie ist die Manifestation meiner grausigsten Alpträume. Sie ist Abbild all dessen von dem ich mir wünsche, dass es nie mehr sein wird und von dem ich befürchte, dass es doch noch einmal möglich ist. Was für ein Schaudern, was für ein Grauen es in einem auslöst, wenn man dieses Photo anblickt und dann die Lage der Welt und des eigenen Landes betrachtet. Wenn man sich nicht beruhigend sagen kann: Ja, aber das wird nie wieder passieren. Sondern sich bloß Mut zusprechen kann, indem sich selbst zum Dagegen kämpfen aufruft, indem man sich sagt: Ich will alles mir Menschenmögliche tun, um zu verhindern, dass es wieder passiert. Das was passiert? Dass das Böse, das …

Neu an Bord!

Ich werde alt. Es ist wie es ist. Ich bin der dreißig näher als der zwanzig, die Falten werden tiefer, der Geist langsamer, die freundlichen Menschen an Clubtüren fragen einen jetzt nicht mehr nach dem Perso, die Zeit rast und man selber wird zu langsam, um noch hinterher zu kommen. Diese Einsicht sackte langsam und als sie sich setzte, kam die Erkenntnis: Ich brauche Hilfe. Jemanden, der mir die Lesebrille zurecht rückt und mich daran erinnert, abends mein Gebiss rauszunehmen. Jemanden, der mir erklärt, was da draußen passiert, während ich drinnen meine grauen Haare zähle. Jemanden, der Schwung in die Sache bringt. Zum Glück bin ich ein vorausschauender und höchstorganisierter Mensch und habe deswegen schon vor Jahren, neunzehn an der Zahl, solch eine Unterstützung geordert. Nach einigen Startschwierigkeiten, in denen die Sache eher nach Hinten losging und ich ernsthafte Zweifel an der Einsetzbarkeit der betreffenden Person hegen musste – beispielsweise als sie in der Windelentwöhnungsphase auf meine Barbiesachen kackte – wurde sie doch noch zu der besten Besetzung für diesen Job. Jetzt also, proudly presenting …

Pflaster, die keine sind und Wunden, die Luft brauchen

“Warum”, frage ich mich, “hatet man eigentlich meist eher die Neue vom Ex als den Ex selber?” “Ich weiß nicht”, antworte ich, “aber ist nicht die Frage, warum hatet man überhaupt?” “Ja”, sage ich, “weil manche Menschen das halt provozieren, weil sie so sind wie sie sind.” Ich lege mir den Finger auf den Mund und den Kopf schief. Ich kenne diese Pose, ich mache sie immer, wenn ich ins Grübeln komme. Nach einer Weile sage ich zu mir: “Es ist wegen vorhin, oder? Wegen ihres Instagramaccounts.” Ich schüttle sehr energisch den Kopf. “Klar”, ertappe ich mich selbst, “ist es deswegen.” “Na gut, ja. All dieses Glück und #liebe und wir liegen uns im Arm und machen einen auf voll heile Welt und zeigen halt nicht den Rest, wer zeigt auch bitte den Rest, den ganzen schmutzigen Rest, die Streits und die #manistderscheiße-Momente, niemand zeigt den, willkommen in Social-Media, eigentlich kann ich das reflektieren, aber genau jetzt kann ich nicht, genau jetzt nimmt zumindest mein Herz alles für bare Münze und die haben das, was …

13//08//2016

Wie alles anders ist und manches schön und manches so grausam beschissen, dass es einem den Atem raubt. – Vieles scheint für immer verloren und verloren auch die Kraft oder der Wille oder beides um daran etwas zu ändern. – Ach, diese Stadt. – An manchen Tagen bin ich mindestens 94 und das auf die schlechte Art. – Man klammert sich ja regelrecht an den „Frieden“, daran, dass jetzt gerade hier alles gut ist. Man klammert sich an eine Illusion. Daran, dass sich die eigene Welt vom Rest der Welt abspalten ließe. – Manchmal fragt man sich, was man Leben noch zu erwarten hat und vermisst in einem melancholieverseuchten Moment die Jugend. Als wäre es jemals einmal anders gewesen, als wäre einem die Welt früher ständig wie ein verheißungsvoller Ort erschienen. – Der Irrglaube alles verdichte sich, obwohl es gerade dabei ist zu verpuffen. – Auf einer Baustelle zu arbeiten tut ertaunlich gut. Endlich mal wirklich etwas machen, etwas, das man sieht und nicht bloß vor dem Bildschirm hocken und Dinge tun, die außerhalb dessen …

Living life golden

Es gibt so ne Alben und solchne Alben und noch ganze andere. So ne Alben, da kommen so ein zwei Tracks richtig fett, ein paar sind ganz nice und der Rest eher mau. Dann sind da solchne Alben, die mag man überhaupt nicht. Und die ganz anderen? Die ganze anderen sind feinste Perlen, höchster Hörgenuss, jeder Track ein Treffer und dein Herz hüpft im Beat. Alles stimmt und das Ding läuft auf Dauerschleife. Alben dieser Art passieren nicht jeden Tag, auch nicht jeden zweiten. Sie kommen selten, aber wenn, dann schlagen sie richtig ein. Und für einige Tage beginnt man jedes Mal zu schweben, wenn der Beat einsetzt. Elliphants Album LIVING LIFE GOLDEN ist so ein Album. Für mich definitiv ihr Bestes bisher. Der Name ist Programm, denn beim Hören legt sich eine feine Schicht Gold über das eigene Leben, beginnt alles zu schimmern und in der Sonne zu funkeln. Genau so ein Album ist das. Es serviert dir von vorne bis hinten goldenen Schimmer und macht jeden Moment erhabener. Egal, ob du gerade auf …

Holland.

Wir waren in Holland. Diesem kleinen netten Land wo alle ganz entspannt bei 130 über die Autobahn tuckern, die Streusel vielfältiger sind und das Gras grüner. Mit den kleinen Häusern und den großen Parkgebühren. Aber natürlich waren wir nicht einfach so da, um die Nase in die Meeresbrise zu halten und die Seele baumeln zu lassen. Oder etwa um uns mit Pommes vollzustopfen, nachdem wir die vielen kleinen Second-Hand-Läden leergeräumt haben. Oder um den lieben langen Tag in der Sonne zu brutzeln, weil auf einmal und plötzlich Sommer war. Vermutlich die einzigen paar Tage, wenn man das Wetter draußen jetzt so betrachtet. NEIN! Wir haben richtig was geleistet vor Ort, man kann kaum noch von Urlaub sprechen, so fleißig waren wir, man muss wirklich eher Geschäftsreise sagen. Denn wir haben live und direkt und ohne Skrupel nicht nur einen Gourmetessenstest gemacht, sondern auch die heißesten Campingsplatzlooks, die Trendteile des Zeltens gespottet und sofort authentisch in Szene gesetzt. Also bitte, denkt nicht, wir hätten nur ein paar mickrige Fotos in petto oder bloß dieses zauberhafte mit …

Unerwünschter Besuch

Der Selbstzweifel ist ein schmieriger Typ mit zurückgegelten Haaren im Superwetlook, die noch mehr glänzen als sein schlecht sitzender Anzug. Er hat einen Zahnstocher im Mund und unterstreicht sein Reden mit blasierten Gesten. Für seinen fauligen Mundgeruch schämt er sich kein bisschen. Das mag daran liegen, dass der fast noch angenehmer ist als das süßlich-beißende Parfum, das ihn umweht. „Nein, ganz und gar nicht, nein, nein“, sagt er. Er sitzt oft irgendwo in einer Ecke und meldet sich immer dann zu Wort, wenn man es am Wenigsten gebrauchen kann. „Total scheiße“, sagt er, „totaaaal.“ Dabei zieht er seine Augenbrauen zusammen und schnaubt. Aus unerfindlichen Gründen macht es ihm Spaß anderen die Laune zu vermiesen und seine Meinung so vehement und so penetrant zu verkünden, dass man am Ende selber dran glaubt. Durch stetes Wiederholen säät er Miesepeterstimmung und verleitet einem jeden Esprit. So sehr, dass man irgendwann kapituliert, sich die Jogginghose anzieht und zurück ins Bett kriecht. Dann zündet sich der Selbstzweifel lächelnd eine Zigarre an und ascht in fremde Kaffeetassen.

Abys­sus des Firlefanzes

Ich habe sehr lange da gesessen, abwechselnd auf das neue Dokument und das Schmierpapier neben mir starrend. Ich wollte etwas schreiben, unbedingt, etwas über den Schock und den Schmerz und die Angst vor der Zukunft. Über die Unwirtlichkeit, die Kälte, die Vernebelung. Traurig oder wütend, wütend wäre vielleicht besser, denn Wut sorgt für den Pfiff. Wut gibt Texten Pfeffer. Traurigkeit verändert eher die Farben und den Aggregatzustand von Texten. Macht, dass sie schweben oder sehr schwer werden. Wut hingegen kann Texte zu kleinen handlichen Wurfgeschossen transformieren. Ich hätte jetzt sehr gerne so eines zur Hand. Besser noch zwei oder drei. Eigentlich kann man gar nicht genug davon haben, eigentlich möchte ich doch hinausschreien, wie furchtbar, erschreckend, ekelhaft es da draußen gerade läuft. Oder die bleierne Schwere der Traurigkeit – fabelhaft, wunderbar, ich hätte sie mit Kusshand genommen und einige langsame, wiegende Tänze mit ihr getanzt. Ach, meinetwegen auch die Hysterie mit der sich kreischend lachen und auf die Schenkel klopfen ließe, bis einem irgendwann die Luft ausgeht. Die Panik, ja!, ja!, die Luft raubende, beklemmende …

Im Wartezimmer mit dem Frohsinn

Alles ist trübsinnig.Die Nachrichten, das Wetter, mein Antlitz im Spiegel, die Facebooktimeline und das Gesicht der Omi im Wartzezimmer,die ganz streng guckt,weil ein kleiner Junge zwei Stühle weiter zwei Mal lacht. Der Frohsinn hat es schwer. Er sitzt neben mir und atmet schnaufend . „Ich gebe alles, es ist nicht genug “ sagt er und starrt auf seine im Schoß gefalteten Hände, „ein Kampf gegen Windmühle, auf der Stelle treten und immer gegen die Wand. Wie schwarze Löcher mit Moltofill stopfen wollen.“ Ich nicke und sorge mich. Die Anstrengung, der Frust und dazu – der Jüngste ist er auch nicht mehr. „Man steht auch so alleine da. Die Menschen tun grausame Dinge,die sagen grausame Dinge, sie schreiben über grausame Dinge, sie lesen grausame Dinge und gucken grausame Dinge und echauffieren sich ständig, sind knarzig und verbittert.“ Ihm steht der Schweiß auf der Stirn. „Traurigkeit müsste man sein. Hass müsste man sein. Verzweiflung müsste man sein. Wenn ich mich noch mal entscheiden könnte, ich wäre Schwermut geworden oder sowas neumordenes, Ragemodus oder so. Was mit Zukunft. …

Cornflakes im Paradies

Die Toilette der Lufthansa Lounge ist sehr schön. Viele Menschen würden sich freuen, wenn sie diese Toilette ihr zuhause nennen dürften. Sie ist sehr hell und sauber und alles ist rund, sogar die Tür, und die Toilettenfrau lächelt nett und will kein Geld. Überhaupt die ganze Lounge, eine Parallelwelt, nur für Mitglieder. Es gibt essen und trinken kostenlos und en masse, die Sitze sind weich, das Licht gedämpft, die Musik dezent, die Menschen sind gut gekleidet, wenn man damit hochpreisige Materialien meint, sie sprechen leise in ihre Headsets. Ein kleines, sehr dünnes Mädchen mit Uggboots tut sich mit einem sehr kleinen Löffel sehr wenige Cornflakes auf einen sehr kleinen Teller. In einem Regal liegen nationale und internationale Zeitungen auf deren Titelseiten Menschen weinen oder vermummt Waffen auf andere Menschen richten. Die Mehrheit der Deutschen ist für den Einsatz in Syrien steht da und ich frage mich, ob wenn ich beginnen würde, diese Schlagzeile anhand einer repräsentativen Umfrage hier zu verifizieren zwei Sicherheitsmänner aus dem Nichts treten würden und mich dezent wie die Musik aus dem …