Alle Artikel mit dem Schlagwort: Prosa

Das ganze Leben ist eine Beule im kosmischen Gleichklang.

Gespräch mit meinem imaginären Freud: Freud: „Setzen Sie sich“ Ich setze mich auf das nicht vorhandene Sofa Freud: „Was brennt ihnen auf der Seele?“ Ich: „Hmpf“ Freud: „Na ja. Sie müssen schon Klartext reden. Die Hosen runterlassen.“ Ich: „Ich trage Opaschlüpper.“ Freud: „Ich nehme an, dabei handelt es sich nicht um ihr eigentliches Problem.“ Ich – druckse herum. Ich: „Bin ich tatsächlich ein armes Würstchen? Bin ich krank? Weil ich den Unterschied kenne? Weil ich weiß wie sich mein Bauch mit und wie sich mein Bauch ohne dieses Gefühl anfühlt? Oder bin ich einfach nur faul? Bin ich ein Simulant, weil ich diese Dinge – ja was? Empfinde? Zu empfinden denke? Weil ich sie nicht abstellen, sie nicht runterschlucken kann? Bin ich depressiv? Weil mir das Leben so grausam, so unfair, so chaotisch, so sinnlos erscheint? Weil ich nicht sagen kann, dass das hier wundervoll ist oder weil es so aussieht, als könne ich nicht sehen, was für ein Glück ich hatte, im Vergleich zu anderen? Weil es mir nicht gelingt, zu verhindern Schmerz zu …

Keine Heldentag II

Es sind Tage an denen die Ideen fehlen. Die Pläne. Es sind Tage, an denen die Visionen fehlen, davon, wie man aussehen will. Davon, wer man sein will. Dass man das auch immer wissen soll. Es sind Tage, an denen die Antworten auf die Fragen fehlen, die gar nicht erst gestellt werden. Das Schwierige an einer Antwort ist immer die Frage. Einem fallen keine ein. Einen Schritt machen. Und dann den nächsten machen. Und zwischendrin manchmal eine Pause. Wann hat es angefangen? Jedenfalls lange bevor in der Wohnung nebenan jemand war. Irgendwann war zwischen all den Dingen, die man so tat, plötzlich die Frage aufgetaucht: Warum eigentlich? Die fegte in ihrer Intensität und ihrer Nichtbeantwortbarkeit alles hinweg. Den Boden, den Himmel, die Ecken, die Kanten. Den Antrieb, den Auftrieb, das Für und Wieder. Nach etwas streben: Warum eigentlich? Sich verschwenden: Warum eigentlich? Alles mitnehmen: Warum eigentlich? Für etwas brennen: Warum eigentlich? Gegen etwas sein: Warum eigentlich? Lieben: Warum eigentlich? Hassen: Warum eigentlich? Dann: Rien ne va plus. Die Welt hörte auf sich zu drehen, dafür …

Ballon

Und wo immer wir hingingen, wir nahmen immer alles mit. All diese Erinnerungen an die Zeit, damals. Damals, als wir noch klein und unsere Träume groß waren. Damals, als die Stadt uns noch keine Angst gemacht hat, denn wir waren jung und schnell. Genauso schnell wie sie und manchmal schneller. Wir waren mittendrin, waren ihr Motor. Haben dazu beigetragen, dass sie wächst und sind mit ihr gewachsen. Dann wuchs uns die Sache über den Kopf. Sie drohte uns zu verschlingen. Wir ergriffen die Flucht. Aber das Damals nahmen wir mit. Es schwebte über uns, stets und immer, wohin wir auch gingen.  

Heldentage I

Dass da jetzt jemand war. Nebenan. Das war eine gute Sache. Einen Schritt machen. Und dann den nächsten machen. Und zwischendrin manchmal eine Pause. Aber immer weiter. Irgendwann. Selbst wenn sonst nichts geschah, einfach nichts passierte und man nie wusste, ob das jetzt das Ende war, der Stillstand der Zeit, oder nur ihr zäher Fluss, manchmal hörte man Schritte. Oder das Knarzen einer Tür. In der Langsamkeit lag Eile oder war es umgekehrt? Es ging darum Schritte zu machen. Zum Ziel zu gelangen. Aber um Schnelligkeit? Das schien so fern. Alles. Dieser Rückwärtssog. Einen Schritt machen. Und dann den nächsten machen. Das war alles. Nie Musik, nie Gespräche, nicht mal Wortfetzen, keine Stimmen. Aber Bewegungen, deren Geräusche gut taten in der eigenen Bewegungslosigkeit. Das Knarzen der Türen wie ein Signal der Zeit. Ich bin noch da. Wohin die Schritt gingen. Immer nach vorne. In welche Richtung spielte dabei keine Rolle. Egal in welche Richtig, es war wenigstens Bewegung. Es sind keine Heldentage. Es sind Tage an denen es regnet, obwohl für jeden anderen die Sonne …

Liebesbrief an das Mädchen ohne Arm: Videolesung I

Heute gibt’s wieder was auf die Ohren: „Liebesbrief an das Mädchen ohne Arm“. Wer es nicht so mit Texten hat oder wem beim Zuhören die Ohren bluten, weil er meine Stimme nicht mag, sei hiermit herzlich eingeladen ohne Ton zu gucken und statt des Textes meinen Hut zu bewundern. Ich wünsche sowohl bei dem Einen als bei dem Anderen viel Freude und natürlich sowieso und überhaupt ein allerfeinstes Wochenende! Treibt’s bunt und bleibt munter. Ps. Den zweiten Teil gibt’s morgen. Für so einen schönen „allesineinem“- Abwasch ist meine Ausstattung leider nicht gut genug. Aber he! Zwei Teile! Da kann man einen Cliffhanger einbauen,da bleibts spannend und die Leute zahlen zwei Mal an der Kinokasse. Nur, dass es hier keine Kasse gibt. Tja.

Baumbinder: Videolesung

Voll im Videodrehmodus. Schlechtes Videobearbeitungsprogramm: Check. Mittelmäßige Kamera: Check. Eigentlich null Ahnung: Check. Aber Macken machen bekanntlich charmant („ich mach mir die Welt, widde widde widde wie sie mir gefällt!“)und die Schallplatten früher waren doch auch nur so gut, weil sie immer so schon geknackt haben. Danke an die tollste Mitbewohnerin der Welt (yes: abgeschmackte Superlative und oberharte Schleimereien: yummi!) für diesen fancigen Sessel. Konnte ich mir nicht nehmen lassen, den von oben bis unten zu filmen. Damit der auch mal zur Geltung kommt. Allein diese Fransen. Das passt dann auch zum Schallplattenknacken. In diesem Sinn: Play!

Baumbinder

Das Schönste in der Gegend hier war lange Zeit das Klo. Die von der Stadt haben es aufgestellt, damit sie nicht immer an die Häuserwände und die Bushaltestelle schiffen. Das hat auch ganz gut funktioniert. Vielleicht weil das Klo so modern daherkam und es darauf nicht so sehr stank, weil immer ein guter Luftzug durchwehte oder vielleicht auch, weil es angenehmer war mal in Ruhe und unbeobachtet zu pissen. Er weiß es nicht so genau. Manchmal denkt er auch, dass das Klo vielleicht so einen Erfolg hatte, weil es der einzige Ort war, an dem man mal seine Ruhe haben konnte von den Nervensägen. Die anderen halt. Haben ständig was zu meckern alle und immer gibt es was zu diskutieren und selten sind sie sich einig. Er auch nicht. Er ist sich auch nie einig mit den anderen. Aufs Maul gibt‘s nicht mehr so oft. Liegt wahrscheinlich am Alter. Sie haben alle weniger Kraft und weniger Schwung als früher. Das Alter macht sie alle zittrig und sie können schlechter zielen als früher, das auch. Wenn …

Liebesbrief an das Mädchen ohne Arm

(Zeichnung: U.Ulusoy)  Schon die Überschrift ist so unglücklich gewählt, dass ich sie entweder noch ändern oder diesen Brief niemals werde abschicken können. Was du daran verabscheuen würdest:1) Das Wort Liebe in Liebesbrief. (Du hältst es sicher für eine furchtbare Illusion. Schlimmer noch für eine abgeschmackte Ideologie. „Du liegst falsch. Ich halte es weder für eine Illusion, noch für eine Ideologie. Sondern schlicht für eine schlechte Idee. Mitunter haben natürlich auch schlechte Ideen so ihre Magie. Aber das sind flüchtige Glanzpunkte in der Düsternis“, würdest du kontern. Was sollte ich darauf erwidern?) 2) Dass ich dich Mädchen nenne. (Nicht, dass du es zugeben würdest oder mir gar mit irgendwelchen feministischen Argumenten kommen. Aber im Stillen würdest du mir doch unterstellen, ich wolle dich degradieren. Dabei finde ich Mädchen schlicht zärtlicher als Frau. Aber selbst diese Zärtlichkeit empfändest du sicher als eine Zumutung.) 3) Das Attribut ohne Arm. („Als wäre es das einzige, was mich ausmacht. Als wäre es das, was mich definiert“, würdest du mit Nachdruck flüstern, so wie du immer flüsterst, wenn es dir ernst …

Zeitfenster

(Fred sagt, ich solle keine zusammenhangslosen pseudoliterarischen Ergüsse posten. Das interessiere niemanden. Auf meine Entgegunge, es sei fraglich, ob sich überhaupt jemand für irgendwelche meiner Ergüsse interessiere, wie auch immer sie geartet seien, antwortete es, dass das zwar stimme, aber man müsse es ja nicht noch schlimmer machen. Ich tues trotzdem. Etwas zu tun, von dem andere mir abraten ist sowieso seit eh und je meine Lieblingsbeschäftigung. Reaktanz for life, jiha (sinnlose Ausrufe am Ende des Satzes zählen übrigens auch dazu!)) In griechischen Ruinen saß irgendwo ein alter Mann und dachte nach. Er sinnierte so über dieses und jenes, wie nur diejenigen sinnieren, die alle Zeit der Welt haben, weil ihnen sonst nichts geblieben ist. Dabei aß er Oliven, deren Kerne er auf den Boden spuckte. So wuchs um ihn herum langsam aber stetig ein Berg Olivenkerne. Der alte Mann war sehr alt. Sehr, sehr alt. Es fehlten ihm die Haare auf dem Kopf, dafür war sein Bart umso länger. Er schwitzte sehr darunter, aber ihn zu schneiden, dafür waren seine Bewegungen zu tatterig, die …